07.03.2010 · Zehn Jahre nach dem Börsengang von Borussia Dortmund denkt kein Bundesligaklub mehr daran, Aktien auszugeben. Nicht die Hemmschwellen fielen, sondern die Kurse. Die Finanzierung des Betriebs kann auch so die Nerven strapazieren.
Von Michael HoreniVor genau zehn Jahren durchbrach der Dax zum ersten Mal die Marke von 8000 Punkten. Es war die Zeit, als in Deutschland noch die Börse dem Volk anstrengungslosen Wohlstand versprach mit Zeichnungsgewinnen von mehr als hundert Prozent und nicht die Regelsätze von Hartz IV. An jenem Tag hatten die Fusionsgespräche zwischen der Deutschen und der Dresdner Bank die Börse befeuert. Im Tagesverlauf schoss das Barometer auf einen Rekordstand von 8122 Punkten, und auch der Kurs der Volksaktie Telekom kletterte über die magische Grenze von hundert Euro.
Der 7. März des Jahres 2000 war jener Tag, von dem man heute weiß, dass er den Höhepunkt der Börsenbegeisterung in Deutschland markierte. Wenige Tage später kam die Infineon-Aktie in den Handel, sie war dreiunddreißigfach überzeichnet, der Vorstandsvorsitzende fuhr im Rennanzug an der Börse vor, und über Aktienkurse und märchenhafte Gewinne sprachen die Deutschen beim Friseur, an der Tankstelle und im Fußballstadion. Damals schmerzten die Menschen nur entgangene Gewinne, denn Verluste gab es nicht. Daran konnten sich nur die Großeltern erinnern.
Rund neunzig Prozent Verlust
In jenen Tagen des Börsenrauschs schickte sich auch Borussia Dortmund an, auf dem Parkett sein Glück zu suchen. Der damalige Präsident Gerd Niebaum prophezeite damals eine neue Zeitrechnung im Fußball: „Ich bin davon überzeugt, dass die Bundesliga-Landschaft in fünf bis zehn Jahren ganz anders als heute aussieht. Wenn wir als Pionier an die Börse gehen sollten, werden bald auch bei anderen Klubs die Hemmschwellen fallen.“ Aber nicht die Hemmschwellen fielen, sondern die Kurse.
11 Euro betrug der Ausgabekurs der BVB-Aktie, die im Herbst 2000 in den Handel ging. Heute liegt das Papier bei 1,05 Euro. Ein Verlust von rund neunzig Prozent, und viele Altaktionäre sitzen immer noch auf dem Papier. Eine Dividende wurde nie ausgeschüttet. Wie die Deutschen, so wendete sich auch die Bundesliga von der Börse ab. Kein deutscher Verein hat je wieder den Gang aufs Parkett gewagt, und es sieht nicht danach aus, als wollte es noch einer tun. Die Börse ist als Finanzierungsmodell ins Abseits geraten.
Die Grenzen der Phantasie
Sebastian Hein hat noch immer viel mit der BVB-Aktie zu tun, jenem weitgehend entwerteten Relikt aus verflossenen Zeiten. Hein ist Analyst beim Bankhaus Lampe, an diesem Freitag kam seine letzte Studie über die BVB-Aktie heraus. Er rät zum Halten, wie zuletzt im Oktober. Sie lag damals bei 93 Cent. Seither ist sie im Gleichklang mit dem sportlichen Erfolg gut gelaufen. „Wer jetzt kauft, spekuliert ganz klar auf die Europacup-Teilnahme“, sagt er. Der BVB ist Fünfter, das reicht. Drei Punkte weniger, und es reicht nicht.
Das Volumen der Aktie sei kein Problem, sagt Hein. Sie werde rege gehandelt, vor allem montags. Die Papiere liegen überwiegend in privaten Händen. Aber die Phantasie, von der es vor zehn Jahren so reichlich an der Börse gab, ist begrenzt bei der Aktie. Das liegt daran, weil die Borussia nicht von einem Investor übernommen werden kann. Die 50+1-Regel der Liga begrenzt das externe Engagement bei einem Klub auf maximal 49 Prozent. In anderen Ländern ist eine Übernahme möglich, allerdings oft zum Schaden der Vereine, selbst der größten wie Manchester United oder Liverpool.
