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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Borussia Mönchengladbach Zwischen Banalität und Perfektionismus

 ·  Mit Trainer Lucien Favre spielt Mönchengladbach so erfolgreich wie seit dreißig Jahren nicht mehr. Vor dem Spiel in Wolfsburg liegt die Borussia nur einen Punkt hinter den Top drei. Dafür gibt es gute Gründe.

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© dpa Ein Schritt nach dem anderen: Lucien Favre und seine Gladbacher

Selbst wenn Lucien Favre aus dem Telefonbuch von Mönchengladbach vorläse, würde so mancher Zuhörer hinter seinen Ausführungen einen tieferen Sinn in Sachen Fußball vermuten. Der Trainer von Borussia Mönchengladbach hat sich eine Autorität verschafft, wie es nur wenigen Männern an diesem Ort der Tradition je gelungen ist.

In knapp einem Jahr hat der 54 Jahre alte Schweizer aus einer Mannschaft, die dem Abstieg geweiht schien, ein Ensemble gemacht, das vor dem zwanzigsten Spieltag, an diesem Samstag beim VfL Wolfsburg (15.30 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker), zu den phantastischen Vier der Bundesliga zählt. Von den Spitzenklubs Bayern München, Borussia Dortmund und Schalke 04 nur einen Zähler getrennt, gelten die Gladbacher als Überraschungskandidat, der sogar in den Kampf um den Meistertitel eingreifen könnte.

Der Trainer lebt seinen Mitarbeitern eine gesunde Mischung aus Demut und Selbstbewusstsein vor. Ein versierter Taktiker war Favre schon immer. In Gladbach kommt ihm zugute, dass er in Manager Max Eberl, anders als in Berlin, kein typisches Alphatier wie Dieter Hoeneß neben oder über sich hat, sondern einen Partner, der sein Ego zu kontrollieren weiß. Und sogar der als extrovertiert bekannte frühere Trainer Hans Meyer, inzwischen Präsidiumsmitglied des Klubs, hält sich im Hintergrund.

Welche Phantasien die Borussen mit Taten und Toren auch wecken - Favre reagiert fast immer gleich. Er lächelt, und seine Miene drückt ein gewisses Unverständnis aus (nicht nur wenn seine Elf mit dem FC Barcelona verglichen wird, den er so verehrt). Auch mit Worten hat der von Haus aus französisch sprechende Fußball-Lehrer sich in Deutschland verständlich zu machen gelernt.

Sein Standardsatz aber ist eine Floskel: „Wir denken von Spiel zu Spiel.“ Das klingt zunächst nicht viel origineller, als aus dem Telefonbuch zu zitieren. Aber aus Favres Mund hört sich diese Banalität an wie eine Botschaft, die der Zusammenarbeit eine verbale Basis gibt, auf die sich alle stützen, vom Vorstand bis zum Ersatzspieler.

„Wir gucken wirklich nur von Spiel zu Spiel“

Von Spiel zu Spiel zu denken, also „nicht von Dingen zu träumen, die weit weg sind“, wie Eberl sagt, diese Vorgabe wirkt wie ein Mantra, das unabhängig vom Tageserfolg Halt gibt und innere Ruhe verleiht. Die Phrase hat sich im Bewusstsein der Borussen verankert wie das schnelle Konterspiel aus der defensiven Grundordnung, mit dem die Mannschaft das Publikum begeistert und sogar Gegner wie Bayern München und Schalke 04 düpiert.

„Wir gucken wirklich nur von Spiel zu Spiel“, sagt Marco Reus, der nicht nur seiner zwölf Saisontore wegen herausragende Borussen-Profi. Jeder Sieg bereite ihm und seinen Mitstreitern Freude, „aber das ändert nichts an unserer Denkweise“. Vielleicht ist es auch nur ein Aberglaube, der sich - von Spiel zu Spiel - verfestigt hat wie bei anderen die Annahme, wenn der Trainer einen bestimmten Pullover trage, könne nicht viel schiefgehen.

Schon im Abstiegskampf hatte Favre seinem Personal abgewöhnt, weiter als eine Woche in die Zukunft zu blicken. Die „Denkweise“, von der Reus spricht, macht die Spieler stark - so schlicht der Inhalt, wörtlich genommen, auch sein mag. Es sind fast ausnahmslos dieselben Profis, die in der Relegation den Abstieg verhindert haben und bei diesem Kraftakt von einer beliebigen Gruppe zu einer Borussen-Bruderschaft geworden sind.

