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Darmstadt 98 „Lilien“ wollen Antrag auf Insolvenz stellen

07.03.2008 ·  Nach einem Vierteljahr voller Spekulationen herrscht nun Gewissheit: Die wirtschaftliche Situation des Traditionsvereins SV Darmstadt 98 ist verheerend. Der einstige Bundesligaklub muss 1,1 Millionen Euro Steuern nachzahlen und steht vor der Insolvenz.

Von Steffen Gerth
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Nach einem Vierteljahr voller Spekulationen herrscht nun Gewissheit: Die wirtschaftliche Situation des SV Darmstadt 98 ist verheerend. Im Dezember vorigen Jahres begann das Finanzamt Darmstadt, das Geschäftsgebaren des Traditionsvereins zu untersuchen - seit Donnerstag liegt das Ergebnis der Ermittler vor: Die „Lilien“ müssen 1,1 Millionen Euro an Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträgen nachzahlen. Die Sozialabgaben beschreiben dabei sogar drei Viertel der Summe, wie es der Frankfurter Sport- und Wirtschaftsrechtsanwalt Klaus Rüdiger Fritsch im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung formulierte. Fritsch ist der juristische Beistand der „Lilien“ in dieser Angelegenheit.

Dieses Geld wird der Verein nicht aus eigener Kraft aufbringen können, denn allein die bisherigen Verbindlichkeiten belaufen sich auf rund eine Million Euro. „Wir sind überschuldet“, sagt Präsident Hans Kessler. Am Mittwochabend kam sein Präsidium zum Entschluss, beim Darmstädter Amtsgericht Antrag auf Insolvenz stellen. Bis dahin haben die „Lilien“ freilich noch gut drei Wochen Frist. Sollte innerhalb dieser Zeit durch wundersame Weise ein Geldgeber gefunden werden, wird der Insolvenzantrag hinfällig. Wenn dieser gestellt worden ist, kann er wieder zurückgezogen werden, falls der Verein zügig Zugang zu Geldquellen finden sollte. Und selbst ein Insolvenzverfahren muss noch nicht das Ende des Vereins bedeuten. Es ist ja möglich, dass der dann tätige Insolvenzverwalter Wege findet, aus Werten der „Lilien“ Kapital zu schlagen.

„Wir sind nicht zahlungsunfähig“

Viel Theorie. Und die Praxis? Tom Eilers, der Sportmanager, sagt, dass die Oberligamannschaft vorerst weiter so Fußball spielen werde wie gehabt. Denn die Gehälter könnten gezahlt werden, auch seien von den Steuerermittlungen keine aktuellen Spieler betroffen. „Wir sind nicht zahlungsunfähig“, betont Eilers. Trotzdem knabbert auch der sonst so selbstbewusste Rechtsanwalt an dieser enormen finanziellen Forderung, „das haut dir wie eine Keule auf den Kopf“. Eilers und auch Kessler vermeiden es aber, nach Schuldigen für diesen Missstand zu suchen.

Die Darmstädter Steuerfahnder hatten die Spielerverträge der vergangenen fünf Jahre am Böllenfalltor durchleuchtet und sind offenbar zur Erkenntnis gekommen, dass die Bezahlmodi aus Übungsleiterfreibeträgen, Handypauschalen, Minijobs und Darlehen konsequente versteckte Gehaltszahlungen beschreiben. Urheber dieser Schachtelverträge ist Uwe Wiesinger, von Beruf Steuerberater und im Herbst 2007 am Böllenfalltor als bisheriger Berater des Präsidiums von Kessler freigestellt. Zu Beginn der Nachforschungen des Finanzamtes waren die Ermittler sowohl bei Wiesinger als auch beim früheren Sportlichen Leiter Thomas Schmidt sowie beim aktuellen Präsidiumsmitglied Wolfgang Arnold vorstellig geworden.

Appell an die Fans

„Uwe Wiesinger ist jetzt für mich nicht das Thema“, sagt Kessler. Das wird sich ändern. Doch im Moment ist für den Präsidenten nur wichtig, wie Darmstadt mobilisiert werden kann, dem populärsten Verein der Stadt zu helfen. Zudem wird Kessler in den nächsten Tagen zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des SV Darmstadt 98 einladen. Die Fans werden auf jeden Fall initiativ, verspricht Fanprojektleiter Sascha Rittel. Schon am Donnerstagabend wurde beraten, was getan werden kann.

Eilers sagt, dass die Darmstädter „jetzt mit den Füßen abstimmen müssen“, ob sie die „Lilien“ wollen. Das heißt: massiver Zuschauerzuspruch zu den Oberligaspielen am Böllenfalltor. Zudem plant der Verein Benefizaktionen, denkbar sind Privatspiele gegen Bundesligateams. Sehr wahrscheinlich wird sich auch der Darmstädter Oberbürgermeister Walter Hoffmann in die Rettung einschalten. Nur seinem Engagement ist es ja zu verdanken, dass im September 2007 die perspektivlose „Lilien“-Vereinsführung inklusive Wiesinger von Kesslers Mannschaft abgelöst worden ist. „Es ist bitter für den neuen Präsidenten, dass er für die schlimmen Fehler aus der Vergangenheit büßen muss“, sagt Hoffmanns Sprecher Frank Horneff.

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