30.08.2010 · Borussia Mönchengladbach hat beim spektakulären 6:3-Sieg in Leverkusen an stürmische und glorreiche Zeiten in den 70er Jahren erinnert. Doch gerade der gegnerische Trainer bremst die Erwartungen. Jupp Heynckes hat jene Zeiten als Klublegende stürmend mitgestaltet.
Von Richard Leipold, MönchengladbachEinmal, für einen Augenblick nur, wirkte Michael Frontzeck ein wenig irritiert an diesem Festtag des Mönchengladbacher Fußballs - als er mit einem Ausspruch des zweimaligen Torschützen Patrick Herrmann konfrontiert wurde. Im Erfolgsrausch hatte der junge Mann seiner Begeisterung freien Lauf gelassen und einen Blick in die Zukunft gewagt. „Nach oben sind in dieser Saison keine Grenzen gesetzt“, sagte der 19 Jahre alte Mittelfeldspieler, der zum ersten Mal in einer Bundesligapartie zwei Treffer erzielt hatte. Letztlich aber konnte ihm nicht einmal sein Trainer den jugendlichen Überschwang verdenken - nicht nach einem 6:3 über Bayer Leverkusen, noch dazu in einem Auswärtsspiel. „Man muss es den Jungs auch einmal nachsehen, wenn sie nach einem solchen Spiel euphorisch sind“, sagte Frontzeck.
Der junge Hermann war vielleicht ein wenig zu weit vorgeprescht, was die Zukunft betrifft, aber der Auftritt in Leverkusen war für ihn und seine Mitstreiter ein Spiel ohne Grenzen, nicht nur weil fast jeder Schuss ein Treffer war. Zum ersten Mal nach 26 fehlgeschlagenen Versuchen errang Gladbach einen Sieg gegen Bayer 04, zuletzt war den Borussen ein solcher Erfolg vergönnt, als Patrick Hermann drei Jahre alt war. Noch nie hat Bayer in einem Bundesliga-Heimspiel so viele Tore hinnehmen müssen wie an diesem Nachmittag, und noch nie hatte Jupp Heynckes, der älteste Trainer der Liga, daheim gegen seinen Herzensklub verloren, bei dem er lange gespielt und später seine Trainerkarriere begonnen hatte.
Zu seinen vielen Schülern gehörte auch Frontzeck. Inzwischen ist der Schüler von einst selbst ein Lehrer, der einiges an Erfahrung auszuweisen hat. Solche Ausnahmesituationen wie an diesem denkwürdigen Sonntag hat Frontzeck als Trainer aber noch nicht oft erlebt. Umso mehr ist er mit den Schattenseiten seines Metiers vertraut.
Ende des Rumpuzzelns
Frontzeck hatte keinen leichten Einstieg in das Trainergeschäft des Profifußballs. Er vermochte nicht zu verhindern, dass Alemannia Aachens Bundesliga-Kurzgeschichte vor ein paar Jahren mit dem Abstieg endete. Seine zweite Station war ähnlich schwierig. Bei Arminia Bielefeld gelang ihm zunächst die Rettung, im zweiten Jahr zog er den Zorn des Volkes auf sich, weil viele Fans genug Phantasie besaßen, anzunehmen, die Ostwestfalen hätten Anspruch auf einen festen Platz in der ersten Klasse. Am vorletzten Spieltag wurde Frontzeck in einer Panikreaktion des Vorstands, hervorgerufen durch ein Debakel in Dortmund, zum Sündenbock gemacht. Während Bielefeld dennoch abstieg, kehrte Frontzeck in die erste Liga zurück - und nach Mönchengladbach; dorthin, wo er groß geworden war wie sein einstiger Mentor. Heynckes hat immer viel von ihm gehalten, nicht nur als Verteidiger, sondern auch als Trainertalent. In Frontzeck habe die Borussia einen jungen Trainer von Format verpflichtet, dem einiges zuzutrauen sei, sagte Heynckes.
Der rheinische Traditionsklub hatte lange herumgepuzzelt, mit Hunderten Teilen, mit unzähligen Spielern und vielen Trainern, die nicht dorthin passten. Mannschaftskapitän Filip Daems etwa hat allein in den vergangenen fünf Jahren unter sieben verschiedenen Fußball-Lehrern gearbeitet. Frontzeck ist der erste, der sich anschickt, die Sehnsucht nach ein wenig Konstanz und Kontinuität zu befriedigen - selbstbewusst, sachlich, bestimmt, aber nicht überschwänglich, schon gar nicht überheblich nach einem rekordverdächtigen Jahr ohne akute Abstiegsgefahr, dem ein weiteres folgen soll, in dem Vokabeln wie „Klassenverbleib“ nicht mehr zum Gladbacher Grundwortschatz gehören sollen. Frontzecks Vertrag wurde im Sommer vorzeitig bis Juni 2013 verlängert. Sportdirektor Max Eberl bezeichnet ihn als „das beste Puzzleteil“. Sternstunden wie in Leverkusen wecken unter alten und jungen Borussen die Hoffnung, Frontzeck könnte zum Piloten einer Zeitmaschine werden, die den Klub zurück in die Zukunft, ins Zeitalter der „Fohlen“ lenkt, an das besonders ältere Fußball-Romantiker sich voller Wehmut erinnern.
Hoffnung auf Fohlen-Renissance
Die Partie in Leverkusen weckt Hoffnung auf Konterfußball wie zu Zeiten der ersten und zweiten Fohlengeneration aus den siebziger und den frühen achtziger Jahren. Neben Patrick Hermann steht auch Marco Reus als Newcomer unter Frontzeck für diese Renaissance. Tobias Levels, der rechte Verteidiger ist mit 23 Jahren ein erfahrener, aber immer noch junger Borusse mit Stallgeruch; er ist seit elf Jahren im Klub. Diese Personalien und Perspektiven gefallen den Fans wesentlich besser als die vagen, oft enttäuschten Hoffnungen, die sie mit namhaften Zukäufen wie Elber, Ziege oder Insua verknüpft hatten.
Nach der Partie in Leverkusen wurde Heynckes auf das spielerische Geschick des Gegners angesprochen: Ob ihn das an den Gladbacher Konterfußball aus den Siebziger Jahren erinnert habe. Heynckes antwortete vorsichtig, als wollte er die Begeisterung bei seiner alten Liebe nicht zusätzlich schüren. „Ich glaube nicht, dass ich meinem Kollegen Michael Frontzeck damit einen Gefallen tun würde“, sagte er. „Wenn Borussia in dieser Saison noch zehnmal so auftritt, dann rufe ich ihn an und sage es ihm persönlich.“
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 21 | 32 | 46 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 21 | 35 | 44 | ![]() |
| 3. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 21 | 22 | 43 | ![]() |
| 4. | ![]() |
FC Schalke 04 | 21 | 18 | 41 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 21 | -1 | 33 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 21 | 0 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 21 | -2 | 31 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 21 | 3 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
Hamburger SV | 21 | -8 | 26 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 21 | -2 | 25 | ![]() |
| 12. | ![]() |
1. FC Köln | 21 | -12 | 24 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 21 | -6 | 23 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 21 | -12 | 22 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 21 | -11 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 21 | -11 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 21 | -14 | 18 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |