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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Borussia Dortmunds Titelgewinn Triumph der Romantiker

 ·  Noch ein Erfolgsgeheimnis: Bei Meister Dortmund singt man noch Vereinslieder in der Kabine. Nach dem 2:0 über Gladbach schwärmt Jürgen Klopp vom Privileg, diese Mannschaft trainieren zu dürfen.

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© dapd Ein verschworener Haufen, diese Borussia

Roman Weidenfeller kam als einer der Letzten aus der Kabine. Anders als einige seiner aufgekratzter wirkenden jüngeren Kollegen hatte er es nicht übertrieben eilig, das Stadion in Richtung der Dortmunder Meisterfeier in einem italienischen Restaurant zu verlassen. Und so nahm sich der Torhüter, mit 31 Jahren einer der Ältesten und Erfahrensten im Team, die Zeit, etwas ausführlicher über die besonderen Qualitäten des Borussen-Jahrgangs 2012 zu sprechen. Und das waren, wie man sich bei dieser meisterlichen (Zwischen-) Bilanz mit 75 Punkten nach 32 Spielen vorstellen kann, einige. „Dass der Zusammenhalt enorm ist“, begann er. „Dass wir immer die Gier auf das nächste Spiel, den nächsten Sieg haben. Dass wir uns mit nichts zufriedengeben.“

Zum Schluss seiner Aufzählung kam Weidenfeller dann zu einem Detail, das so nicht unbedingt zu erwarten war. Etwas, das ihm aber sehr am Herzen zu liegen schien und ihm zugleich als bester Beleg dafür diente, dass diese Borussen einfach etwas Besonderes sein müssen. „Dass wir in der Kabine Vereinslieder anstimmen“, sagte Weidenfeller. Und fragte sinngemäß in die Runde, wo es so etwas heutzutage denn sonst noch gebe. Weil eine Antwort darauf ausblieb, sah er sich in seiner Auffassung bestätigt. „Wir sind eine außergewöhnliche Profitruppe.“

Nun wird keiner behaupten, die Borussen hätten aufgrund ihrer Sangeskunst ihren zweiten Meistertitel nacheinander errungen. Dagegen sprach schon die Hörprobe, die Kevin Großkreutz kurz zuvor am Stadionmikrofon gegeben hatte - Fortschritte gegenüber der Vorsaison waren da nicht zu erkennen. Und doch brachte Weidenfeller mit seinem Exkurs in die Fußballromantik etwas auf den Punkt, was bei der Erklärung der nationalen Superlativ-Saison der Borussen mehr als nur ein Randaspekt ist. Dass nämlich diese Mannschaft es geschafft hat, sich das Schwärmerische, das sie in der Vorsaison zum Titel getragen hatte, zu erhalten - und es zugleich, das ist der zweite Faktor, um eine Prise Sachlichkeit, Kontrolle, Abgebrühtheit in den richtigen Momenten zu ergänzen. So wie am Samstagabend, als sich innerhalb kürzester Zeit die Vorzeichen für das Spiel gegen Mönchengladbach gedreht hatten.

Als der Bus der Borussen um 17.10 Uhr ins Stadion fuhr, waren die Dortmunder dank des Zwischenstandes in Bremen, wo die Bayern spielten, Meister. Ein paar Minuten später, nachdem Ribéry die Münchner doch noch zum Sieg geschossen hatte, wussten die Dortmunder: Jetzt muss ein eigener Sieg her, um den letzten Schritt zu machen. Für Jürgen Klopp eine Herausforderung, die „an die Grenze des Sports“ geführt habe. Umso beeindruckter waren er und die 80.000 Zuschauer von der Souveränität, mit der die schwarz-gelbe Borussia erst geduldig die Hoheit gewonnen und dann umso energischer zugeschlagen hatte. Klopp und mancher seiner Profis bezeichneten das Spiel deshalb als „Spiegelbild der Saison“.

Klubchef Hans-Joachim Watzke formulierte den Dortmunder Evolutionsschritt so: „Die Mannschaft kann heute auch mal die Balance finden zwischen Kontrollieren und Stechen.“ Letzteres hatten am Samstag Perisic (23. Minute) und Kagawa (59.) erledigt. Und spätestens mit dessen Treffer zum 2:0 waren die letzten Zweifel am Titelgewinn beseitigt. Trainer Klopp dankte es Kagawa, indem er ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit - er rutschte aus - seinem japanischen Angreifer entgegensprintete und ihn in die Luft hob.

„Diese Mannschaft trainieren zu dürfen“, sagte Klopp später, als alle den Boden unter den Füßen wiedergefunden hatten, „ist wirklich ein Privileg.“ So oder so ähnlich hatte er das schon häufiger formuliert. Und doch wirkte auch er ehrlich bewegt von seinem zweiten Titel mit der Borussia. „Es ist für den Moment wirklich ganz verrückt schön“, sagte er und klang dabei wie ein jugendlicher Liebhaber.

Überhaupt war die Tonlage dieses Dortmunder Feierabends nicht von Triumphgetöse geprägt, das vielleicht auch noch mit der einen oder anderen provokanten Note Richtung München hätte gewürzt werden können. Es war, zumindest in den Worten der Verantwortlichen, eher so etwas wie ungläubiger Stolz auf das Erreichte. Das alles, so der Tenor, sei nicht abzusehen gewesen. Nicht vor zwei Jahren, als der Lauf zum ersten Titel begann. Und auch nicht in dieser Winterpause, als der zweite noch in weiter Ferne schien.

Und so staunte die Borussia an diesem Abend vor allem über sich selbst. Ein bisschen aber schien sie sich doch auch schon daran gewöhnt zu haben, dass man jetzt häufiger eine Party im eigenen Wohnzimmer ausrichtet. Natürlich hatte es nach dem Abpfiff jede Menge Jubelszenen zu sehen gegeben: Hummels und Leitner, die mit einer Pappmeisterschale Stier und Torero spielten, Klopp, der sich vor der Südtribüne kräftig auf die Brust klopfte (da, wo das Herz sitzt), die von Kapitän Kehl angeführte Raupe. Und natürlich Bierduschen im Überfluss. Doch so eruptiv wie im Vorjahr entlud sich die Freude diesmal nicht. Die Stadionregie musste sogar hin und wieder Stimmungsmusik einspielen, um die Party am Laufen zu halten.

Vielleicht aber haben sich die Dortmunder ihre Kräfte ja auch nur eingeteilt. Am 12. Mai ist Pokalfinale gegen die Bayern. Und da lockt die Aussicht auf das erste Double der 103-jährigen Vereinsgeschichte. „Wir haben alle eine sehr breite Brust“, sagte Weidenfeller am Samstag dazu. „Dementsprechend passt nicht nur ein Titel drauf, sondern auch der zweite.“

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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