Dortmund oder München? Eine andere Frage drängt sich zum Thema „wer wird der nächste deutsche Fußballmeister?“ nicht auf. Die beiden Mannschaften sind viel zu stark und ausgeglichen besetzt, als dass die Phantasie entstehen könnte, einer der Verfolger vergangener Jahre könnte zum Überholen ansetzen. Schalke muss zwar durch den Verlust von Raúl nicht schwächer geworden sein, und Gladbach könnte den Wechsel von Reus nach Dortmund durch seine wohlkalkulierten Transfers ausgleichen.
Aber es gibt keine Hinweise darauf, wie sie den nächsten deutlichen Schritt in ihrer Leistungsentwicklung unternehmen, wie sie dorthin kommen können, wo Dortmund und Bayern schon sind. Weiter oben als zuletzt wird sich der VfL Wolfsburg mit seinem Luxuskader ansiedeln. Doch um die Titelfavoriten zu bedrängen, müssten unter den vielen Neuzugängen nicht nur weniger mittelmäßige Profis sein wie im vergangenen Jahr, sondern mindestens zwei Überraschungskracher: Dzeko und Grafite spielten diese Rolle im überraschenden Meisterschaftsjahr 2009.
Nein, nein, wenn sich die Dortmunder und Münchner nicht gerade in einem Akt der Selbstzerfleischung schwächen oder durch außergewöhnlich großes Verletzungspech gebremst werden, dann haben sie die beiden ersten Plätze fest gebucht. Aber in welcher Reihenfolge? Wer es ernst meint und natürliche Scheu davor besitzt, widerlegt zu werden, der verkneift sich eine deutliche Antwort. Das Potential, die Chancen und Risiken sind für beide Teams ähnlich groß.
Nach der vergangenen Saison besitzt das Diktum, die Bayern hätten die beste Mannschaft und könnten sich nur selbst schlagen, keine Überzeugungskraft mehr. Dortmund war nicht nur als Kollektiv besser, sondern individuell mindestens gleichgut besetzt. Lewandowski, Kagawa, Hummels und Pizczek verkörperten den Schuss Extraklasse, den auch Ribéry, Robben und Schweinsteiger an guten Tagen bieten. Und der BVB könnte noch stärker auftrumpfen. Denn für den zu Manchester United entschwundenen Kagawa spielt jetzt Reus auf gleicher Position, unterstützt von Supertalent Mario Götze, der nach langer Verletzungspause wieder fit ist.
Temperament und Einstellung als größtes Manko
Die Bayern haben mit Shaqiri, Mandzukic, Pizarro und Dante ihre Qualität im Aufgebot deutlich verbreitert. Sie sollen dem Stammpersonal eine manchmal aufscheinende Neigung zur Bequemlichkeit austreiben. Das Temperament und die Einstellung - diese Leistungskriterien haben die Bayern als ihr größtes Manko entdeckt. Darauf richteten sie die Einkaufspolitik aus, nicht nur bei den Spielern. Sie holten mit Matthias Sammer den größten Wachmacher im deutschen Fußball ins Boot. Allerdings ist das Schiff schon mit ziemlich vielen erfahrenen Steuerleuten besetzt. Der Vorstandsvorsitzende Rummenigge, Präsident Hoeneß und Trainer Heynckes geben nicht nur die Richtung vor, sondern den Ton an, dazu kommen noch die Kommentare von Kaiser Franz über das Außenmikrophon. Die Gefahr, dass auf der Kommandobrücke kein Chor, sondern eine Kakophonie entsteht, ist nicht wegzudiskutieren.
Diese Gefahr ist in Dortmund geringer, weil das Trio Watzke, Zorc und Klopp eine seit Jahren gewachsene Männerfreundschaft verbindet. Dafür besteht eine andere natürliche Bedrohung. Es wäre nur menschlich, wenn nach zwei Jahren ununterbrochener Erfolge ein gewisses Maß an Sattheit entstanden wäre. Wenn die aufwendige Spielweise irgendwann Zeichen des Verschleißes nach sich ziehen würde, genauso wie die intensive, emotionale Art des Trainers im Umgang mit der Mannschaft. Immer nur Vollgas, geht das auf Dauer überhaupt? Die Bayern haben jedenfalls den Vorteil, an ihrem Gasgriff noch Spiel zu haben.