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Bundesliga-Endspurt Das Schalker Endspiel in der verbotenen Stadt

12.05.2007 ·  Dortmund gegen Schalke, das war jahrelang ein sportlich mediokrer Nachbarschaftsstreit. Die Brisanz ging mit den Jahren verloren, die Rivalität wurde vor allem den Fans zuliebe gepflegt. An diesem Samstag ist das Ruhrderby endlich wieder wichtig.

Von Richard Leipold, Gelsenkirchen
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Dieses Buch hätte ein guter Lektor abgelehnt: zu lebensfremd, zu konstruiert, zu kitschig. Schalke 04 kann in Dortmund mit einem Sieg über den verhassten Nachbarn deutscher Fußballmeister werden, zum ersten Mal nach neunundvierzig Jahren, zum ersten Mal überhaupt seit Bestehen der Bundesliga. Schalke müsste das Derby gewinnen, Stuttgart müsste in Bochum verlieren, Bremen dürfte daheim gegen Frankfurt nicht mehr als einen Punkt erreichen, und das alles an einem Tag. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Ist die Wirklichkeit gerade auf dem Fußballplatz nicht kitschiger und absurder als die Fiktion? Sie ist es, gerade wenn Schalke mitspielt.

Vor sechs Jahren standen die Königsblauen nach der neunzigsten Minute des 34. Spieltags scheinbar als Meister fest – bis ein Münchner Verteidiger die Geschichte nochmals umschrieb, mit einem Tor gegen Hamburg viereinhalb Minuten nach dem Ende der Partie in Gelsenkirchen. Schalke versank in einem Meer von Tränen. Diesmal können sie schon am 33. Spieltag Meister werden oder die Grundlage dafür schaffen. „Dieses Spiel ist der Schlüssel zur deutschen Meisterschaft“, sagt Andreas Müller, der Manager des FC Schalke 04. Bei einem Sieg gingen die Gelsenkirchener jedenfalls als Tabellenführer in die letzte Runde.

Die Brisanz ging mit den Jahren verloren

Egal wie es ausgeht, selbst wenn es ein klassisches 1:1 wird: Das Derby lebt wieder. Dortmund gegen Schalke, das war jahrelang ein sportlich mediokrer Nachbarschaftsstreit, eine Folkloreveranstaltung, die nur in der Diktion des Boulevards stets zum „größten Hassgipfel“ aller Zeiten aufgebauscht wurde. Die Brisanz ging mit den Jahren verloren, die Rivalität wurde vor allem den Fans zuliebe gepflegt. Der Markt regelte die Missgunst auf ein angemessenes Maß herunter.

Das kollegiale Miteinander erreichte 1997 seinen Höhepunkt. Dortmund gewann die Champions League, Schalke den Uefa-Pokal. Die Rivalen begegneten einander als internationale Größen, und die Konflikte schrumpften auf den Streit um Spieler, die von beiden Klubs umworben wurden, oder darüber, ob die Vorstände vor dem Derby gemeinsam zu Mittag aßen oder einander durch Nichterscheinen brüskierten. Bei aller hausgemachten Brisanz war das Derby in den vergangenen Jahren nie wirklich wichtig.

„Wie ein Finale“

Aber zehn Jahre nach dem gemeinsamen Beutezug durch Europa geht es wieder um etwas, um etwas Existentielles, „um etwas Großes für Schalke 04“, wie Müller sagt, „das ist wie ein Finale“. Ein Endspiel in Dortmund, in der verbotenen Stadt, gegen einen BVB, der dem Abstieg entgangen ist und nun alle Kräfte bündeln kann, eine Saison zu retten, die nicht mehr zu retten wäre, wenn nicht dieses eine Spiel vieles vergessen machen könnte. „Sie werden alles dafür tun, uns die Meisterschaft streitig zu machen“, sagt Müller. Er könne das verstehen, „umgekehrt wäre es doch auch so“.

