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Bundesliga Trainer, hört auf die Körpersignale!

26.09.2011 ·  Der Rückzug von Ralf Rangnick hat den Fokus auf die Trainergilde gerichtet: Fußball-Lehrer stehen von allen Seiten unter Druck. Es droht der Zusammenbruch.

Von Michael Ashelm
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© dapd Thema Erschöpfung: Ralf Rangnicks Rücktritt hat Diskussionen im Fußball in Gang gesetzt

Schon eine Woche bevor Ralf Rangnick seinen Entschluss zum Ausstieg bei Schalke 04 gefasst hat, wurden die extremen Belastungen, unter denen Spitzentrainer im Fußball ihre Arbeit verrichten müssen, in der Branche diskutiert. Der Anlass war weit weniger spektakulär, aber wieder einmal sorgte dieses Thema bei dem einen oder anderen Betroffenen für ein mulmiges Gefühl. Eine Studie der European Business School war zum Ergebnis gekommen, dass die Bundesligatrainer im Vergleich zu den Vorstandsvorsitzenden der größten deutschen Unternehmen häufiger entlassen werden und wesentlich kürzer in ihrer Position verweilen. Die Beschäftigung bei einem Klub endet demnach für einen Fußballlehrer im Schnitt nach nur 1,2 Jahren; er wird sechsmal häufiger wegen Erfolglosigkeit entlassen als ein Topmanager in der Wirtschaft, der im Schnitt nach 5,1 Jahren gehen muss.

Führungskräfte im Fußball wirken unter besonderen Bedingungen - und stehen unter besonderem Druck. Das ist nicht neu. Doch die Aufgabengebiete der Frontmänner haben sich im Laufe der Jahre erweitert, die Erwartungen sind gestiegen, zugleich müssen sie sich sehr stark in der Öffentlichkeit behaupten wie vielleicht nur noch Spitzenpolitiker und sind damit verwundbar. „Leute in diesen Jobs brauchen ein ausgeprägtes psychisches Immunsystem“, sagt der Sportpsychologe und Unternehmensberater Ulrich Kuhl. Aus seiner Sicht hat gerade die öffentliche Bewertung, der sich Fußballer und Trainer anders als zum Beispiel Spitzenkräfte in Wirtschaft im Wochenrhythmus stellen müssten, negative Auswirkungen. „Die Bewertung tendiert häufig in Richtung einer Entwertung und kann bei den Betroffenen unheimlich viele psychische Verletzungen hinterlassen.“

Was sich bei dem 53 Jahre alten Ralf Rangnick in den vergangenen Jahren angestaut hat, ist nicht bekannt. Der für seine außerordentliche Einsatzkraft, den Ehrgeiz und auch seine Kreativität bekannte Trainer konnte nun aber offenbar nicht mehr so funktionieren, wie er wollte. Er nannte ein Erschöpfungssyndrom als Grund für seinen Ausstieg. Zehn Monate nachdem er sich enttäuscht und im Unfrieden vorzeitig beim Bundesligaklub in Hoffenheim verabschiedet hatte, den er so fulminant aus der dritten Liga nach oben führen konnte, kam jetzt das Ende bei Schalke 04.

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© REUTERS Auch Ottmar Hitzfeld hat am Ende seiner Bayernzeit Erschöpfung gespürt

Der Ärztliche Leiter der Heiligenfeld Kliniken in Bad Kissingen kennt die Defizite der modernen Hochleister. Bei Dr. Joachim Galuska werden sie behandelt - auch Patienten aus dem Sport. Die Zahl der psychosomatischen Erkrankungen ist aus seiner Sicht in jüngster Zeit auf ein Maß angestiegen, das er für bedrohlich hält. Der Modebegriff dafür heißt Burnout, dazu zählen verschiedenste Symptome und Diagnosen bis hin zur Depression. Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Nervosität, Migräne, Bluthochdruck, Appetitlosigkeit, Klagen über die Unfähigkeit zur Entspannung, Probleme in Partnerschaften - vor vier Jahren hatte eine Befragung aktiver und ehemaliger Fußballlehrer aus den drei höchsten deutschen Ligen bedenkliche Erkenntnisse geliefert: So beeinflussten die beruflichen Strapazen Leben und Gesundheit nicht weniger Trainer auf sehr negative Weise.

