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Veröffentlicht: 16.06.2017, 10:11 Uhr

Transfermarkt Warum die Preise im Fußball explodieren

Die Bayern holen den unbekannten Corentin Tolisso für 41,5 Millionen Euro. Doch die Summe ist nichts im Vergleich zu anderen Transfers. Die Verpflichtung der Münchner wirft nun zwei Fragen auf.

von , München
© dpa Corentin Tolisso will sich nun auch bei den Bayern einen Namen machen.

Franzosen waren für den FC Bayern München bisher fast immer ein guter Griff. Und für die deutsche Öffentlichkeit nicht selten eine Überraschung. Vor allem die Vornamen erweiterten die Vorstellung dessen, was man aus dem Nachbarland kannte. Nur Jean-Pierre, das klang gewohnt französisch (bei dem früheren Torjäger Papin). Doch Franck und Willy hörten sich eher nach Bekanntschaften aus einer deutschen Eckkneipe an – die Namen des unverwüstlichen Wirblers Ribéry und des einst populären Außenverteidigers Sagnol, der nun als Trainerassistent zurückkehrt.

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Die beiden dürfen bald einen Landsmann begrüßen, dessen Vorname ebenfalls ungewohnt klingt, fast so wie der des früheren Verteidigers Bixente Lizarazu und des aktuellen Flügelstürmers Kingsley Coman: Corentin, ein Name wie aus einem Musketierfilm. Die noch größere Überraschung aber stellt der Nachname dar, vor allem wenn man ihn verbunden sieht mit der Ablöse von 41,5 Millionen Euro, der höchsten, die je ein Bundesligaklub bezahlt hat.

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Der Transfer, den der deutsche Meister am Mittwoch abgeschlossen hat, wirft zwei Fragen auf: Wer ist Corentin Tolisso? Und wie teuer sind heute Spieler mit Namen, die man kennt? In Fachkreisen ist Tolisso natürlich kein Unbekannter. Aus der Nachwuchsschule von Olympique Lyon ist der Franzose mit togolesischen Wurzeln zu einem vielseitigen Mittelfeldspieler herangewachsen und bestritt im März sein erstes Länderspiel. In der abgelaufenen Saison bewies er zumeist im offensiven Mittelfeld seine Torgefahr mit 14 Treffern in 47 Spielen. Er fühlt sich aber nach eigener Aussage auf den etwas defensiveren Positionen im Zentrum wohler.

Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge vergleicht den Transfer mit dem von Javi Martínez, der 2012 für die bisherige Rekordsumme von vierzig Millionen aus Bilbao kam und „auch nicht so wahnsinnig bekannt war“. Tolisso sei „ein Spieler, der uns und auch dem Trainer von Anfang an sehr gut gefallen hat“ – und auf den „der FC Bayern sich freuen“ dürfe. Der Neue soll die Planstelle des Taktgebers im Mittelfeld übernehmen, die durch Xabi Alonsos Rücktritt frei wurde. Die Präzision des spanischen Altmeisters wird er nur schwerlich auf Anhieb erreichen. Dafür bringt er mit 22 Jahren, dreizehn weniger als Alonso, schnellere Beine ins Mittelfeld und, nach den beiden 21-jährigen Zugängen Niklas Süle und Serge Gnabry, eine weitere Verjüngung in den zuletzt etwas angegrauten Kader.

© Opinary

Allerdings dürfte von einem Rekordeinkauf mehr erwartet werden als nur die Stabilisierung eines Teams, das die Bundesliga ohnehin seit Jahren dominiert. Ob Tolisso die Bayern auch in der Champions League, auch im Vergleich mit Konkurrenten wie Real Madrid, weiterbringt? 41 Millionen für einen bisher in Deutschland Unbekannten, eine solche Summe kann zur Last für einen Spieler werden und bedarf der Moderation. Rummenigge betonte deshalb die „große Konkurrenz aus dem Ausland“, die man bei Tolisso ausgestochen habe. Auch der AC Mailand, Juventus Turin, Tottenham und vor allem der FC Chelsea sollen interessiert gewesen sein. Da Chelsea auch bei Süle abgeblitzt war, birgt das die Genugtuung für die Bayern, in der europäischen Hackordnung zumindest mit den Großklubs aus England und Italien noch konkurrenzfähig zu sein.

Die großen Transfer-Trophäen bleiben jedoch Sache der Spanier. Beim 3:2-Sieg des französischen Nationalteams über England, bei dem Tolisso am Dienstag auf der Bank saß, wirbelte vorn der neue, 18-jährige Superstar Kylian Mbappé, für den Real 130 Millionen Euro geboten haben soll, gemeinsam mit dem 20-jährigen Dortmunder Ousmane Dembélé, der das Siegtor in Unterzahl schoss und zuletzt vom FC Barcelona umworben wurde – auch er, vor einem Jahr für 15 Millionen gekommen, längst auf dem Weg in die Umlaufbahn astronomischer Summen.

© AP, reuters Bayern verpflichten Tolisso: Der teuerste Einkauf der Bundesliga

Die Bayern haben Transfers in der Größenordnung von mehr als 50 Millionen Euro aus kaufmännischer Vorsicht seit jeher gemieden, dadurch aber auch Gelegenheiten verpasst wie die, schon vor einigen Jahren einen Antoine Griezmann zu bekommen, der nun längst in der Liga jenseits der hundert Millionen spielt. Nun sind ihnen die Preise, gedopt durch irre TV-Summen und viel Geld aus Asien, weggelaufen – und Verpflichtungen jener „Granaten“, von denen Präsident Uli Hoeneß sprach, immer schwieriger geworden.

Die ökonomische Vernunft, die diesen Klub in einer Vabanque-Branche groß gemacht hat, wirft man eben nicht einfach über Bord. Und auch die 41,5 Millionen für Tolisso (die durch leistungsbezogene Klauseln bis auf 47,5 Millionen steigen können) sind kein übermäßiges Risiko. Sie dürften schon bald refinanziert werden – durch den Verkauf von Douglas Costa, vor zwei Jahren als Ribéry-Nachfolger geholt, zuerst furios, zuletzt enttäuschend. Juventus Turin will den Brasilianer. Es soll nur noch um die Ablöse gehen – irgendwo zwischen vierzig und fünfzig Millionen, mittlerweile so etwas wie der europäische Fußballtarif für gehobenen Durchschnitt.



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