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Bundesliga-Transfers Beraten und verkauft

31.01.2012 ·  Wie korrupt ist die Bundesliga? Es geht um Bestechung, Geldwäsche, Untreue und Steuerhinterziehung. Experten halten diffuse Transfers neben Spielabsprachen für die größte Gefahr im Fußball.

Von Michael Ashelm und Christoph Becker
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© Dieter Rüchel In der Bundesliga geht es um mehr als ein paar Euro - vor allem in den beiden Transferperioden

Diese Handelswochen haben es mal wieder in sich. Ständig müssen die Transferlisten der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt aktualisiert werden. Vereine, die Spieler abstoßen wollen, können täglich den notwendigen Antrag stellen, um dann den Wechsel mit einem Abnehmer zu fixieren. Einen Monat lang können Kicker in diesem Winter hin- und hergeschoben werden, im Sommer sind es sogar zwei.

Auf der Suche nach schnellen Verstärkungen verhalten sich die Klubs wie Getriebene. Je näher die Schlusszeit in der Transferperiode rückt, desto hektischer wird gedealt. Wenn an diesem Dienstag um 18 Uhr in der DFL-Zentrale der Hammer fällt, werden die Bundesligavereine innerhalb von vier Wochen mehr als 50 Millionen Euro ausgegeben haben. Ein riesiges Geschäft mit neuen sportlichen Hoffnungen. Und ein Geschäft mit Schattenseiten. Schon lange ranken sich üble Gerüchte um den Handel mit Fußballprofis, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur die Summen werden immer größer.

Experten machen ein gefährliches Maß an krimineller Energie aus, halten die diffusen Deals neben Spielabsprachen für die zweite große Gefahr im Fußball. Eine Gefahr, die nicht nur von dubiosen Spielerberatern ausgeht, sondern genauso von Trainern und Vereinsmanagern. „Spielertransfers sind ein hochkorrupter Bereich - auch in der Bundesliga“, sagt Marco Balmelli. Und nicht nur er klagt an.

Der Schweizer ist Rechtsanwalt, Richter beim Internationalen Sportgerichtshof, Mitglied des Stiftungsrates beim Basel Institute on Governance und berät Fußballspieler. Er kennt Mechanismen und Schwächen des Systems. Die finanzielle Bewertung der Profikicker ist kaum nachvollziehbar. Zudem fehlt die Transparenz beim Vermakeln der Spieler. Und es geht um Hunderttausende oder Millionen Euro. Das macht die Sache so anfällig.

Es gibt verschiedene Spielarten der Abzocke: Transfersummen werden künstlich hochgetrieben, Gelder über verwirrende Gegengeschäfte verschoben, Beraterhonorare verdoppeln oder verdreifachen sich, weil angeblich so viele andere Vereine mitbieten, plötzlich werden zusätzliche Personen zur „Abwicklung“ des Vereinswechsels in den Transferprozess eingebunden und Scouts oder unbekannte Agenturen im Ausland präsentiert, deren Dienste unbedingt notwendig waren bei der Auswahl des Spielers. Alle verdienen mit - und so entsteht eine schöne, lange Verwertungskette.

„Der eine legt hin, der andere nimmt“

Je mehr Transfers ein Verein abschließt, desto misstrauischer müsste man sein. Der Betrugsklassiker sind verdeckte Provisionen - genannt Kick-back. Ein simples Geschäft in einer Branche, in der zwischen 5 und 45 Prozent Provision für Berater üblich sind. Hier teilen sich Vereinsangestellte, insbesondere Trainer oder Manager, die Beute eines Transfers mit dem Spielerberater, der eine gewisse Summe seines Honorars schwarz zurückreicht.

Selbstbedienung als Prinzip, ein typisches Doppeltäterdelikt. „Der eine legt hin, der andere nimmt. Es gibt kein klassisches Opfer. Niemand ist wirklich an der Aufklärung interessiert“, sagt Balmelli. „Es gibt heute noch Fälle, in denen Spielerberater ohne ihren Mandanten ihre Provision mit dem Verein aushandeln“, sagt Gregor Reiter, Geschäftsführer der deutschen Vereinigung der Spielerberater. „Ich halte das für unmöglich.“

Die Branche nennt das gerne „cleveres“ Geschäftsgebaren. Clever vielleicht, oft aber strafbar. Es geht um Bestechung, Steuerhinterziehung, Untreue, aber auch Geldwäsche. Den Schaden haben die Vereine. Ihnen entstehen durch die illegalen Abmachungen hohe Kosten. Leute wie der Schweizer Rechtsanwalt Balmelli schätzen, dass von den 70 Millionen Euro, die derzeit von den Bundesligaklubs für Beraterhonorare pro Saison gezahlt werden, ein nicht geringer Anteil aus schmutzigen Geschäften resultiert.

Diese Extraaufwendungen müssten eigentlich gar nicht sein. Und doch ignorieren die Vereine das schwarze Loch mehr oder weniger. Was bei großen Unternehmen längst üblich ist, dass interne Geschäftsprozesse auf Schwachstellen hin fast schon überpenibel kontrolliert werden, findet im Fußball überhaupt nicht statt. Es gibt keine Governance-Regeln für das Fußball-Business und für Millionen-Transfers sowieso nicht. Beim Thema Korruption zuckt die Branche mit den Schultern.

Nur im Fußball soll nichts sein?

„Davon gehört habe ich auch schon mal - aber eben nur gehört. Das ist eine unbewiesene Behauptung. Ich habe noch nicht einen gesehen, der überführt worden ist. Ich wehre mich gegen die Folgerung, dass im Fußball krumme Geschäfte laufen, weil große Summen im Spiel sind. Warum sollen wir anfälliger sein als andere?“, fragt der für den Spielbetrieb zuständige DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus.