Ottmar Hitzfeld, einer der Erfolgreichsten seiner Zunft, berichtete in Interviews, dass er so ausgelaugt war, dass ihm sogar die Kraft fehlte, um seinem langjährigen, kräftezehrenden Wirken beim FC Bayern ein Ende zu setzen. „Ich habe mich früh zur Selbstbeherrschung erzogen. Es wäre sicher gesünder, Druck manchmal extrovertierter abzubauen“, sagte er. „Als der Verein mir die Entscheidung abnahm, war das eine Befreiung.“

Experten mahnen zur Vorbeugung

Lange bevor ein Körper in sich zusammenfällt, läuft etwas grundsätzlich schief bei den Betroffenen. „Führungskräfte müssen sich selbst gut führen können. Wer sich ständig vernachlässigt und durch Überengagement überfordert, steuert zwangsläufig auf den Zusammenbruch zu“, sagt Galuska. Viele Trainer in der Bundesliga meldeten sich diese Woche zu Wort und bedauerten den Kollegen. Sie begrüßten zugleich seinen Mut, offen mit dem Handicap umzugehen, während manch einer noch darauf hinwies, unter welch erbarmungslosen Bedingungen die Trainer doch arbeiten müssten.

Für Experten führt kein Weg daran vorbei, dass Führungskräfte den Gefahren vorbeugen müssen. Dazu gehören die Fähigkeit zur Selbstführung und eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Anforderungsprofil. Die Anforderungen der Trainer haben sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Die Erwartungen von Vorständen, Spielern, des Publikums und der Medien sind nicht selten übersteigert. Ein Trainer muss heute einen multikulturell besetzten Kader im Griff behalten, in dem sich Hierarchien durch die vielen Wechsel der Spieler nicht mehr so einfach ergeben wie früher. Ein Trainer ist heute nicht mehr nur Fußballlehrer, sondern auch Manager. Er muss 20 oder 30 Profis anleiten, dazu mit einem ausgewachsenen Betreuerstab von zehn oder sogar mehr Mitarbeitern vertrauensvoll steuern.

„Führungskompetenzen werden für den Trainer immer wichtiger. Er ist heute in diesem sehr komplexen System eine Art Schaltzentrale. Er braucht ein Trainerteam, auf das er sich verlassen kann, und muss delegieren können. Das heißt zugleich, dass er einen Teil der Arbeit an andere Spezialisten im Team abgibt. Diese Fähigkeit muss auch erlernt werden“, sagt Frank Wormuth, der Leiter der Fußballlehrerausbildung beim Deutschen Fußball-Bund.

Ist eine Rangnick-Rückkehr möglich?

So gesehen sind die Trainer gefordert, mit ihren jeweiligen Kapazitäten sorgsam umzugehen, um sich nicht zu verlieren. Sportpsychologe Kuhl glaubt dabei, dass es für Trainer besser wäre, nicht zu lange an einem Job zu hängen und ihre Stationen jeweils als Projekt zu nehmen - inklusive eines kalkulierten Absprungs zur rechten Zeit. Natürlich gäbe es auch Ausnahmen wie zum Beispiel Thomas Schaaf in Bremen. „Ebenso wichtig wären feste Pausen zwischen zwei Projekten, um sich zu erholen und neu zu besinnen“, sagt er. Die finanzielle Unabhängigkeit für solche Unterbrechungen hätten Toptrainer allemal.

Kann Rangnick nach seiner Gesundung in den Spitzenfußball zurückkommen? Diese Frage ist spekulativ. Aber der Arzt Joachim Galuska kann auch Hoffnung verbreiten: „Ein Burnout bedeutet keine Zerstörung, sondern ist eine Krise. Ein Betroffener kann besser zurückkommen, als er vorher war. Seine Kompetenzen verliert er nicht - und die neuen Einsichten können ihn sogar bereichern. Er lernt etwas dazu.“ Ob die Hochleistungsbranche Fußball dies auch so sieht?

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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