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Bundesliga Schalke will sich nicht von Lincoln emanzipieren

31.01.2007 ·  Der Feinmechaniker im Schalker Mittelfeld macht den Unterschied aus - im guten wie im schlechten. Lincoln ist mal Genius, mal divenhafter Egozentriker. Weil die Knappen auch ohne Lincoln von Sieg zu Sieg eilten, hat Trainer Slomka nun ein Problem.

Von Richard Leipold, Gelsenkirchen
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Mirko Slomka stellte sich für einen Augenblick dumm. „Ich verstehe die Frage nicht“, sagte der Trainer des FC Schalke 04. Ein Reporter hatte ihn gefragt, ob Mittelfeldstratege Lincoln wieder eine feste Größe sei oder ob seine sportliche Bedeutung künftig vom Spielsystem abhänge. „Er gehört eigentlich immer zu den ersten elf“, entgegnete Slomka. „Im Vollbesitz seiner Kräfte ist Lincoln selbstverständlich ganz wichtig für unser Spiel und für unseren Erfolg.“

Von Verletzungen zurückgeworfen, hatte der Fußball-Regisseur in der ersten Serie zuschauen müssen, wie Schalke ohne ihn im 4-3-3-System von Sieg zu Sieg eilte. Nach seiner Genesung bekam er allenfalls die Chance, sich als Einwechselspieler zu profilieren. Das hat Zweifel an seiner Rolle geweckt, zumal Lincoln eine vielschichtige Persönlichkeit ist, deren Charakterzüge durch Koordinaten wie divengleich, sensibel und genial bestimmt sind.

Lincoln macht den Unterschied aus

Nicht nur in den Augen der sportlichen Leitung ist Lincoln „ein Profi, der ein Spiel allein entscheiden kann“. Der 28 Jahre alte Brasilianer macht den Unterschied aus, an guten wie an schlechten Tagen. Wenn ihm nichts gelingt und er mit sich und anderen hadert, hat es zuweilen den Anschein, als hätte er keine Lust. Dann wird sein lässiges Auftreten von manchen als Provokation aufgefasst, und die Menschen auf den billigeren Plätzen pfeifen ihn aus. „Das tut mir weh“, sagt Lincoln. „Ich habe zweieinhalb Jahre alles gegeben für den Klub, das müssten die Leute eigentlich wissen. Ich bin wichtig für Schalke, und ich bin mir sicher, dass die Leute das wissen, auch diejenigen, die gepfiffen haben.“

Lange war Lincoln sogar derart wichtig für die Mannschaft, dass die Beziehung einer Abhängigkeit gleichkam. Er war nicht wegzudenken, ohne dass damit ein spürbarer Verlust an Kreativität einhergegangen wäre. Doch dann kehrte Slomka zum 4-3-3 zurück: Der klassische Regisseur war verletzt und die Raute passé. Slomka will die Lincoln-Frage jedoch nicht auf diese Zahlenkombination reduziert sehen. Der Einsatz des Strategen hänge mehr von der Form als vom System ab. Derzeit gebe es keinen Grund, über Lincolns Verwendung nachzudenken. „Er ist fit und kreativ.“ Das hat der Brasilianer jüngst beim 3:1 in Frankfurt gezeigt, wo er zum ersten Mal seit dem 21. Oktober des vergangenen Jahres der Startelf angehörte. An diesem Mittwoch gegen Alemannia Aachen will er auch das heimische Publikum wieder für sich einnehmen.

„Keinen Bock, wieder Zweiter zu werden“

Die besondere Motivation nach seiner Rückkehr in die Mannschaft schöpft Lincoln aus einer doppelten Verneinung: „Ich bin keiner für die Bank“, sagt er, „und ich habe keinen Bock, wieder Zweiter zu werden.“ Diese Null-Bock-Haltung der anderen Art zeugt von großem Tatendurst. Der Eifer machte sich schon bemerkbar, als Lincoln seine persönliche Aufholjagd startete.

Plötzlich trat er nicht mehr nur als der egozentrische Star auf, der die Mannschaft durcheinanderwirbelt, sondern als Arbeiter, der Extraschichten, „jeden Tag bis 21 Uhr“, auf sich nahm, um auch im eigenen Hause wieder auf hohem Niveau wettbewerbsfähig zu werden, zumal die Mannschaft mit drei defensiven Mittelfeldspielern und drei Stürmern spielend die Frage aufwarf: Wohin mit ihm, wenn die Raute aus der Mode kommt wie in der Hinrunde?

Heilsamer Bankaufenthalt

Manager Andreas Müller hält diese Frage für zu heikel, um sie eindeutig zu beantworten. Für Lincoln sei Platz „in beiden Systemen“, behauptet er. Bei nur drei Mittelfeldspielern müsse der künstlerische Leiter „eben durch zwei Sechser abgesichert werden“. Wichtig sei in erster Linie, dass die Mannschaft „taktisch flexibel spielt“. Wie es scheint, hat Lincoln nicht nur an seiner Fitness gearbeitet, sondern auch seine Art zu kicken den Erfordernissen angepasst. Er verlässt sich nicht mehr allein auf die Präzision seiner Pässe und seinen Blick für die Situation; er steigert auch das Tempo seiner Aktionen. „Er ist nicht mehr so lange am Ball und spielt schneller“, sagt Müller.

Vielleicht war der vorübergehende Bankaufenthalt eine heilsame, lehrreiche Erfahrung für den Feinmechaniker am Ball. Der als launisch geltende Genius hat erkannt, dass er sich nicht alles erlauben kann, weil es (notfalls) auch ohne ihn geht. Es gibt keine Garantien mehr für ihn. „Aktuell ist es so, dass er spielt“, sagt Slomka, alles Weitere werde sich finden. An einem prestigeträchtigen Punkt aber hat Lincoln seinen Status eingebüßt. Nach diversen Fehlversuchen darf er keine Elfmeter mehr schießen.

Quelle: F.A.Z., 31.01.2007, Nr. 26 / Seite 29
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