Borussia Dortmund hat Marco Reus verpflichtet, den begehrtesten Jungprofi der Bundesliga neben BVB-Star Mario Götze. Wie haben Sie Ihren Hauptkonkurrenten Bayern München ausgestochen?
Ich weiß gar nicht, ob Bayern München unser Hauptkonkurrent war, es gab auch noch den einen oder anderen hochkarätigen Klub aus dem Ausland. Aber die Bayern haben sich relativ deutlich positioniert, das stimmt. Insofern freuen wir uns, dass Marco Reus sich für uns entschieden hat. Dabei haben mehrere Faktoren eine Rolle gespielt.
Welche?
Unüblich ist sicher, dass es keine vorrangig finanzielle Entscheidung war. Das zeigt sich schon, wenn man betrachtet, wer ihn sonst noch haben wollte. Es ist ja klar, dass man bei uns nicht das Geld verdienen kann, was solche Klubs zahlen. Aber Marco Reus fühlt sich hier wohl und kommt in eine Mannschaft, die Potential hat. Ich glaube, ein junger Spieler wie er braucht ein sehr intaktes Umfeld. Deshalb hat er wohl auch überlegt, in Gladbach zu bleiben. Aber er hat die richtige Entscheidung getroffen. Man wird uns wohl zugutehalten, dass wir jungen Spielern ein erstklassiges Gesamtpaket inklusive homogener Umgebung bieten.
Sie bleiben also bei Ihrer Linie, keine Stars zu verpflichten, die zu den Spitzenverdienern der Liga gehören wollen?
Wir möchten eine Gehaltshygiene in der Mannschaft behalten.
Wie haben Sie Reus überzeugt?
Wir hatten sicher den Vorteil des Titelgewinns im vergangenen Jahr. Da hat Marco gesehen, in Dortmund ist auch einiges möglich. Hinzu kommt, dass wir in der Saison nach Meisterschaft als Bundesliga-Zweiter auch wieder in der Spur sind. Begleitend hat auch das Thema Dortmund als Stadt, als Lebensmittelpunkt eine Rolle gespielt. Seine Eltern und seine Freundin wohnen hier. Er ist hier geboren und hat einige Jahre in der Jugend von Borussia Dortmund gespielt, das verbindet.
Aber nach der U17 ist Reus nach Ahlen gewechselt. Hat der BVB da ein Talent übersehen?
Die Entwicklung eines Jugendlichen verläuft manchmal sprunghaft. Das kann man nicht immer richtig einschätzen. Ich weiß das, weil ich selbst einen siebzehnjährigen Sohn habe. Aber Borussia Dortmund hat Marco nicht weggeschickt, wie es manchmal rüberkommt, sondern er wollte wechseln, weil er mit dem Trainer nicht so gut klarkam und nicht immer gespielt hat. Der Schritt nach Ahlen war damals wohl richtig. Auch der anschließende Wechsel nach Gladbach war vernünftig.
Jetzt müssen Sie einen Spieler, den der BVB mit ausgebildet hat, für viel Geld zurückkaufen. Haben Sie zu spät gemerkt, wie gut Reus werden kann?
Wir hätten ihn gern schon verpflichtet, bevor er seinen Vertrag mit Gladbach verlängert hat, aber wir konnten die damalige Ablösesumme noch nicht bezahlen.
Ist das Geld für Reus schon verdient, oder finanzieren Sie die 17,5 Millionen Euro Ablöse im Vorgriff auf künftige Einnahmen, wie es etwa Schalke manchmal gemacht hat?
Wir haben im vergangenen Geschäftsjahr 9,5 Millionen Euro Gewinn nach Steuern erzielt, ohne in der Champions Leage zu spielen. In dieser Saison wird es - mit Champions-League-Teilnahme - sicher nicht weniger sein. Das führt dazu, dass wir uns so einen Transfer leisten können.
Ist die Personalie Reus auch ein Signal in Richtung München, das besagt: Seht her, ihr bekommt nicht mehr jeden Spieler, den ihr wollt. Wir Dortmunder sitzen euch nicht nur auf dem Rasen im Nacken?
Nein, überhaupt nicht. Bayern München besitzt wirtschaftlich eine ganz andere Position als wir und als alle anderen in der Bundesliga. Wir sind etwas näher herangerückt, aber der Abstand ist immer noch immens. Vor zwei Jahren trennten uns beim Jahresumsatz noch 230 Millionen Euro, jetzt trennen uns noch ungefähr 115 Millionen. Aber wir sind nicht so blauäugig zu glauben, dass es so weitergeht. Bayern wird in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren - länger kann ich das eh nicht überblicken - in Deutschland eine Sonderposition bekleiden, die kein anderer Verein auch nur im Ansatz erreichen kann. Daraus resultiert, dass Bayern München sich auf Dauer mehr wird leisten können als Borussia Dortmund. Wir sind da gar nicht neidisch, sondern akzeptieren das. Wir wollen Bayern München nicht angreifen, sondern den Abstand noch ein wenig verkürzen. Mehr ist für uns nicht drin. Wir freuen uns allerdings, wenn es uns ab und zu gelingt, ein Spiel gegen Bayern zu gewinnen, aber mehr ist da nicht.
Es klingt fast so, als hielten Sie es für unmöglich, den Titel zu verteidigen, obwohl der Rückstand nur drei Punkte beträgt und Bayern in der Rückrunde nach Dortmund muss. Ist das nicht nur Taktik?