Der Kapitalbedarf wächst
Nun sollte man glauben, dass Börsianer Phantasie immer noch schätzen, aber Hein kann darauf bei Fußballklubs gut verzichten. „Mir gefällt, wenn in Deutschland an der 50+1-Regel festgehalten wird. Man kann nicht kontrollieren, wer die Mehrheit übernimmt. Wird der Verein nur als Prestige- und Spielobjekt übernommen oder stehen ernsthafte Interessen dahinter? Ich weiß nicht, wie man diese Frage beantworten will“, sagt er. Das sind Töne, wie man sie eher vom Fußballstammtisch erwartet, aber nicht unbedingt von Analysten. Martin Kind, der Präsident von Hannover 96, kämpft seit Jahren dafür, die Sperrregel zu kippen und gleichzeitig Kontrollmechanismen zu schaffen, die ungeliebte Investoren fernhalten soll. „Tatsache ist, dass das ganze Konstrukt wackelig ist, weil es keinen freien Kapitalverkehr gibt. Die EU könnte die 50+1-Regel früher oder später kippen. Die Bundesliga muss sich darauf vorbereiten“, sagt Hein.
Auch wenn die Börse als Finanzierungsmodell in der Bundesliga keine Rolle mehr spielt – das Problem bleibt: Der Kapitalbedarf wächst. Von den achtzehn Klubs schreiben derzeit nur elf schwarze Zahlen. Die große Konkurrenz ums internationale Geschäft rund zehn Klubs kämpfen nun seit Jahren um fünf Europapokalplätze, treibt die Kosten stetig nach oben. Das spiegelt sich mittlerweile auch in der europäischen Finanztabelle.
Mit fünf Klubs unter den Top 20 ist die Bundesliga hinter der Premier League nach der jüngsten Erhebung für die Saison 2008/09 die zweitstärkste Liga in der sogenannten „Deloitte Football Money League“. Der FC Bayern steht hinter Umsatzspitzenreiter Real Madrid (401 Millionen Euro) mit 289 Millionen auf Rang vier, der HSV ist hinter den Mailänder Klubs auf Rang elf (146) vorgestoßen. Die Hamburger verdoppelten ihren Umsatz in den vergangenen fünf Jahren. Unter den ersten 20 liegen auch Schalke, Bremen und Dortmund.
Der HSV jonglierte mit dem Kader
Finanztechnisch ist die Liga neben dem Börsen-Sonderfall BVB noch weiter geteilt. An der Spitze der Tabelle und der Finanzierungspyramide stehen die Bayern, die sich mit den Beteiligungen von Adidas und Audi die notwendige Liquidität verschafft haben – der Idealfall für den Analysten. Aber das Bayern-Modell, garantierte Eigenständigkeit mit Unterbeteiligungen von hohem Wert, sei nicht auf andere Klubs übertragbar. Das sagt auch Bernd Hoffmann, der Vorstandsvorsitzende des HSV. Und weil selbst die Nummer zwei der deutschen Geldrangliste für Unternehmen nicht so attraktiv wie der Rekordmeister ist, suchen die Klubs nach anderen Wegen.
Der HSV hat es geschafft, sich in der Bundesligaspitze zu etablieren, und dabei immer wieder große Stars verpflichtet, die sich sonst – außer den Bayern – keiner leisten kann oder will. Zuletzt Ruud van Nistelrooy in der Winterpause. Aber wie geht das? Zunächst ganz einfach: Das Budget muss es hergeben. „Bei uns ist der Etat ziemlich auf Kante genäht. Unser unternehmerisches Ziel liegt nicht darin, Überschüsse zu erzielen. Unsere Rendite ist sportlicher Erfolg und die damit verbundenen Emotionen. Wir wollen keinen Sparstrumpf anlegen“, sagt Hoffmann.
Im Fall von van Nistelrooy hat auch das Verletzungspech des Klubs eine wichtige Rolle gespielt, rund ein halbes Dutzend gutverdienender Stammkräfte fehlte oder fehlt langfristig. Nach sechs Wochen aber fallen die Profis aus der Lohnfortzahlung. Das sparte dem Klub eine Menge Geld beim mit Abstand wichtigsten Etatposten, den Personalkosten. Zum anderen jonglierte der HSV mit dem Kader, Spieler wurden in der Winterpause verkauft. „Dadurch entsteht Flexibilität“, sagt Hoffmann – und der HSV konnte die Chance van Nistelrooy ergreifen.
