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Borussia Mönchengladbach Intelligenztest bestanden

17.12.2011 ·  Trainer Favre und Manager Eberl haben Mönchengladbach überraschend zum Erfolgsteam geformt. Ein Vergleich mit den „Fohlen“ von früher erscheint vor der Partie gegen Mainz (17.30 Uhr) aber voreilig.

Von Richard Leipold, Mönchengladbach
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© dpa Wachgeküsst: Borussia Mönchengladbach und Marco Reus sind die Überraschungen der Saison

Manches in der Bundesliga erinnert an die Börse, vor allem die Volatilität, die Sprunghaftigkeit einiger Werte. Kurz vor dem Ende des ersten Halbjahres dieser Saison stehen die meisten Mannschaften zwar ungefähr dort, wo sie hingehören, aber es gibt Ausnahmen: Wolfsburg und Mönchengladbach. Die einen haben, trotz hoher Investitionen, ihr Kursziel deutlich verfehlt; die anderen liegen, mindestens genauso überraschend, weit über den Prognosen der Fußball-Analysten.

Gladbach kann am letzten Spieltag der Hinrunde (17.30 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) mit einem Sieg über Mainz 05 Anschluss halten an die Spitzengruppe mit Branchenführer Bayern, Meister Dortmund sowie Schalke und Bremen. Wer hätte das vor einem halben Jahr gedacht? Die Antwort fällt leicht: Niemand. Nicht einmal Max Eberl. Der Sportdirektor war zwar immer davon überzeugt, dass in der Mannschaft mehr stecke, als viele glaubten. Kurz vor der Winterpause die „internationalen Plätze“ in Reichweite zu haben findet er jedoch „schon überraschend“.

Skeptiker fragen sich: Ist die Borussia nicht überbewertet? Spätestens jetzt kommt Lucien Favre ins Spiel, der erfolgreiche Architekt des Wiederaufbaus. Sobald Gladbachs Rolle in der Hierarchie der Liga erörtert wird, mahnt der Trainer dazu, bloß nicht zu vergessen, wo die Borussen herkommen. Und er meint damit nicht die traditionsgetränkten Zeiten der „Fohlen“, jene mit Titeln dekorierte Ära, die viele jetzt wieder als Vergleichsgröße heranziehen - voreilig, wie die Verantwortlichen betonen.

Favre warnt

Niemand dürfe sich blenden lassen von der ansehnlichen Hinrunde, sagte Favre. „Wir dürfen eins nicht vergessen: Im Mai haben wir uns in der Relegation nur knapp gegen Bochum durchgesetzt.“ Gegen eine Mannschaft, die mittlerweile in der zweiten Liga nur noch Mittelmaß verkörpert. Drei Monate vorher hatte Favre von seinem irrlichternden Vorgänger Michael Frontzeck ein Ensemble übernommen, das als Tabellenletzter dem Abstieg geweiht schien. Nahezu alle Sachverständigen zollten dem Fußball-Lehrer vor allem deshalb Respekt, weil er bereit war, auch in die zweite Liga zu gehen.

Der Monsieur aus der Schweiz machte sich voller Elan an die Arbeit, nicht nur weil er froh war, wieder einen erstklassigen Job in Deutschland zu haben, sondern auch, weil er von Anfang an davon überzeugt war, dass sein Personal die wichtigste Voraussetzung für Fußball à la Favre erfülle: Spielintelligenz. „Ohne Spielintelligenz ist der Trainer tot“, sagt Favre. Diese Eigenschaft, verbunden mit Lerneifer und Disziplin, hat Gladbach nach oben gebracht, und zwar in drei Etappen. Zunächst gelang die Konsolidierung im Abstiegskampf, dann startete die Mannschaft mit einem Auswärtssieg über Bayern München in die neue Saison - ein Startschuss, wenn auch noch nicht zur deutschen Meisterschaft.

