Ein strahlender Sonnentag in Bremen. Die letzten Vorbereitungen für das Saisonfinale im Weserstadion laufen: Der sattgrüne Rasen wird gemäht, die Fensterscheiben der VIP-Räume werden geputzt, Sitzschalen gereinigt. Routinierte Betriebsamkeit. In ganz Bremen freut man sich auf diesen 34. Spieltag mit dem Derby gegen den Hamburger SV am Samstag (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker). Da geht es dem Trainer nicht anders, von Routine keine Spur.
„Es gibt doch nichts Schöneres, als wenn es im letzten Spiel richtig um was geht. Da tanzt der Bär, es wird von nichts anderem gesprochen. Auf so ein Spiel muss man sich freuen“, sagt Thomas Schaaf. Doch wie immer bleibt der Fußballfan, der er im elften Jahr als Werders Chefcoach immer noch ist, auch Realist: „Übrigens: Wer sagt eigentlich, dass sich hier in Bremen etwas entscheidet? Stuttgart hat ja noch nicht in Hoffenheim verloren, oder?“ Natürlich kennt Schaaf die Lage der Dinge für den HSV: Ein Sieg in Bremen bei einer Niederlage des VfB in Hoffenheim, und der sechste Platz wäre erreicht, wieder wäre Hamburg in der Europa League dabei.
Schaaf nimmt etwas Druck aus dem Aufeinandertreffen der Nordrivalen, wenn er sagt: „Vielleicht entscheiden sich die Dinge ganz woanders. Letzte Woche hieß es auch: Schalke kann Meister werden.“ Es kam bekanntlich ganz anders; Werder manövrierte sich durch das 2:0 in eine optimale Ausgangslage - selbst bei einer Niederlage gegen den HSV stünde Werder in der Champions-League-Qualifikation, sollte Leverkusen in Gladbach verlieren.
„Wir suchen noch unseren Thomas Schaaf“
Wie immer vor Spielen Bremen gegen Hamburg haben die Verantwortlichen beider Klubs alles getan, damit es ein ruhiges Derby wird. Mit jubelnden Gartenzwergen in Grün-Weiß und Blau-Weiß-Rot wird in Bremen auf Plakaten für den Samstag geworben, „Seid fair zueinander“ ist der Slogan. Dass es vor dem Spiel knistert und am Samstag laut und hitzig wird, kann Schaaf nur gut finden: „Es gibt doch nichts Schlimmeres, als wenn man fünf Spieltage vor Schluss nichts mehr erreichen kann. Dann schleppt sich alles dahin. Wir sind froh, dass es noch mal richtig um was geht.“
Werder hat schon gewonnen, wird durch den Einzug ins Pokalfinale am kommenden Wochenende auch 2010/2011 in der Europa League spielen. Mindestens. Der HSV wird verbissen um sein letztes Ziel kämpfen, nach einer wieder einmal verpatzten Saison. Dass die Bremer es dem HSV wieder einmal gezeigt haben, macht es für den HSV nicht leichter. Das Gute liegt so nah. Stetigkeit und vergleichsweise kleine Mittel an der Weser, ständiger Wechsel und das große Geld an der Alster. Die entscheidende Stellschraube ist und bleibt der Trainer.
Erst am vergangenen Sonntag hob der Hamburger Vorstandschef das Bremer Modell wieder in den Himmel, als er in einer Gesprächsrunde sagte: „Wir suchen noch unseren Thomas Schaaf. Man kann ihn ja nicht klonen.“ Schaaf ist seit 1999 Werders Bankverantwortlicher; der neue Hamburger Trainer wird der fünfte seit 2007 sein. Schaaf will Hamburger Verhältnisse nicht beurteilen, nur so viel: „Man sollte sich genügend Zeit geben und gemeinsam als Vorstand und Trainer auch gegen Widerstände angehen. Das wird meist irgendwann belohnt.“ Allerdings nimmt Schaaf auch seine Kollegen in die Pflicht, wenn er sagt: „Man muss sich auch als Trainer hinterfragen, ob der Verein, zu dem man will, der richtige ist.“ Auf Bruno Labbadia will er die Aussage nicht gemünzt wissen.
„Ich gehe positiv an solche Aussagen heran“
Die Bemerkung Schaaf-Klon amüsiert ihn. Schaaf sagt: „Ich gehe positiv an solche Aussagen heran. Sie sind ja ein Lob für meine Fähigkeiten.“ Sagt das und erinnert gleich im Nachsatz, dass sich der Fast-Absteiger von 1999 niemals so entwickelt hätte, wäre im selben Jahr wie der junge Cheftrainer Schaaf nicht auch der Manager Klaus Allofs eingestellt worden.
In Bremen und bei Schaaf merkt man, dass Vorfreude herrscht, in Hamburg ist es eher eine Spannung vor dem Spiel, das die Serie „retten“ kann und muss, wie Hoffmann sagt. Dafür wird sich der HSV zusammenreißen - und muss bei aller eigenen Energie doch nach Hoffenheim schauen. Während Werder den doppelten Boden namens Gladbach (Heimspiel gegen den Ligavierten Leverkusen) hat: Vielleicht wird im Weserstadion selbst bei einer Niederlage gegen den HSV gejubelt, eine ganz neue Erfahrung für alle Fans.