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Christian Pander Herr der ruhenden Bälle

 ·  Kein anderer Spieler in der Bundesliga tritt gefährlichere Eckbälle als der Hannoveraner Christian Pander. Viel Zeit zum Üben bleibt aber nicht. Am Sonntag (15.30 Uhr) will Pander Bremen mit seinen Standards ärgern.

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© dpa Vergrößern Besonders beliebt: Christian Pander (Zweiter von links) lässt seine Mitspieler gut aussehen

Wenn Christian Pander von seinem Stammplatz hinten links nach vorne rechts läuft, um einen Eckball zu schießen, ist das mehr als der Weg von A nach B. Dann bleiben ihm einige Sekunden, um aus einer Fülle von Möglichkeiten auszuwählen, wie er den Ball in den Strafraum senden wird.

„Es ist wie Angebot und Nachfrage“, sagt Pander, „mein Angebot, einen Eckball zu schießen, richtet sich nach der Nachfrage im Strafraum.“ Pander nimmt dann den Kopf hoch, er schaut, wer seiner Kollegen von Hannover 96 mitgelaufen ist, wer in der Mitte steht, wer sich wie bewegt. Was der Gegner macht.

Er scannt die Bewegungen auf dem Rasen und verschafft sich einen Überblick. Es ist mehr als Instinkt. Seinen großen Auftritt hatte Pander vor drei Wochen. Im Spiel gegen den VfB Stuttgart wurde der Achtundzwanzigjährige zum Helden des ruhendes Balles.

Zweimal schlug Pander den Ball aus seiner Ecke heraus scharf in den Strafraum, wenig später jubelten die Fans. Und die Kollegen. Er selbst erduldete es eher, als ihm alle für die Vorlagen zu zwei Treffern dankten: „Die Heldenpose ist nichts für mich. Ich dränge nicht so in den Mittelpunkt. Ich leiste gern meinen Beitrag.“

Beckham und Böhme als Vorbilder

Sieben solcher Vorlagen sind in dieser Saison zu Toren für Hannover geworden. Doch ein Eckball ist nicht gleich ein Eckball, es gibt situationsabhängige Variablen: Welche Kollegen er im Strafraum anspielen kann, ist vom Spielstand abhängig: „Wenn wir kurz vor Schluss 2:1 führen, bleiben die besten Kopfballspieler hinten. Dann ist direkt in die Mitte natürlich nicht gut, besser eine spielerische Ecke ohne Risiko. Wenn wir kurz vor Schluss zurückliegen, gibt es nur Risiko. Also scharf und mit Schnitt vor das Tor“, sagt Pander.

Das Bild des Scharfschützen begleitet den in Münster geborenen Pander durch seine Karriere. Seit er in der A-Jugend des FC Schalke 04 zweimal die Woche Extraschichten schob, um an seiner Technik beim ruhenden Ball zu feilen, hat Pander unzählige Eckbälle und Freistöße mit seinem linken Fuß geschossen. Nachgeeifert hat er dabei David Beckham und seinem Schalker Kollegen Jörg Böhme, beides ausgewiesene Fachkräfte bei Standardsituationen.

Pander sagt: „Es ist meine Stärke, es wird immer wieder hervorgehoben. Das nervt mich nicht. Es ist etwas, das mich im Fußball definitiv ausmacht.“ Es macht ihn sicher eher aus als die Defensivarbeit, die ihm - wie vielen deutschen Linksverteidigern - mehr Mühe bereitet als die Arbeit am ruhenden Ball.

Seine Offensivqualitäten führten ihn 2007 in die Nationalmannschaft. Damals schoss er beim 2:1 gegen England sogar ein Tor. Allerdings aus dem Spiel heraus. Danach wurde es still um Pander. Zweimal fiel er im Trikot des FC Schalke mit schweren Knieverletzungen über anderthalb Jahre aus. Sogar das Karriere-Ende drohte. Das hat den ganzen Menschen verändert, „reifer und gelassener“ sei er geworden, sagt er.

„Ich habe mich gefragt: Ist es noch da?“

Es hat auch den Fußballspieler verändert. „Ich bemerke nur am Rande, wenn das Stadion bei meinen Standards auf mich schaut. Eine Anspannung verspüre ich nicht. Ich muss locker bleiben. Ich stehe nicht da und denke, gleich eine Heldentat zu vollbringen, nur weil ich in der Bundesliga eine Ecke schieße“, sagt Pander und lächelt.

Nach seinen langen Verletzungspausen 2005 und 2009 stellte er sich die Frage, ob seine größte Stärke womöglich verkümmert sein könnte: „Ich habe mich gefragt: Ist es noch da? Sobald es ging und mir erlaubt war, mit Ball zu trainieren, habe ich es ausgetestet. Diese Art zu schießen ist zum Glück etwas, das man nicht verlernen kann. Es ist ein Talent, das mir in die Wiege gelegt wurde.“

Ein paar Standards gibt es bei seinen Standards. Das Ventil liegt nie oben. Einen Lieblingsball hat Pander nicht. Kurz vor dem Schuss läuft ein Programm ab, das Pander nicht näher erläutern kann - es ist ihm mit den Jahren in Fleisch und Blut übergegangen: anlaufen, schießen.

„Ich merke schon dann, wenn mein Fuß den Ball trifft, ob es gut oder schlecht wird. Aber ich kann nicht stehen bleiben und hinterherschauen, ich habe danach ja wieder meinen Platz einzunehmen. Außerdem nützt meine beste Ecke ja nichts, wenn der Gegner sie super abwehrt“, sagt Pander.

„Drei Bälle - alle super“

An manchen Tagen braucht er ein Update. Dann sagt er Trainer Mirko Slomka, dass er nachsitzen möchte. Mit Ersatztorwart Miller und den Pappkameraden als Mauer übt Pander dann Freistöße.

„Manche schießen vierzig Bälle. Mir reichen fünf bis zehn, um das Gefühl für den guten Schuss wieder hinzubekommen. Das mache ich immer wieder, vor allem, wenn ich denke, es war zuletzt im Spiel weniger gut. Die schönsten Tage sind die, wo ich nur drei Bälle geschossen haben - alle super. Dann weiß ich, ich muss nicht mehr weitermachen.“ Das selbstverordnete Einzeltraining ist auch eine Kraftfrage: „Es geht auf die Muskulatur, Bälle scharf reinzubringen. Das kann ich nicht alle zwei Tage machen.“

25. Bundesliga-Spieltag: Bayern wie Barcelona

Im Alltag bleibt wenig Zeit, Standards mit der ganzen Mannschaft zu trainieren. Die Hannoveraner Profis üben ihre Abläufe bei Eckbällen maximal einmal in der Woche, in englischen Wochen überhaupt nicht. Man kann es natürlich auch handhaben wie die Nationalmannschaft und gar keine Eckbälle einstudieren.

Seit Jahren argumentiert Bundestrainer Joachim Löw, dafür fehle ihm vor den großen Turnieren die Zeit. Der beste Eckenschütze der Bundesliga versteht das: „Wenn man die Spiele auch ohne Standards gewinnen kann, kann man sie ruhig vernachlässigen“, sagt Pander. „So wichtig sind sie nun auch wieder nicht.“

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10.03.2012, 19:21 Uhr

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