24.08.2010 · So jemanden hat sonst keiner: Chong Tese ist der erste Nordkoreaner im deutschen Berufsfußball. Beim VfL führt sich der „Wayne Rooney Asiens“ bestens ein - mit zwei Toren und den ersten deutschen Vokabeln.
Von Richard Leipold, BochumDie „Ostkurve“ des Bochumer Stadions blieb leer. Der Deutsche Fußball-Bund hatte die große Stehtribüne, Heimstatt der eingefleischtesten VfL-Fans, gesperrt, weil es von dort aus wiederholt zu Ausschreitungen gekommen war, vor allem am letzten Spieltag der vergangenen Saison. Zum Zweitligastart mussten die Anhänger des Bundesliga-Absteigers auf der Westseite Platz nehmen.
Allerdings kleideten sie die Ostseite mit allerlei Transparenten aus. Neben üblichen Parolen, die von Kampf und Leidenschaft handelten, fand sich dort auch ein ganz neues Spruchband. „Unser Stolz: Tese!“ Am späten Abend war der Stolz noch ein wenig größer. Beim 3:2 über den TSV München 1860 führte Chong Tese sich mit zwei Toren an seinem neuen Arbeitsplatz ein – und ließ sich gemeinsam mit seinen Mitstreitern feiern.
Hoffnung auf den sofortigen Wiederaufstieg haben beim VfL schon andere Stürmer geweckt – der zwischen Schalke und Dortmund beheimatete Revierverein versucht in dieser Saison, zum siebten Mal in die Eliteliga aufzusteigen. Tese aber ist ein besonders beachteter Kicker, nicht nur, weil er prompt getroffen hat. Der 26 Jahre alte Angreifer vermittelt dem oft grau anmutenden Revierklub das Gefühl, etwas zu haben, was andere nicht haben: Tese ist der erste Nordkoreaner im deutschen Berufsfußball. Wer sich darunter einen jungen Mann mit altstalinistischem Habitus vorstellt, liegt falsch. Tese ist in Japan geboren und aufgewachsen, als Mitglied einer koreanischen Familie, die in der dritten Generation dort lebt.
Aufgrund der familiären und politischen Verhältnisse haben sich in seiner Biografie verschiedene Wurzelstränge verknotet. In Japan sozialisiert, besuchte er dort Schulen, deren Lehrpläne eher auf nordkoreanischem Gedankengut basieren sollen. Andererseits ist seine Mutter Südkoreanerin. Tese hätte auch für Japan und Südkorea Fußball spielen können.
Die ersten Vokabeln sind gelernt
Vor drei Jahren jedoch erklärte der multikulturelle Asiate das Land seines Vaters zu seinem Vaterland des Fußballs. Doch damit war es nicht getan. Tese brauchte einen nordkoreanischen Pass. Das ersehnte Dokument zu bekommen, sei „schwierig gewesen für einen in Japan Geborenen“, sagt er. Umso größer war seine Freude, als vor dem ersten WM-Spiel gegen Brasilien die nordkoreanische Nationalhymne ertönte. Der Stürmer brach in Tränen aus, obwohl er die Hymne seiner neuen Fußballheimat vermutlich nicht einmal aus dem Fernsehen kannte; in Japan dürfte die Hymne des kommunistischen Landes nicht oft zu hören sein, und in Nordkorea hat Tese nie gelebt; er war nur ein paar Mal als Besucher dort.
So sehr ihn die Rührung am 15. Juni in Südafrika auch übermannt hat – anders als die meisten seiner Kollegen aus der Nationalmannschaft ist Tese kein stiller Star, der jeden Einblick in sein Innenleben verweigert. Bei Bochumer Mannschaftsabenden etwa zieht er sich nicht diskret zurück, sondern will dazugehören. Dabei schreckt er sogar vor dem einen oder anderen Tröpfchen Alkohol nicht zurück, wie es heißt. Tese lernt eifrig Deutsch und gibt Interviews, die neuerdings sogar von ersten deutschen Vokabeln durchsetzt sind.
„Jong Tae-Se“, „Jeong Dae-se“ oder „Chong Tae-se“?
Nach der Partie gegen München sagte der Stürmer, er sei froh, in Deutschland zu arbeiten. Und vor eigenem Publikum habe er „keine andere Wahl gehabt, als aggressiv zu spielen“. Eine verklausulierte Entschuldigung für die Pokal-Niederlage in Offenbach, bei der nicht nur er eine enttäuschende Leistung geboten hatte. VfL-Trainer Friedhelm Funkel sagt, Tese brauche noch Zeit, um seine Formschwankungen zu beseitigen. „In Offenbach hat man nichts von ihm gesehen, gegen München war er sehr wichtig, weil er zwei Tore gemacht hat.“
Gegen die „Löwen“ zeigte Tese sich wie ausgewechselt. Zuweilen trat er so auf, als wollte er manches Klischee bestätigen, das als Vorschusslorbeer zu werten ist. Wegen seines wuchtigen Vortriebs wird er auch der „Wayne Rooney Asiens“ genannt. Mit Blick auf die Kräfte, die er auf dem Platz walten lässt, bezeichnen ihn andere Beobachter als „menschliche Abrissbirne“. Die Wahrnehmung dieses Fußballspielers ist also höchst unterschiedlich. Wie die Schreibweise seines Namens. „Jong Tae-Se“, „Jeong Dae-se“ oder „Chong Tae-se“, je nach dem, welche seiner Wurzeln gerade zum Vorschein kommt.
Am liebsten ist ihm Chong Tese, abgekürzt „C. Tese“, schon damit die Statistiker nicht durcheinanderkommen. So wurde er in Japan geführt, wo er für den Erstligaklub Kawasaki Frontale in 111 Spielen 46 Tore schoss. Und so steht es auch auf dem Rücken seines Bochumer Trikots mit der Nummer 9. Als Spielertyp sieht Tese sich selbst eher als eine Art Didier Drogba. Falls diese Einschätzung sich als richtig erweist, wird der VfL Bochum (und eines Tages vielleicht auch andere Vereine) noch viel Freude an ihm haben.
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |