22.09.2010 · Trainer Michael Frontzeck hält auch nach den hohen Niederlagen an seiner Stammelf fest. Die bekannte sich öffentlich schuldig und gelobt Besserung. Gegen St. Pauli an diesem Mittwoch soll es nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben.
Von Richard Leipold, MönchengladbachDie jüngsten Ergebnisse hatten eine Menge ausgesagt – dem 0:4 gegen Eintracht Frankfurt folgte ein 0:7 gegen den VfB Stuttgart; beides Niederlagen gegen zwei Mannschaften, die in dieser Saison sonst noch nicht viel erreicht haben. Doch das wollten die Fußballprofis von Borussia Mönchengladbach nicht einfach so stehenlassen. Also veröffentlichte die Mannschaft im Klubmagazin zum Bundesliga-Heimspiel gegen den FC St. Pauli an diesem Mittwoch (20.00 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) ein „Vorwort“ und wandte sich direkt an die „lieben Borussen“, die zuletzt so unsanft aus ihren Träumen von einer neuen Borussia mit besten Perspektiven gerissen wurden.
Die Spieler bekannten sich schuldig und gelobten Besserung. „Man kann mal ein Spiel verlieren, man kann auch mal deutlich verlieren – aber so etwas wie am Samstag darf nicht passieren“, schreiben sie. „Es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass wir dieses Erlebnis schnell abhaken können. Und wir wissen, dass es mit Worten nicht getan ist.“
Wenn die Gladbacher Mannschaft an diesem Mittwochabend zur Tat schreitet, darf sie es in unveränderter Besetzung tun, jedenfalls wenn der angeschlagene Abwehrstratege Dante fit genug ist. Die beiden jüngsten Debakel will der Trainer nicht zum Anlass nehmen, Personal auszutauschen. Nach einem kurios anmutenden Kommen und Gehen hat Michael Frontzeck den Dauerbetrieb der Rotationsmaschine gestoppt und gemeinsam mit Profis seines Vertrauens die Hoffnung auf Kontinuität geweckt.
Die Spieler nicht aus der Verantwortung entlassen
Was er in fünfzehn Monaten aufgebaut hat, was fünfzehn Monate lang im Großen und Ganzen für gut und richtig befunden wurde, kann in den Augen des Trainers durch die jüngsten Niederlagen nicht ad absurdum geführt sein. Statt wild zu wechseln, hält er ohne Ausnahme an den Verlierern von Stuttgart fest. Darüber wird sich vor allem Torhüter Logan Bailly freuen, der zuletzt in den Mittelpunkt der Kritik geraten und als Kandidat für die Ersatzbank gehandelt worden war. Seine Reputation hat nicht nur unter der schieren Fülle von zuletzt vierzehn Gegentreffern in drei Partien gelitten, sondern auch unter allerlei persönlichen Fehlern, die zu dieser Torflut beitrugen.
Ändere niemals ein siegreiches Team heißt eine Regel, die sich durch die Sportgeschichte zieht, auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt. Warum soll das nicht auch mit einer Mannschaft funktionieren, die gerade 0:7 verloren hat, mag sich Frontzeck denken. Bloß nicht in Aktionismus verfallen, nicht den Kopf und nicht die Nerven verlieren lautet seine Botschaft. „Es wäre fatal, sich kopflos in das Spiel gegen St. Pauli zu stürzen“, sagt er. Zwei Gründe, die sportlicher und pädagogischer Natur sind, nennt Frontzeck für seine Absicht, an der Elf festzuhalten, die sich gegen Stuttgart in ihre Einzelteile aufgelöst hat. Zum einen habe die Zusammenarbeit der fünfzehn Monate ihm gezeigt, dass er seinen Stammkräften vertrauen könne; zum anderen wolle er die Spieler, die das jüngste Debakel verschuldet haben, „nicht aus der Verantwortung entlassen“.
Frontzeck versucht das 0:7 zu verarbeiten, indem er es einfach ignoriert oder zumindest ausblendet. Für so eine (Nicht-) Leistung gebe es „weder eine Entschuldigung noch eine Erklärung“. Das reicht ihm als Rückschau. Frontzeck will die Ereignisse von Stuttgart als Ausnahme von einer Regel gedeutet wissen, die mehr als ein Jahr lang gegolten habe und weiterhin gelten werde. Das wäre leichter zu verstehen, wenn es nicht noch andere Ausnahmen ähnlicher Art gegeben hätte wie das 0:4 eine Woche zuvor gegen Frankfurt oder das 1:6 gegen akut abstiegsgefährdete Hannoveraner ausgangs der vorherigen Saison.
Missbrauch des Qualitätsbegriffs „Fohlen“
Vielleicht ist auch alles nur ein Missverständnis, verursacht durch das grandiose 6:3 in Leverkusen, das bundesweit Lobeshymnen hervorgerufen hatte, aus Sicht des Gladbacher Sportdirektors Max Eberl aber „im Nachhinein Gift war“. Frontzeck fügte hinzu, die Mehrheit seiner Spieler habe „danach etwas missverstanden“. Und andere natürlich auch, die Medien etwa oder die Fans, vor allem jene, die sich vom Auftritt in Leverkusen an die von schnellen Gegenstößen geprägte Spielanlage aus den siebziger und achtziger Jahren erinnert fühlten und es dann auch noch wagten, den vermeintlich geschützten Qualitätsbegriff „Fohlen“ zu benutzen.
Frontzeck mag diese Vergleiche nicht, weil sie den Eindruck erwecken, die aktuelle Mannschaft sei auf dem Weg dorthin, wo die Netzers, Bonhofs und Simonsens einst waren. Man kann ihn verstehen. Tief im Unterbewusstsein der immer noch zahlreichen Gladbacher Sympathisanten aus ganz Deutschland ist weiter die Illusion verankert, es könnte wieder so werden wie im goldenen Zeitalter des fünfmaligen deutschen Meisters. „Sobald Borussia ein oder zwei Kontertore macht, denken viele Leute hier, hurra, wir sind wieder in den Siebzigern“, sagt ein Reporter, der den Klub seit vielen Jahren begleitet. Diese Vision ist erst einmal gegenstandslos. Vielleicht waren die hohen Niederlagen gegen Frankfurt und Stuttgart doch zu etwas gut.