Vielleicht ist der Fußball nicht anfälliger, doch müsste allein der Quervergleich die Funktionäre aufrütteln. Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers hat in ihrer aktuellen Studie zur Wirtschaftskriminalität vermeldet, dass 73 Prozent der Unternehmen von Kriminalität und Korruption betroffen sind. Staatliche Stellen, Erfahrungswerte und eine Flut von Korruptionsprozessen bestätigen das Bild. Nur im Fußball soll nichts sein?

Fachleute und Kenner schütteln ihre Köpfe vor Unverständnis. „Niemand kann bestreiten, dass es bei Spielertransfers im Profifußball besonders hohe Risiken gibt: In kurzer Zeit werden bei oft harter Konkurrenz um einzelne Spieler Millionen umgesetzt. Jeder Bundesligaklub benötigte als Wirtschaftsunternehmen eigentlich ein Compliance-System für die verschiedenen Risikofelder. Aber da fehlt es bisher generell“, sagt Sylvia Schenk, die Sportbeauftragte von Transparency International.

Der Spielerberater Michael Becker zieht die Untätigkeit in Korruptionsfragen schon fast ins Lächerliche. „Es wäre doch sehr überraschend, wenn die Bundesliga der einzige Platz in Europa wäre, wo so etwas nicht vorkommt“, sagt der Rechtsanwalt, der seit vielen Jahren unter anderen Michael Ballack vertritt.

DFB und DFL: Aufklärungsquote liegt bei null

Die Passivität der Funktionäre ist ein Problem. Nicht nur bei den Vereinen. Der DFB hat einen Kontrollausschuss, der aber vor allem wegen sportlicher Verfehlungen auf dem Platz ermittelt. Es gibt sogar einen Antikorruptionsbeauftragten: Reinhard Grindel (CDU) ist im Hauptberuf Bundestagsabgeordneter und sitzt im Sportausschuss des Parlaments. Es gibt wohl schärfere Schwerter im Kampf gegen die Fußballkriminalität.

Die Aufklärungsquote bei DFB und DFL liegt bei null. Nicht mal die einfachste Kontrolle findet statt. Die Vertretung von Spielern bei Transfers darf nämlich nur ein Familienangehöriger des Fußballprofis, ein Rechtsanwalt oder ein Berater mit Lizenz übernehmen. Aber auch hier passiert nichts, obwohl sich Vermittler ohne Lizenz Woche für Woche in den Medien mit ihren Klienten öffentlich brüsten. „Natürlich kommen Verstöße vor, sogar relativ offen, denn Zahlungen sind in den Büchern der Vereine zu finden.

Problematisch ist, dass der DFB bei Verstößen nicht gegen die Vereine vorgeht. Wenn die Polizei nicht durchsetzt, dass ich bei Rot nicht über die Ampel gehen darf, gehen immer mehr Leute bei Rot“, sagt Gregor Reiter. „Und bei den Vereinen gibt es die Funktionäre, die morgens die Illegalität beklagen und sich nachmittags mit nichtlizensierten Beratern treffen. Auch Ballack-Berater Becker ärgert sich, „dass der DFB diesem unseligen Treiben trotz erdrückender Beweislast seit vielen Jahren tatenlos zuschaut“.

Die Verantwortlichen in den Vorständen und Aufsichtsräten der Vereine sind sich offenbar nicht bewusst, dass sie bei der heutigen Gesetzgebung gegen Korruption schnell in beträchtliche Schwierigkeiten kommen können. Es gibt sogar eine Haftung fürs Nichtstun. Nach üblichen Compliance-Regeln muss alles vermieden werden, was auch nur anfänglich zu merkwürdigen Konstellationen führt. Danach müsste sich zum Beispiel Hannover 96 erklären. Beim Bundesligaklub berät ein Spielerberater nicht nur Cheftrainer Mirko Slomka, sondern gleichzeitig acht Spieler. Der Verein will sich zu der Problematik nicht näher äußern. Ähnliche Verbindungen zwischen Beratern, Spielern und Managern sind auch anderswo üblich in der Liga. Governance-Experten und Antikorruptions-Spezialisten bekommen da Bauchschmerzen.

„Bisher gibt es nur eine lauwarme Verpflichtung“

Zudem fehlen transparente Verhaltensregeln für das anfällige Transfergeschäft. Vorgaben über ein Vieraugenprinzip bei den Verhandlungen, über die Trennung von Vertragsschließenden und Anweisungsbefugten, für Berichts- oder Dokumentationspflichten? Fehlanzeige. Der Internationale Fußball-Verband testet gerade ein Meldesystem für internationale Transfers, das allerdings noch zu wenig verfeinert ist. „Bisher gibt es nur eine lauwarme Verpflichtung, der DFL alle Verträge zu schicken. Wir fordern stattdessen ein Clearing-House-System, eine Stelle, die die Zahlung aus sämtlichen Transfers verwaltet“, sagt Reiter.

Doch er ist pessimistisch. „Ich glaube nicht, dass der Vorschlag im Moment eine Mehrheit unter den Vereinen finden würde. Trotz allem Jammerns funktioniert das System ja.“ So ähnlich sieht das auch der Schweizer Insider Balmelli. Er hat wie Reiter Vorschläge parat. „Alle Beteiligten müssten sich an einen runden Tisch zusammensetzen und die Probleme offenlegen. Es brauchte Selbstregulierung, einen gemeinsamen Kodex und klare Regeln. Es gibt heikle Industrien, die das genauso praktizieren.“ Doch dazu müssten Klubs und Funktionäre gewillt sein, das Problem überhaupt zu erkennen.

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