Neue Saison, neuer Ärger. Mit Beginn der Fußball-Bundesligasaison 2009/2010 wurde eine zusätzliche Sonntagspartie um 15.30 Uhr eingeführt - dabei finden zu dieser Zeit traditionell die Spiele der Amateure statt. Wenn der Ball zeitgleich in Bundesliga und Kreisklasse läuft, muss sich der Fan entscheiden: Topspiel im Fernsehsessel gucken oder Bratwurst am Ascheplatz genießen? Reiner Grundmann protestiert gegen die frühen Sonntagsspiele der Profis mit dem „Bündnis Sonntag nicht vor 17.30 Uhr“. Der Präsident des Gelsenkirchener Kreisligaklubs SC Schaffrath befürchtet den schleichenden Tod des Amateurfußballs.
Ihr Bündnis hat monatelang darauf hingewiesen, dass das Ruhrgebiet besonders unter der Konkurrenz zwischen Profi- und Amateurfußball leidet. Kamen Sie sich verschaukelt vor, als Sie gesehen haben, dass ausgerechnet die ersten beiden Heimspiele des VfL Bochum für Sonntag, 15.30 Uhr angesetzt wurden?
Natürlich waren wir aufgebracht. Wir hatten es aber auch nicht anders erwartet. Wenn die Bundesliga sonntags um 17.30 Uhr spielt, sind unsere Zuschauerplätze in der Regel schon um 17 Uhr wie leergefegt, weil viele Zuschauer so früh wie möglich gehen, um den Anstoß im Fernsehen oder im Stadion nicht zu verpassen. Viele Leute bleiben aber auch ganz weg.
Und wenn Sie terminlich ausweichen würden?
Wir haben keine Chance, unsere Kreisligaspiele zu verlegen. Vormittags tragen die Jugendmannschaften ihre Begegnungen aus und während der Woche ist es für unsere Schichtarbeitenden Spieler oder Studenten, die in anderen Städten studieren, auch nicht möglich.
Hatten Sie ernsthaft mit einer Sonder-Ruhrregel gerechnet?
Es war klar, dass das Ruhrgebiet bei Sonntagsansetzungen nicht ausgenommen werden kann. Ich wehre mich allerdings dagegen, dass dieser kleine Profibereich mit 36 Mannschaften über 20.000 Amateurvereinen die Existenzgrundlage nimmt - nur wegen der paar Live-Übertragungen am Sonntagnachmittag. Wir werden doch ohnehin schon zugemüllt mit Fernseh-Fußball.
Die Existenzgrundlage des Amateurfußballs ist wegen des einen Live-Spiels um 15.30 Uhr in Gefahr?
Die Verlierer der Neuregelung sind eindeutig wir Amateure. Ein Kreisligaverein lebt von Monatsbeiträgen, Eintrittspreisen und Gastronomie am Spielfeldrand. Wenn die Zuschauer wegbleiben, ist der Spielbetrieb kaum noch finanzierbar.
Über welche Summen reden wir?
Ein Beispiel: Als der SC Schaffrath in der Kreisliga Gelsenkirchen zum Heimspiel gegen Adler Ellinghorst angetreten ist, waren genau 29 zahlende Zuschauer und 16 Vereinsmitglieder im Publikum. Die Zuschauereinnahmen lagen bei rund 100 Euro. Wenn ich das Schiedsrichtergeld abziehe, bleiben 30 übrig - es fallen aber noch Kosten, Verbandsabgaben und Steuern an. Wie das auf Dauer weitergehen soll, weiß ich nicht.
Und das ist nicht nur das Einzelschicksal Ihres Vereins?
Es trifft nicht nur uns. Viele Vereine stehen schon vor dem Kollaps. Aber wir haben leider keine Lobby, die uns wieder auf die Beine hilft. Das haben wir eigentlich auch nie gewollt, wir wollen uns alleine am Leben halten. Mittelfristig werden aber viele Vereine von der Bildfläche verschwinden. Der Tod des Amateurfußballs kommt schleichend.
Wieso gehen nicht viel mehr Amateurkicker auf die Barrikaden, wenn doch der Leidensdruck so groß ist? Aus Ihrer Großdemonstration vor dem DFB-Bundestag in Düsseldorf ist nichts geworden, es kamen nur zwanzig Menschen.