Schalke den Titel streitig machen? Nein, das können sie nicht, die Borussen. Das können nur der Zweite Stuttgart und der Dritte Bremen, die einen und zwei Punkte Rückstand haben. Dortmund kann Schalke die Meisterschaft nur vermiesen. Aber das reicht als Motivation. Es habe immer geheißen, Schalke wolle Dortmund in die zweite Liga schießen, sagt BVB-Torwart Roman Weidenfeller, „jetzt haben wir es in der Hand, einiges zu richten“.

„Dieses Derby übertrifft alles“

Der brasilianische BVB-Verteidiger Dede ist mit dem Schalker Mittelfeldstrategen Lincoln befreundet. Schon als Kinder haben sie im selben Verein gekickt, daheim in Belo Horizonte. Mit Blick auf das Derby gibt Dede sich jedoch hart. Aus seinen Worten spricht nicht nur Professionalität. „Auf dem Platz gibt es keine Freunde und keine Familie. Ich werde alles dafür tun, dass Schalke nicht deutscher Meister wird.“ Dieser Plot fasziniert nicht nur die Fans, sondern auch erfahrene Derby-Experten wie Thomas Doll. Der Trainer, der Dortmund vor dem Abstieg bewahrte, hat viele Kämpfe rivalisierender Nachbarn erlebt, die sich mindestens so wenig mögen wie Dortmund und Schalke: HSV gegen St. Pauli, Roma gegen Lazio. „Aber dieses Derby übertrifft alles“, sagt er.

Sein Schalker Kollege Mirko Slomka arbeitet erst seit anderthalb Jahren als Cheftrainer im Profifußball. Aber er gibt sich erstaunlich gelassen. Er könne gut schlafen, weil er davon überzeugt sei, die Mannschaft optimal auf diese Partie vorbereitet zu haben. Der tiefe Schlaf unterscheidet ihn von vielen Fans. Aber wenn Slomka über das Derby spricht, klingen seine Worte wie die eines Fans. „Wir freuen uns auf das Spiel und auf die achtzigtausend Menschen im Dortmunder Stadion.“ Der Trainer verzichtet auf das Gejammer über den ach so schweren Druck. Vorfreude ist die schönste Freude für ihn, aber sie soll es nicht bleiben.

Public Viewing in der heimischen Arena

Was aber rät Slomka den Anhängern, die vor Aufregung kaum in den Schlaf finden? Es folgt keine flammende Rede, sondern eine Bitte, wie sie Politiker vor der Wahl auszusprechen pflegen. „Ich kann den Fans nur mit auf den Weg geben, dass sie uns Vertrauen schenken; dass sie abstreifen, was einmal war.“ Es gab in dieser Saison auch Zeiten, da mussten die Profis gegen eine Mauer des Schweigens anspielen, weil die Anhänger sprachlos waren – bis Lewan Kobiaschwili in der zwanzigsten Minute mit dem zweiten Tor gegen Bayern den von vornherein auf neunzehn Minuten und vier Sekunden befristeten Liebesentzug beendete.

Seitdem ist die Symbiose zwischen Volk und Mannschaft des FC Schalke wiederhergestellt. Etwa zwanzigtausend Fans werden den Meister in spe nach Dortmund begleiten. Zehntausende schauen das Spiel beim Public Viewing in der heimischen Arena an. Vielleicht werden sie ein wenig schneller die Informationen von den anderen Plätzen erhalten als Slomka und Müller. Auf der Schalker Bank herrscht bis zum Schlusspfiff eine Kontaktsperre. Müller glaubt, auf Informationen von anderen Plätzen nicht angewiesen zu sein. Die Entscheidung falle doch erst am letzten Spieltag, wie immer das Derby ausgehe. Alles andere wäre vielleicht wirklich zu lebensfremd, zu konstruiert, zu kitschig. „Aber wenn es doch in Dortmund passiert, werden wir rechtzeitig Bescheid kriegen.“

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