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Champions League 32 Stunden für 90 Minuten

19.03.2010 ·  5800 Anhänger unterstützten den VfB Stuttgart beim Champions-League-Spiel in Barcelona. Viele davon reisten mit Fanbussen an. Bastian Steineck ist mittlerweile zurückgekehrt. Ein Reisebericht voller Dosenbier, Fußball-Philosophie und Après-Ski-Musik.

Von Bastian Steineck, Stuttgart - Barcelona - Stuttgart
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Das Abenteuer Barcelona beginnt am Dienstagabend neben dem Stuttgarter Stadion. Auf dem Vereinsparkplatz drängeln sich VfB-Anhänger vor einem knappen Dutzend Bussen: um den Hals rot-weiße Schals, in der einen Hand ein Dosenbier, in der anderen das Handy für ein Abschiedsfoto. Es kann losgehen. Knapp 1000 Fans haben die „Bronze-Reise“ nach Katalonien gebucht: Für 129 Euro gibt es den Eintritt in den Fußballtempel Camp Nou plus Transfer. Jeweils 16 Stunden wird der Bus unterwegs sein, die Rückfahrt erfolgt unmittelbar nach dem Abpfiff. Nur Fliegen ist schöner - der wahre Fan aber nutzt die beschwerliche Busfahrt zur mentalen Einstimmung auf das Spiel.

Die Verhaltensregeln im Bus sind schnell geklärt: Ramazotti und weitere Fahrt-Verpflegung gibt es vorne beim Fahrer zu erstehen, in Barcelona dagegen werde vom Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit abgeraten - unter katalanischer Sonne drohen angeblich empfindliche Geldstrafen. Der Tross setzt sich zu den Klängen einer Après-Ski-CD in Bewegung. Um 20 Uhr 52, nach einer knappen Stunde Fahrtzeit, gerät der Bus erstmals in stockenden Verkehr. Die Stimmung ist gut, Alkoholika und Schnupftabak vertreiben die Zeit. Alle zwei Stunden hält der Bus für Rauch- und Pinkel-Pausen. Den Rastplatz in Montbéliard, etwa eine Stunde hinter der französischen Grenze gelegen, zieren nach dem Kurz-Aufenhalt Aufkleber diverser Fangruppen. Das anstehende Spiel ist noch kein Thema, Interesse finden nur die Ergebnisse der Dienstagsbegegnungen. Da der FC Chelsea gegen Inter Mailand ausscheidet, steigen die eigenen Chancen auf den Titel, so das einhellige Fazit. Auch Schwaben können Optimisten sein. Mittlerweile untermalt schnelle House-Musik die angeregten Konversationen.

Bereits am dritten Halt verlässt niemand mehr seinen Platz, der maßvolle Alkoholkonsum hat die Masse in friedlich-schläfrige Bier- und Siegeslaune versetzt. Der Bus rollt durch Frankreich, der Fan-Tross ruht. Platz für Eitelkeiten ist hier freilich nicht: Die Sitze sind groß, aber nicht luxuriös. Auf der Suche nach mehr Liegekomfort entscheidet sich manch einer für den engen Gang. Die wenigen Frauen im Bus glänzen durch perfekte Vorbereitung mit Nackenkissen und Kuscheldecke. So lässt sich es sich noch schöner vom Wunder von Barcelona träumen.

Zwei Heilgtümer an einem Tag

Am Mittwochmorgen erwacht die Anhängerschaft nur langsam. Zur Morgenwäsche und für einen ersten Kaffee wird eine französische Tankstelle in Beschlag genommen. Der junge Mann an der Kasse reagiert mit Befremden, als die rot-weiße Horde das Gelände entert. Erst beim Verlassen fragt er schüchtern nach: „Le match?“ Der VfB-Anhänger ist stolz: Auch Frankreich kann also kaum den Anpfiff des Spiels erwarten. Als man gegen 10 Uhr 30 die spanischen Landesgrenzen passiert, steigt die Stimmung merklich an. Fan-Gesänge werden inbrünstig intoniert, erste Voraussagen für das Spiel geistern durch den Bus. Eine Niederlage zieht hier niemand in Betracht. Wer sich für ein neunzigminütiges Fußballspiel zweimal 16 Stunden lang in einen Bus zwängt, ist Optimist.

In Barcelona wartet am Hafen ein eigens eingerichteter Fan-Treffpunkt auf die schwäbischen Fußball-Pilgerer. Der Plan der Stadtverwaltung geht auf: Indem man alle deutschen Gäste zusammenhält, beugt man Auseinandersetzungen mit Einheimischen vor. Die einzigen Spanier, die sich auf die Fanmeile trauen, sind ohnehin auf Stuttgarter Seite und geben sich als Fans von Real Madrid zu erkennen. Entgegen aller Erwartungen bleibt sogar Zeit für einen kurzen Spaziergang zur Sagrada Familia. Knapp drei Stunden vor Spielbeginn steuern die Busse die schwäbischen Fans in Richtung der zweiten Kathedrale der Stadt: Es geht ins Camp Nou. Zwei Heiligtümer an einem Tag, wer hätte das gedacht? Eine Ankündigung im Bus sorgt für Hochstimmung: Wenn der VfB in die nächste Runde einzieht, dürfen sich anschließend alle Stuttgarter Busfahrenden vor den Toren der katalanischen Metropole feiern - mit Freibier auf Vereinskosten.

