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Bundesliga-Kommentar In Hoffenheim wird nicht gehext

27.10.2008 ·  Aus dem „Fußball-Labor“ wurde der „Zirkus Hoffenheim“ - doch beide Metaphern sind falsch. Richtig ist, dass es im Fußball kein Gesetz gibt, das zu Mittelmaß verpflichtet.

Von Christian Kamp
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Wie schnell sich die Metaphern ändern: Vom „Fußball-Labor“ Hoffenheim hat schon lange keiner mehr gesprochen – zu kühl, zu klinisch wirkt dieses Bild für das, was der Aufsteiger aus dem Kraichgau Woche für Woche in der Bundesliga aufführt. „Willkommen im Zirkus Hoffenheim“, heißt es neuerdings – und auch das ist nur der Versuch, das scheinbar Unfassbare in ein Bild zu pressen.

Denn natürlich ist 1899 Hoffenheim auch kein Fußballzirkus. Es geht nicht um Kabinettstückchen. Wie überall geht es auch in Hoffenheim vor allem um eines: den größtmöglichen Erfolg. Und das ist das wahre Kunststück dieses Klubs aus der baden-württembergischen Provinz: Er hat bewiesen, dass es im Fußball kein Gesetz gibt, das zu Mittelmaß verpflichtet, wenn man nicht gerade Bayern, Werder, Schalke oder Hamburg heißt.

Millionen wurden auch bei anderen Klubs ausgegeben

Die Tabelle muss ein deprimierender Anblick sein für all die Klubs, die in selbstauferlegter Demut einen Platz knapp oberhalb der Abstiegszone als Höchstes der Gefühle betrachten. Was derzeit in Hoffenheim geschieht, hätte genauso gut – oder sogar besser – auch in Berlin, Frankfurt, Köln oder Wolfsburg passieren können. Denn der Hoffenheimer Erfolg ist nicht vorrangig eine Frage des Geldes von Dietmar Hopp.

Die Infrastruktur, die rund um das 3000-Seelen-Dorf an der Autobahn 6 aufgebaut werden musste (und immer noch gebaut wird), steht anderswo längst. Die Millionen, die der Klub in Spieler und Gehälter investiert hat, sind bei manch anderem Klub in den vergangenen Jahren doppelt und dreifach ausgegeben worden. Jeder dieser aufregenden Spieler, die zu Saisonbeginn noch so fremd schienen und nun Woche für Woche schärfere Konturen annehmen: die in der Fremde entdeckten Obasi, Carlos Eduardo, Ba genauso wie die bei deutschen Klubs offenbar verkannten Salihovic, Ibisevic, Beck, Compper – alle diese Profis waren auf dem Markt und gewiss nicht unbezahlbar. Sie hätten jederzeit auch das Trikot eines anderen Klubs tragen können.

Der feste Glaube an den Erfolg eines überzeugenden Plans

Was Hoffenheim von der Konkurrenz abhebt, ist der feste Glaube an den Erfolg eines überzeugenden Plans und der sinnvolle Einsatz der Ressourcen. Vieles, bis hin zu einzelnen Personalien, erinnert an den deutschen Fußball-Aufbruch bei der WM 2006 unter Jürgen Klinsmann: die auf Angriff ausgerichtete Spielphilosophie, das Spezialistentum im Trainerstab, die Betonung der körperlichen Fitness, die psychologische Arbeit des Förderns und Forderns, wie Trainer Rangnick sie vorzüglich zu beherrschen scheint. Doch während man bei Klinsmanns Kurzzeitprojekt den Verdacht der Autosuggestion nie ganz loswurde, ist es in Hoffenheim gelungen, ein fortschrittliches Projekt unter den Bedingungen des Dauerbetriebs Bundesliga zu verankern. Manchmal scheint es, als hätte das System Klinsmann seinen Erfinder sogar überholt.

Eines ist spätestens seit dem 3:0 am Sonntag gegen den HSV klar: Eine unüberwindbare Grenze gibt es für diese Mannschaft nicht. Sie kann – auch wenn die Wahrscheinlichkeit immer noch gering ist – vielleicht sogar Meister werden. Als Vorbild für die Liga aber kann sie jetzt schon dienen: Denn vieles, was in Hoffenheim nach Zirkus aussieht, ist in Wahrheit keine Hexerei.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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