10.05.2011 · Der sportlich erfolglose Eintracht-Trainer Daum ist nun doch bereit, auch in der zweiten Liga in Frankfurt zu arbeiten. Er habe in kürzester Zeit die Stadt und den Verein „ins Herz geschlossen“, sagt Daum - und teilt heftige Medienschelte aus.
Von Josef Schmitt, FrankfurtGiovanni Trapattoni hat einst als Trainer beim FC Bayern München eine Wutrede gehalten. Das „Flasche leer“ des italienischen Trainers hat längst Kultcharakter. Ganz ähnlich war es bei ehemaligen Teamchef der Nationalmannschaft Rudi Völler in dem legendären Interview mit dem damaligen ARD-Moderator Waldemar Hartmann. Völlers verbaler Ausraster nach einem Länderspiel auf Island („Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören“) vor den Kameras hatte höchsten Unterhaltungswert. Seit Dienstag gibt es ein neues Trainerinterview, das im Fernsehen und im Internet große Aufmerksamkeit erregt hat und erregen wird.
Christoph Daum, sportlich erfolgloser Trainer der Frankfurter Eintracht, hat vor laufenden Kameras Journalisten des Hessischen Fernsehens beschimpft. Und ganz am Rande seines über zwanzig Minuten dauernden Interviews für eine große Überraschung gesorgt. Der 57 Jahre Fußballlehrer, der noch vor zwei Wochen ein Engagement in der Zweiten Liga kategorisch ausgeschlossen hatte, sprach nun plötzlich von einer möglichen gemeinsamen Zukunft mit der Eintracht auch bei einem Abstieg aus der Bundesliga. „Im ersten Gespräch mit Heribert Bruchhagen war unsere Zusammenarbeit auf zweieinviertel Jahre ausgelegt“, sagte Daum, „an dieser Grundintention hat sich nichts geändert.“
Soll Beiersdorfer neuer Sportdirektor werden?
Daum kann sich nun also doch vorstellen in der Zweiten Liga weiterzuarbeiten. Dies auszuschließen sei ein „großer Fehler“ gewesen, den er nun korrigieren wolle. Er habe in kürzester Zeit die Stadt Frankfurt und den Verein Eintracht „ins Herz geschlossen“, sagte Daum und kündigte an, sich zu gegebener Zeit mit Eintracht-Chef Bruchhagen zusammenzusetzen „und eine Entscheidung im Sinne der Eintracht zu treffen“. Die Aussage vor wenigen Wochen, für die Zweite Liga gebe es „bessere Trainer“, die besser informiert seien über diese Liga, gelte nun nicht mehr. Daum: „Natürlich habe ich keine absolute Ahnung von der Zweiten Liga, aber die könnte ich mir selbstverständlich aneignen.“
Vorstandschef Bruchhagen wollte den Umfaller seines Trainers am Dienstag nicht kommentieren. Derweil haben mehrere Aufsichtsratsmitglieder, unter anderem der Vorsitzende Wilhelm Bender, dementiert, bereits Gespräche mit dem ehemaligen Hamburger Dietmar Beiersdorfer für die Position als neuen Sportdirektor geführt zu haben.
Daum: „Wir haben hier hervorragende Arbeit geleistet“
Daum hinterließ nach der Depression nach dem Köln-Spiel beim ersten Training der Woche vor dem wahrscheinlich letzten Saisonspiel in Dortmund einen in jeder Beziehung kämpferischen Eindruck. Kommentare, die ihn in Frankfurt als „gescheitert“ beschreiben, haben ihn wütend und angriffslustig gemacht. „Wir haben hier hervorragende Arbeit geleistet und wir werden hier weiter beste Arbeit abliefern“ sagte Daum fast trotzig, „ich werde nicht scheitern“.
Dass die Ergebnisse nicht stimmen, kann und will er natürlich nicht bestreiten, der Sturz der Eintracht auf den Abstiegsplatz 17, lediglich drei Unentschieden in sechs Spielen sprechen eine klare Sprache. „Wir sind angreifbar, weil wir keine Ergebnisse geliefert haben und darüber sind wir auch selbst enttäuscht“, sagt er, aber dies rechtfertige nicht die persönlichen Angriffe. Zudem gebe es ja noch einen Rest Hoffnung, „auch wenn die Konkurrenten in einer besseren Position sind.“
Die Nerven rund um die Eintracht sind mehr als angespannt
Daum fühlt sich und die Eintracht ungerecht behandelt, vor allem vom Hessischen Rundfunk. Sowohl Heribert Bruchhagen als auch er selbst würden persönlich beleidigt. Aussagen in der Sendung „Heimspiel“ am Montagabend, Bruchhagen sei in Zukunft wohl nur noch ein „Frühstücksdirektor“, seien nicht akzeptabel. „Sie wollen mich über den Haufen schießen mit ihrem Sender“, tobte Daum, „aber sie sind nicht der Sender, der sich alles erlauben kann.“ Einen Reporter des HR beschimpfte der Eintracht-Trainer als „skrupellos“, empfahl ihm, „ruhig weiter draufzuhauen“ auf die Eintracht. „Aber wir kommen wieder, ganz sicher“, fügte er hinzu. Dem Sender warf er in Zusammenhang mit den Bildern und den Kommentaren der Fan-Randale „öffentlichen Voyeurismus“ vor. „Durch die Berichterstattung werden diese Leute noch geadelt“, glaubt Daum, er würde sich „mehr Verantwortungsbewusstsein“ wünschen. Die Eintracht habe in der überwiegenden Mehrzahl „wunderbare Fans“, sagte er, „zu diesen Fans stehe ich“. Alle anderen seien nicht repräsentativ.
Die Nerven rund um die Eintracht sind mehr als angespannt in diesen Tagen, was auch eine Szene am Rande des Trainings deutlich gemacht hat. Kapitän Patrick Ochs wurde von einem Zuschauer übel und unter der Gürtellinie beschimpft, wehrte sich verbal und musste von Daum beruhigt werden. Der Spieler müsse die Ohren „auf Durchzug“ stellen, riet der Trainer, dies sei ein weiteres Beispiel dafür, dass die Konzentration leide, wenn das Training öffentlich sei.