Ich sehe die höchste Titel-Wahrscheinlichkeit bei Bayern München. Wir sind kein Bayern-Jäger, sondern Punktejäger.
Warum so bescheiden? Muss der BVB als aktueller Meister und Bundesliga-Zweiter mit einer so talentierten Mannschaft nicht den Anspruch haben, die Bayern herauszufordern?
Natürlich wollen wir uns oben etablieren und gerne auch wieder in die Champions League kommen. Wir wissen, dass wir eine gute Mannschaft haben, mit extrem hohen Entwicklungs-Chancen. Deshalb haben wir auch den Reus-Transfer gemacht. Wir glauben, dass unser Potential dadurch noch erhöht wird.
Reus wird gesetzt sein, aber wird es dann in der Offensive für Spitzenkräfte wie Kagawa und Barrios nicht eng?
Wir brauchen eine größere Konkurrenzsituation auf den offensiven Positionen. Es muss Dampf auf dem Kessel sein. Sonst kannst du nicht die letzten Prozentpunkte aus den Spielern herauskitzeln. Das ist bei Borussia Dortmund besonders wichtig.
Warum?
Wegen unseres speziellen Spielstils. Uns fehlt nur eins: Erfahrung. Diesen Mangel müssen unsere Spieler mit fünf Prozent mehr Engagement und Laufarbeit auffangen, zumindest bis sie die Erfahrung gesammelt haben, einen Vorsprung auch mal zu verwalten. Solange wir das nicht können, brauchen wir, mehr als andere Mannschaften, eine solche Konkurrenzsituation. Danach mag irgendwann ein Ausleseprozess einsetzen, doch jetzt hat jeder die Chance, sich durchzusetzen.
Lucas Barrios, der erfolgreichste BVB-Schütze des Meisterjahres, steht in dem Ruf, schlechte Laune zu haben, wenn er nicht spielt oder nicht von Anfang an.
Ein Torjäger wie Lucas hat immer ein ausgeprägtes Ego, sonst besäße er ja nicht genug Selbstvertrauen. Möglich, dass er sich einen Wechsel vorstellen kann. Das ist nicht das, was wir wollen. Falls Barrios jedoch der Meinung ist, unbedingt wechseln zu müssen, und ein Angebot kommt, das auch für uns außergewöhnlich interessant ist, dann werden wir ein Gespräch führen. Lucas hat sich hier die ganze Zeit sehr gut benommen und viel geleistet. Aber momentan gibt es nichts Konkretes und somit auch keinen Gesprächsbedarf.
Es muss doch einen Verein geben, der die Bayern unter Druck setzt, im Interesse der Liga, des großen Ganzen. Ist es ein deutsches Phänomen, dass ein Klub sogar von seinen ärgsten Konkurrenten so uneingeschränkt als Branchenführer akzeptiert wird?
Deutschland hat in Europa eine Ausnahmesituation. In den anderen bedeutenden Ligen gibt es zwei, drei oder vier Vereine, die sich wirtschaftlich auf Augenhöhe begegnen. In England sind das die beiden Klubs aus Manchester und Chelsea London, dazu noch Arsenal; in Italien die beiden Mailänder Klubs und vielleicht wieder Juventus Turin. In Spanien sind es Real Madrid und der FC Barcelona. Bei uns ist das anders. Hier gibt es die absolute finanzielle Vormachtstellung der Bayern. Die hat sich so zementiert, dass sie nicht so leicht aufzubrechen ist. Dennoch ist es auch für andere Klubs möglich, Erfolg zu haben.
Die Bayern sind doch nicht unerreichbar weit weg?
In den letzten fünf Jahren ist Bayern nur zweimal Meister geworden, dreimal waren es andere Klubs, Stuttgart, Wolfsburg und wir. Aber die Bayern schlagen dann stets auch zurück.
Sie sehen das Gegengewicht zu den Bayern also eher als Gemeinschaftsaktion, bei der sich verschiedene Klubs abwechseln wie in einer Verfolgergruppe beim Radrennen?
Natürlich wären wir so oft wie möglich ganz vorn. Aber realistisch betrachtet ist unser Rückstand gegenüber den Bayern doch größer als unser Vorsprung vor Vereinen wie Schalke oder Bremen, die hinter uns stehen, oder auch dem VfL Wolfsburg, der zum Volkswagen-Konzern gehört und deshalb uns gegenüber einen Wettbewerbsvorteil hat.
Haben Sie Marco Reus auch verpflichtet, damit der Abschied von Mario Götze irgendwann leichter fällt?
Alle Beteiligten haben sich darauf verständigt, dass Mario und Marco in der nächsten Saison zusammen bei Borussia Dortmund spielen. Darauf freue ich mich schon heute. Da kann kommen, was will.
Und danach?
Über 2014 oder 2015 mache ich mir noch keine Gedanken, dafür ist das Fußballgeschäft viel zu schnelllebig.
Punktejäger BVB...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 11.01.2012, 14:16 Uhr
Reus oder Das Spiel mit dem Feuer
Michael Rembrink (mr1960)
- 10.01.2012, 22:59 Uhr
Der größte deutsche Europapokal-Versager der letzten Jahre
ist noch lange kein Bayernjäger
Manfred Schmidt (ffm007)
- 10.01.2012, 13:13 Uhr
Bayern wird Wut gehabt haben und doch, der BVB verkleinert mit diesem
Transfer ...
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 09.01.2012, 21:21 Uhr
Lob an die FAZ
Bernhard Labermeier (LaBernhard)
- 09.01.2012, 18:07 Uhr