„Hurra, die Schwaben, die sind da!“

Als der Busfahrer die offizielle Champions-League-Hymne einspielt, die später das Einlaufen der Mannschaften untermalt, beginnt das Kribbeln. Das Camp Nou vor Augen wird den Weitgereisten klar: Sie sind am Ziel. Im Fußball-Tempel ist der Aufstieg zum Oberrang, in dem die Gäste-Fans untergebracht sind, eine mittellange Wanderung. Als Torwart Jens Lehmann den Rasen betritt, grüßt er in den bereits vollbesetzten VfB-Block. Dort herrscht mittlerweile beste Laune, die durch das Stadion hallt: „Hurra, die Schwaben, die sind da!“ Insgesamt 5800 davon bevölkern die Ränge, die mit den Billigfliegern angereisten integrieren sich mühelos. Sie waren läppische zwei Stunden in luftiger Höhe, mit Bordservice statt Bustoilette unterwegs, doch für Frotzeleien ist kein Platz.

Den elf weiteren Schwaben auf dem Platz fehlt womöglich auch die intensive Einstimmung auf das Spiel, die 16 Stunden im Bus mit sich bringen: Gegen den argentinischen Wirbelwind Messi und dessen Kollegen wirken sie oftmals nur wie Statisten. Mit dem dritten Tor für die Spanier stellt sich im rot-weißen Rund schleichend Ernüchterung ein. Während die Spieler mit dem Brustring die Fans nicht trösten können, helfen die sich selbst und skandieren in Richtung Barcelona: „Ihr werdet nie Deutscher Meister!“ Nach 90 Minuten ist klar: Champions-League-Sieger könnte Barcelona in dieser Saison durchaus werden.

Träsch denkt an die Fans

Nach dem Spiel bittet der Stadionsprecher die schwäbische Anhängerschaft mit starkem Akzent, im Block zu verharren, bis alle katalanischen Fans außer Reichweite sind - offenbar rechnet man mit Konfliktpotential. Die VfB-Fans erweisen sich indes als gute Gäste: Ihr Team können sie an diesem Abend nicht feiern, umso mehr jedoch sich selbst. Vor den Augen verwunderter Ordner werden minutenlang Sprechchöre intoniert, die im leeren, weiten Stadion ein beeindruckendes Echo erzeugen. Die Welle schwappt durch die rot-weißen Reihen und man fragt sich, ob eine Vier-Tore-Klatsche jemals schon einmal so viel Spaß gemacht hat. Balsam auf die geschundene Fußball-Fan-Seele, die sich in letzter Zeit oft für gewalttätige Aussetzer einiger Weniger verantworten muss.

Auf dem Rückweg zum Bus-Parkplatz sieht man von allzu kritischen Spielanalysen ab. Einer schimpft lauthals in die Runde: „32 Stunden Busfahrt und dann sowas?“ VfB-Verteidiger Träsch scheint zeitgleich einen ähnlichen Gedanken zu haben, wie die Zeitungen später zitieren: „Man muss größten Respekt vor den vielen Fans haben: was die alles auf sich nehmen, um uns zu unterstützen.“ Wie froh er wohl war, wenig später ins Flugzeug klettern zu können.

Zeit für Fußball-Philosophie

Auch die Busreisenden wünschen jetzt eine schnelle Rückkehr herbei. Den Billigfliegern zum Trotz beginnt nun jedoch der zweite Teil der Wallfahrt, ohne optimistische Vorfreude auf das Spiel der Spiele. Als der Bus gegen Mitternacht die Stadttore Barcelonas wieder verlässt, vermischen sich im Inneren Gerüche nach Bier und Schweiß. Zu späterer Stunde werden die Einwechslungen des Trainers kritisch hinterfragt, Jens Lehmann für die ein oder andere Aktion gerügt. Ansonsten gibt sich das Fanvolk dem Schlaf hin.

Der Donnerstagmittag bietet gedanklichen Raum für Fußball-Philosophie: Es werde Zeit, am Samstag gegen Hannover in den Alltag Bundesliga zurückzukehren. Für einen der Busreisenden ist die Wirklichkeit freilich noch näher: Um 14 Uhr wollte der Bankangestellte wieder hinter dem Schalter stehen, den Anzug hatte er extra eingepackt. Als der Bus mit zweieinhalb Stunden Verspätung in Stuttgart ankommt, wird auch dieses Vorhaben still und leise beerdigt. So wie die Champions League.

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