Home
http://www.faz.net/-gtn-1449g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bruno Labbadia Der Ehrgeiz des Einwanderersohnes

 ·  Am Samstagabend feiert Bruno Labbadia im Bundesligagipfelspiel ein Wiedersehen mit dem alten Arbeitgeber. Der Trainer des Hamburger SV hat aus seinen Erfahrungen bei Bayer gelernt.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Die Woche vor dem Spiel des Jahres begann im Gobelinsaal des Hotels Vier Jahreszeiten. Wer Trainer des Hamburger SV ist, gehört zu den wichtigsten Menschen der Stadt, ohne dass er viel dafür tun müsste. Also war das edle Haus an der Binnenalster der angemessene Ort, um Bruno Labbadia und Ole von Beust zusammenzubringen. In der Gesprächsrunde namens Hamburger Soirée haben schon Franz Beckenbauer, Boris Becker und Franziska van Almsick mit dem Ersten Bürgermeister der Hansestadt gesprochen. Der interessiert sich zwar nicht für Sport, schätzt aber den öffentlichkeitswirksamen Auftritt. Labbadias Vorgänger Martin Jol hatte an dieser Stelle Anfang des Jahres ausgeplaudert, wie viel er für sein Haus in Elbnähe bezahlt hatte - rund zwei Millionen Euro -, und war der bessere Unterhalter als der Politiker. Labbadia begegnete der großen Bühne vor verlesenem Publikum eher verhalten. So ist es die Art des 43 Jahre alten Fußballlehrers: den Mund nicht zu voll nehmen. Bescheiden wirken. Auf die eigene Herkunft verweisen (italienischer Abstammung, acht Geschwister). Schon gar nicht auftrumpfen, wenn man sich in der Woche vor dem Spitzenspiel der Bundesliga gegen Bayer Leverkusen befindet und die eigene Mannschaft nur ein Tor vom ersten Platz trennt.

Nie verhehlen kann dieser Bruno Labbadia aber seinen brennenden Ehrgeiz. Am Montag erzählte er: „Manchmal muss ich nach Niederlagen für mich allein sein. Dann schlafe ich auf der Couch.“ Durch solche offenen Sätze gewinnt er an Kontur, nicht durch die immergleichen Fußballphrasen, die er so gern benutzt: „Wir haben uns alles hart erarbeitet.“

Dabei sieht es doch so aus, als habe sich Labbadias HSV den exzellenten Start in die Saison erspielt. Mit einem 4-4-2-System, mit präzisem Flachpass-Spiel. Mit einer deutlich sichtbaren Struktur und dem Willen, das Spiel zu machen. Nie in seiner Hamburger Zeit sei so viel und so akribisch Taktisches trainiert worden, sagt Nationalspieler Piotr Trochowski. Insofern ist Bruno Labbadia in seinen hundert Tagen im Job sehr viel gelungen. Doch irgendwie scheint er dem Ganzen noch nicht zu trauen, und das liegt nicht nur daran, dass vor der Partie gegen Leverkusen an diesem Samstag und auch in den Monaten danach die beiden besten Offensivspieler fehlen, Paolo Guerrero und Mladen Petric.

Warum nicht deutscher Meister?

Labbadia redet viel, er möchte sich erklären, er antwortet auf kurze Fragen ausführlich und grundsätzlich. Er möchte durch den Wortschwall die Extreme abfedern, die in Hamburg auf seine Mannschaft wirken: Nach einem Sieg gegen Bayern München spricht man von der Meisterschaft, nach Niederlagen auf den Randbühnen Europa League und DFB-Pokal von Krise. Labbadia hat vom ersten Tag an versucht, allzu große Begeisterung zu dämpfen, ohne den Fans ihre Freude an den Siegen zu nehmen. „Wir können die Situation einschätzen“, sagt er dann.

Der HSV deutscher Meister mit Labbadia? Warum nicht. Aber die Erfahrung hat ihn gelehrt, nicht im Oktober vom Mai zu sprechen. Zum einen ist der HSV noch mit jedem der letzten Coaches spät eingebrochen, zum anderen hat Labbadia aus Leverkusen den Ruf mitgebracht, ein Trainer ohne Ausdauer zu sein. Die Stationen des Abschieds vom „Traumjob“ bei Bayer sind ja deutlich markiert: der Aufschwung der Vorrunde, der Sturz der Rückrunde, die Entzweiung mit Spielern und Manager Reschke. Labbadia provozierte den Rausschmiss vor dem (verlorenen) Pokalfinale durch ein Interview (siehe: Nach dem Pokalfinale: Partywellen bei Werder, Fruststau in Leverkusen). Der Weg für den HSV, „der einfach mein Verein ist“, wie Labbadia heute sagt, war frei.

Die Vorgesetzten bestaunen den Fleiß

In diesen Tagen verliert Bruno Labbadia kein schlechtes Wort über Bayer und die Profis, deren Rundum-sorglos-Mentalität er vor fünf Monaten noch gegeißelt hat. Die offizielle Sprachregelung lautet so: „Ich möchte diese Zeit nicht missen.“ Und da auch das Verhältnis zu Rudi Völler gekittet ist, wird man die Umstände des Ausscheidens bei Bayer irgendwann einfach vergessen - spätestens, wenn es das von Labbadia versprochene gemeinsame Familienessen gegeben haben wird.

Manchmal geraten ihm die Bezüge etwas zu groß und wuchtig für einen Trainer, der doch erst im zweiten Jahr im Oberhaus trainiert und noch nichts erreicht hat. Dann gilt der FC Barcelona als Beispiel in der Systemfrage. Man kann das aber auch so werten, dass ihm nach den Stationen Darmstadt, Fürth und Leverkusen das Beste als Vorbild gerade gut genug ist. Da ist er wieder, der brennende Ehrgeiz des Einwanderersohnes Bruno Labbadia. „Ich glaube daran, dass man auch dann viel erreichen kann, wenn man nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren ist“, sagt er.

Seine Vorgesetzten staunen längst, wie viele Stunden er arbeitet in der Doppelfunktion als Trainer und Manager, in einer Rolle, die ihm inzwischen behagt. Dass es seine beträchtliche Eitelkeit nicht zulässt, dabei die eigene Figur zu vernachlässigen, versteht sich von selbst: Beim Waldlauf mit der Mannschaft ganz vorn mitzulaufen ist ihm eine Selbstverständlichkeit.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.