Der einzige Flüchtigkeitsfehler unterlief Lucien Favre gleich zu Beginn. Bevor er den Prolog zum Rückrundenstart der Fußball-Bundesliga in Angriff nahm, sagte der Trainer von Borussia Mönchengladbach zur Mittagsstunde „guten Morgen“. Danach wirkte so souverän, wie es sich gehört für einen Fußball-Lehrer, der als besonders ausgeschlafen gilt.
Natürlich verkündete Favre auch wieder seine Botschaft, die gewissermaßen den Leitsatz eines Aufschwungs bildet, der den Klub binnen eines (Kalender-)Jahres vom Abstiegskandidaten Nummer eins zu einer Spitzenmannschaft gemacht hat. „Wir denken immer nur an das nächste Spiel“, sagte Favre bei jeder Gelegenheit, auch vor der Partie an diesem Freitag gegen den deutschen Rekordmeister und aktuellen Tabellenführer Bayern München (20.30 Uhr / Live in der ARD und im F.A.Z.-Ticker).
Es klingt wie eine Mischung aus Floskel und Gladbacher Glaubensbekenntnis. Auf Hochrechnungen, die über den Spieltag hinausreichen, lassen sich Favre und Sportdirektor Max Eberl nicht ein, obwohl sie schon 33 Punkte haben, also zehn Zähler Vorsprung auf einen Platz, der nicht zur Teilnahme am Europapokal berechtigt. Vor einem Jahr waren es nach der Hinrunde gerade einmal zehn Zähler insgesamt gewesen.
Dennoch verhinderte die Borussia in der Relegation den Abstieg, dann folgte ein Startspiel, das Gladbach nur verlieren konnte - und doch gewann. Das 1:0 bei Bayern München leitete die beste Hinrunde der Rheinländer seit 35 Jahren ein.
Die Älteren unter den Anhängern mögen sich vorkommen wie auf einer Reise zurück ins goldene Zeitalter, als Gladbach auf einer Qualitätsstufe mit Bayern stand. Es mutet an, wie eine Reminiszenz an die alten Zeiten, dass der jüngste Aufschwung ausgerechnet in München seinen Anfang nahm - nach fünfzehn Jahren, in denen Gladbach entweder gegen den Abstieg spielte oder in der zweiten Liga.
„Das erste Spiel war wichtig, es hat uns Selbstvertrauen gegeben und in der ganzen Hinrunde geholfen“, sagt Favre. Die Bayern hatten an jenem Sonntag ihr vielleicht schlechtestes Saisonspiel gemacht. Auf jeden Fall „sind sie besser geworden“, sagt Favre, „aber wir sind auch besser geworden.“
Die Initialzündung von München hat Gladbach von Selbstzweifeln befreit. Statt Bochum heißen die Vergleichsgrößen inzwischen Bayern, Dortmund oder Schalke, ohne dass sich an der Zusammensetzung der Mannschaft Wesentliches geändert hätte. „Wir respektieren die Bayern, aber Angst haben wir nicht vor ihnen“, sagt Favre. Dennoch werde die Rückrunde schwieriger als die erste Serie. „Alle Mannschaften kennen uns jetzt.“
Zweifler erwarten eine schwierigere Rückrunde für die Borusssia, weil zwei junge Spieler, ein hochbegabter und ein begabter, zum Saisonende ihren Abschied eingereicht haben. Marco Reus wechselt im Sommer zu Borussia Dortmund, Roman Neustädter zu Schalke 04.
Als die Wechsel während der Winterpause angekündigt wurden, ist rund um den Borussia-Park ein (mediales) Untergangsszenario entstanden. Von einem „Traum in Trümmern“ war die Rede, und Manager Eberl will angesichts mancher Veröffentlichung eine „absurde Totengräberstimmung“ gespürt haben.
Natürlich seien alle, ob Mitspieler oder Vorgesetzte, enttäuscht gewesen über die Entscheidung der beiden Wechselwilligen. Aber zwei Tage später sei das „in der Mannschaft kein Thema mehr gewesen“. Der Sportdirektor sieht gute Chancen, „das aufgebauschte Szenario“ des Schreckens zügig „in Richtung Normalität“ verlassen zu können.
Schon aus ihrer Geschichte heraus betrachten die Gladbacher es als normal, ihren besten Spieler zu verlieren, das war schon zu Netzers Zeiten so. Am Leistungswillen eines jungen Aufsteigers wie Marco Reus hegt Eberl keinen Zweifel und an seinem sportlichen Wert für die Mannschaft schon gar nicht. Reus werde mit vollem Einsatz „siebzehn Spiele plus Pokal“ bestreiten.
Nur eine kleine Einschränkung lässt der Geschäftsführer zu. „Er muss seine Emotionen im Griff haben“, gerade gegen die Bayern, die neben Dortmund und einigen ausländischen Klubs offensiv um Reus geworben hatten.
Eine Gefahr für den Aufschwung ginge von Reus’ Wechsel allerdings dann aus, wenn es zu einem Domino-Effekt käme. Wenn etwa Favre oder Abwehrchef Dante, der gegen München gesperrt ist, die Lust verlören, für einen Klub zu spielen, der (noch) zu schwach ist, um die Großen der Liga anzugreifen. Beide haben Verträge, die bis Ende der nächsten Saison gelten.
Dante hat sich vor einem halben Jahr jedoch eine Klausel ausbedungen, die es ihm ermöglicht, den Verein nach Saisonende zu verlassen, angeblich gegen eine Ablöse von angeblich fünf Millionen Euro. Der Brasilianer wollte sich dagegen absichern, weitere Abstiegskämpfe bestreiten zu müssen. Angesichts des sportlichen Hochs gibt es aber keine Anhaltspunkte dafür, dass er oder andere Protagonisten von Rang sich verändern wollen.
Favres Lage erinnert ein wenig an seine beste Berliner Saison. Hertha wurde Vierter, gab mehrere Leistungsträger ab und stieg, nach Favres Entlassung, schließlich ab. Doch diese Geschichte lasse sich mit der Gladbacher Situation nicht vergleichen, sagt Eberl. Für Reus erhalte die Borussia eine finanzielles Äquivalent von mehr als siebzehn Millionen Euro. „Das können wir zu hundert Prozent in den Sport investieren.“ Auch hier gilt also: Gladbach hat keine Angst.