Die Demonstration war ein absoluter Schuss in den Ofen. Wir haben es nicht geschafft, die Basis zu mobilisieren. Wir haben uns dabei ziemlich „amateurhaft“ verhalten. Ich kann jedoch nur sagen: wir sind lernfähig. Ich habe im Frühjahr alle deutschen Fußballkreise angeschrieben, um auf unser Aktion hinzuweisen. Zum Teil habe ich bitterböse, teilweise beleidigende Antworten von Kreisvertretern erhalten, die anderer Meinung waren und meinten, die Situation sei doch gar nicht so wild. Vielleicht war das Ganze noch zu weit weg, vier Monate vor der neuen Bundesligasaison. Über unsere Homepage haben wir aber auch Zuspruch bekommen. Mehr als 3000 Leute haben sich in die virtuelle Unterschriftenliste gegen die Sonntagsspiele eingetragen.
Die letzten Einträge im Online-Protestforum stammen aus den Monaten März und April. Eigentlich müssten Sie doch gerade jetzt Zulauf bekommen.
Ich wundere mich auch, dass sich nicht viel mehr Fangruppen gegen die Ansetzungen auflehnen. Viele wollen leider nur ihr eigenes Süppchen kochen. Aber langsam regt sich was: am vergangenen Wochenende haben die Supporters von Borussia Mönchengladbach einen offenen Protestbrief im Internet veröffentlicht, weil die Borussia an den ersten vier Spieltagen schon zweimal Sonntags um 15.30 Uhr ran musste. Außerdem wurde das Revierderby zwischen Dortmund und Schalke von Sonntag auf Samstag vorverlegt - angeblich aus Sicherheitsgründen. Meines Erachtens ist das nur ein vorgeschobener Grund, wahrscheinlich stecken Beschwerden der Fans dahinter.
Gab es ein Entgegenkommen von Seiten des DFB oder der DFL? Wurden Sie von der Verbands-Spitze empfangen?
Als wir Vereinsvertreter beschlossen haben, den ersten Rückrundenspieltag der Kreisliga zu bestreiken, ist der DFB aufmerksam geworden. Präsident Theo Zwanziger hat am Rande eines Frauen-Länderspiels mit uns über die Aktion gesprochen. Zum Streik ist es dann allerdings nicht gekommen, weil unser Verband den fraglichen Spieltag kurzerhand abgesetzt hat. Ich glaube, man wollte uns diese öffentlichkeitswirksame Show nicht gönnen. Es gab an diesem Spieltag aber wenigstens eine Protestveranstaltung vieler Vereine in Gelsenkirchen.
Haben die Bundesligaklubs Ihre Proteste wahrgenommen?
Informiert waren sie. Wir haben die Bundesligavereine angeschrieben. Die einzige Reaktion kam von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke hat mich damals angerufen. Von Schalke 04 und dem VfL Bochum haben wir überhaupt nichts gehört, was mich persönlich sehr ärgert, denn ich bin Schalke-Fan. Daran kann man natürlich schon erkennen, wie die „großen“ Vereine uns sehen. „Bringt uns das Geld, was wir brauchen, lasst uns aber ansonsten in Ruhe“. Sie sehen nur noch ihre Bundesligaklubs, die Basis interessiert sie nicht.
Sie kritisieren den Bruch des DFB-Grundlagenvertrages.
Das Sonntagsspiel um 15.30 Uhr ist der zweite Vertragsbruch, schon die vorherige Anstoßverlegung am Sonntag von 17.30 Uhr auf 17 Uhr war eine zusätzliche Belastung für uns. Ich fürchte, die DFL eifert der englischen Premier League mit einem Konzept der weltweiten rund-um-die-Uhr-Vermarktung nach. Aber ich kämpfe mit Leib und Seele für den Amateurfußball. Es wäre eine Schande, wenn die kleinen Vereine sterben und die Kinder wieder auf der Straße spielen müssen. Das kann doch nicht gewollt sein.
Alles wird dem Kommerz untergeordnet!
Stefan Kohler (Kohli77)
- 13.09.2009, 13:29 Uhr