Im Laufe der folgenden Wochen bestätigte der Außenseiter den Aufschwung, ohne sich von einzelnen Ergebnissen aus der Bahn werfen zu lassen. „Nach Niederlagen haben wir immer eine gute Reaktion gezeigt“, sagt Eberl. „Das wollen wir jetzt auch nach der Niederlage in Augsburg versuchen.“ Vor einer Woche verlor Gladbach überraschend beim Tabellenletzten der Bundesliga. Nach dem 1:1 jüngst gegen Dortmund indes hatte BVB-Trainer Jürgen Klopp gesagt, spätestens in dieser Partie habe Gladbach den Nachweis erbracht, in die Spitzengruppe zu gehören.

Sogar Netzer lobt

Den Aufschwung kennzeichnet eine gewisse Stabilität. Sogar Günter Netzer, einst Star der „Fohlenelf“ und seit langem kritischer Fan des Klubs, hat seine Meinung geändert. Anfangs hatte er die Entwicklung „für ein bewundernswertes Strohfeuer gehalten, aber eben nur für ein Strohfeuer.“ Das sieht er inzwischen anders. „Diese Mannschaft ist nicht mehr so fragil, wie es vorausgesagt wurde, auch von mir.“ Deshalb dürfte sich der Status des Überraschungsgastes im oberen Drittel nicht mehr lange halten lassen.

„Die Rückrunde wird deutlich schwieriger“, sagt Eberl: „In viele Spiele gehen wir nicht mehr als der klassische Underdog.“ Die Erfahrung des Abstiegskampfes hat vor allem zur Demut erzogen, aber auch zur Zuversicht. „Wir haben eine Mannschaft, die sich weiterentwickeln wird unter Lucien Favre.“ Die Grundlage für den Paradigmenwechsel auf dem Rasen mag die von Anfang an vorhandene Spielintelligenz geliefert haben. Aber Favre hat auch jeden einzelnen Spieler im täglichen Training besser gemacht, so wie es einst Klinsmann als Bayern-Trainer angekündigt, aber nicht in die Tat umgesetzt hat.

Von Favre profitiert auch Marco Reus, der hochtalentierte jugendliche Held, auf den die Bayern ein Auge geworfen haben. Reus ist nicht mehr nur schnell und technisch versiert, sondern auch torgefährlich - zehn Treffer in vierzehn Spielen. Neben Mario Götze von Borussia Dortmund ist er der auffälligste Jungstar der Hinrunde. „Aber ich wehre mich dagegen, wenn unser Erfolg auf Reus reduziert wird“, sagt Eberl. Es gebe genug andere Spieler, die unter Favre beträchtliche Fortschritte gemacht hätten.

Viele Spieler besser gemacht

Torhüter Marc-Andre ter Stegen, dazu Abwehrkräfte wie Dante und Daems haben der Mannschaft Sicherheit gegeben. Reus’ Sturm-, Drang- und Doppelpasspartner Mike Hanke etwa versteht sich längst nicht mehr nur als Torjäger, der vorn herumsteht und auf den Ball wartet, sondern als Gestalter, der aus dem zentralen Mittelfeld das Spiel nach vorn treibt. Auf den Außenbahnen verleihen Juan Arango und Patrick Herrmann der Borussia Flügel.

Mit Ausnahme des 19 Jahre alten ter Stegen, den Favre im April beförderte, tauchten all diese Namen schon vor einem Jahr bei den Profis auf. Ein Beleg dafür, dass Eberls Personalpolitik vorausschauender ist, als mancher glauben machen wollte. Altborussen wie Vogts, Effenberg und Köppel hatten öffentlich Front gemacht gegen den Manager. Jetzt, da ihnen die Argumente fehlen, meidet der Manager den Begriff Genugtuung. Er stellt nur fest: „Dieser Verein hat auch in schwieriger Phase viele richtige, ja logische Entscheidungen getroffen. Aber wir träumen nicht von Dingen, die weit weg sind.“

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