„Wir spielen als Team überragend, das ist unsere Stärke“, sagt Reus. Ausgangs der Winterpause hatte ein Teil der Medien düster vorhergesagt, es werde wohl bergab gehen in der Rückrunde, nicht zuletzt weil Reus und Mittelfeldspieler Roman Neustädter angekündigt hatten, den Klub zum Saisonende zu verlassen.

„Wir wissen, dass wir keine Spitzenmannschaft sind““

Natürlich ist ein Einbruch nicht auszuschließen, zumal die Gegner, wenn sie klug sind, den Liga-Vierten nicht mehr als Außenseiter betrachten. Doch vorerst ist die Gladbacher Geschlossenheit stärker als die Skepsis. Zweifel werden von außen gestreut - und dann auf dem Rasen zerstreut: Gladbach startete mit klaren Siegen über die Bayern und Stuttgart in die Rückrunde.

Auch diejenigen, die weggehen werden, machen mit Vergnügen dort weiter, wo sie vor der Winterpause aufgehört haben; es erscheint ihnen reizvoll, Teil von etwas Großem zu werden, das niemand erwartet hat. Dennoch lassen die Gladbacher sich nicht zu unbedachten Äußerungen verleiten, die als Höhenflug (fehl-)gedeutet und so zum medialen Bumerang werden könnten. „Wir wissen, wo wir herkommen, und wir wissen, dass wir keine Spitzenmannschaft sind“, sagt Stürmer Mike Hanke, der in den vergangenen Monaten auf dem Platz, aber auch außerhalb sein Profil geschärft hat.

Wer die Spieler reden hört, der spürt, dass sie Favres Mantra verinnerlicht haben - wie seine Taktik. Auf dem Trainingsplatz zeigen sie sich beflissen und gelehrig, wenn ihr Vorgesetzter das Spiel zum x-ten Male unterbricht und ihnen erklärt, was sie falsch gemacht haben oder was sie noch besser machen können und müssen.

„Die Perfektion bleibt immer das Ziel“, sagt Favre. Es gibt Bundesligaprofis der bequemeren Art, bei denen kommen Trainer mit Perfektionsdrang nicht besonders gut an. In Gladbach sind sie wissbegierig. Für Manager Eberl gehört dieser Umstand zu den Voraussetzungen für den Erfolg: „Der Trainer passt zur Mannschaft, die Mannschaft passt aber auch zum Trainer.“

„Ohne Spielintelligenz ist der Trainer tot“

Sogar ein Hochbegabter wie Reus bemerkt staunend, was er noch alles lernen kann, etwa wie wichtig die Augen sind, nicht nur beim Blick in die Tiefe des Raumes. „Wenn ich auf den Gegner zulaufe, den ich umdribbeln will, soll ich auf seine Füße achten. Die Füße verraten, an welcher Seite ich vorbeiziehen soll“, zitiert Reus seinen Lehrherrn und stellt verblüfft fest: „Es funktioniert.“

Verteidiger Dante berichtet, wie Favre seine Fußstellung im Stehen korrigiert und ihm so zu einem schnelleren Antritt verholfen habe. Der Trainer genießt derzeit fast die Autorität eines Guru. Und seine Männer haben beim Lernen ein ähnliches Tempo vorgelegt wie bei ihren Kontern. Viele fragen sich, wie es in so kurzer Zeit gelingen konnte, die Mannschaft umzuerziehen. Favre sieht den Schlüssel in einem hohen Maß an Fußballverständnis bei den Profis, auf das gerade ein Trainer wie er angewiesen sei. „Ohne Spielintelligenz ist der Trainer tot“, sagt er.

Favre indes wirkt quicklebendig. Die Spieler folgen ihm, weil sie merken, dass er einen Plan hat, der (meistens) aufgeht, wenn sie sich stur daran halten, egal, wie der Gegner heißt, was er kann und was er vorhat. Wer überfallartige Gegenangriffe und steile Pässe so beherrscht wie die Gladbacher, braucht nicht allzu viel Ballbesitz, um sich durchzusetzen. Insofern erinnert der Borussen-Jahrgang 2012 wirklich an das goldene Gladbacher Zeitalter der „Fohlen“, die in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Konterfußball Maßstäbe gesetzt haben.

Das Spiel insgesamt ist seither schneller geworden, aber der Stil feiert eine Gladbacher Renaissance, die bestätigt, was auch in der Mode gilt: Alles kommt wieder. Couturier Favre sieht die Grenzen des Wachstums, vorläufig, allerdings fast erreicht. Jüngst nach dem Auswärtssieg gegen Stuttgart sagte er: „Es wird schwer, besser zu spielen.“ Jetzt kann er sich um die Kleinigkeiten kümmern.

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