Wolfsburgs höhere Planungssicherheit
Die Verpflichtung des Niederländers hat auch Konsequenzen für die kommende Saison. Sie gehen zu Lasten anderer Spieler. „Mit van Nistelrooy, Petric und Berg haben wir drei Topstürmer unter Vertrag. Ein vierter Spieler dieser Kategorie wäre hochbezahlter Luxus, das können wir uns nicht leisten.“ Es sei denn, es ergeben sich Veränderungen. Der derzeit vierte Stürmer, Guerrero, müsste dann zu Abstrichen bei einem neuen Vertrag bereit sein – oder der HSV qualifiziert sich für die Champions League. Mit solchen Schwierigkeiten haben viele Klubs im Grenzbereich zum europäischen Geschäft zu kämpfen. Hertha musste im Vorjahr Stürmerstar Woronin ziehen lassen – und kämpft jetzt gegen den Abstieg. Hoffmann kann sich künftig alternative Modelle zur Finanzierung von Transfers vorstellen.
Wäre er Vorstandsvorsitzender des VfL Wolfsburg, fiele ihm das alles leichter, sagt der HSV-Chef. Dem vom VW-Konzern gestützten Meister VfL Wolfsburg werden wie dem von Hopp gepäppelten 1899 Hoffenheim und dem von der Bayer AG geförderten Tabellenzweiten Leverkusen anders als der Konkurrenz wirtschaftliche Abhängigkeiten zugestanden. „Der Vorteil ist nicht, dass ein Klub wie Wolfsburg zwangsläufig höhere Gehälter zahlt“, sagt Hoffmann, „aber sie haben ein höheres Maß an Planungssicherheit.“
Das Risiko bietet Sicherheit
Der HSV konnte Olic im vergangenen Winter nicht binden, weil die internationale Teilnahme zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher war. Sie entschied sich erst in der letzten Minute der Saison. Da hatte Olic aber längst beim FC Bayern unterschrieben. Der HSV spielt auch in diesem Jahr wieder an der Grenze zum internationalen Geschäft, Platz vier, wie so oft. In den vergangenen sechs Jahren hat der Klub eine „relativ aggressive Transferpolitik“ betrieben. 150 Millionen Euro wurden ausgegeben, aber nur 70 Millionen eingenommen. Das bedeutet Platz zwei hinter Bayern. Der HSV finanziert sich dabei wie die ambitionierten Bremer, Schalker und Stuttgarter aus dem operativen Geschäft, nicht aber so risikobereit im Vorgriff auf künftige Einnahmen wie Schalke.
Und wenn der HSV den Europapokal in den kommenden Jahren verpasst, was dann? „Dann müssen wir jedes Jahr schauen, wo wir fünf bis sieben Millionen herholen.“ Weil der Klub viel Geld in die Mannschaft gesteckt hat, glaubt der Vorstandsvorsitzende auch für ein paar Jahre ohne internationale Einnahmen auskommen zu können. Das Risiko biete auch Sicherheit. „Wir würden uns mit Einsparungen von zehn Millionen einfacher tun als andere Klubs der Liga, die identische Grundvoraussetzungen haben“, sagt Hoffmann.
Ein Gegentor hätte Millionen gekostet
Denn durch die Investitionen der vergangenen Jahre und die damit einhergehenden höheren Gehälter ließe sich eine solche Summe durch einen einzigen Verkauf einspielen – ohne dass die Wettbewerbsfähigkeit fundamental geschwächt würde. „Wir können da flexibel reagieren“, sagt Hoffmann, „aber wir sind zur Flexibilität gezwungen.“
Was sich so einfach anhört, geht mitunter auch an die Substanz. Als der HSV im letzten Saisonspiel in Frankfurt die Europacup-Teilnahme zu verspielen drohte, verschanzte sich Hoffmann in der zweiten Halbzeit in der Kabine und drehte die Duschen auf. Er wollte den Jubel über ein weiteres Gegentor nicht hören. Es hätte den Klub zwischen fünf und sieben Millionen gekostet. In letzter Minute aber glückte dem HSV der Einzug ins internationale Geschäft. Nervenaufreibender, findet Hoffmann, kann auch die Börse nicht sein.
Wer wird deutscher Meister?
19588 Stimmen wurden abgegeben.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 20 | 31 | 43 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 20 | 33 | 41 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 20 | 21 | 41 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 20 | 19 | 40 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 20 | -1 | 32 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 20 | 1 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 20 | -2 | 30 | ![]() |
| 8. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 20 | -2 | 24 | ![]() |
| 9. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 10. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 20 | -12 | 24 | ![]() |
| 11. | ![]() |
VfB Stuttgart | 20 | -2 | 23 | ![]() |
| 12. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 20 | -6 | 22 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 20 | -6 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 20 | -9 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 20 | -19 | 17 | ![]() |