16.09.2006 · Hans-Joachim Watzke, Vorsitzender der Geschäftsführung von Borussia Dortmund, spricht im F.A.Z.-Interview über seinen Kulturschock, die schwierige Sanierung des Bundesligavereins und die Transfers von Rosicky und Odonkor.
Er hat einen der schwersten Jobs im Bundesligafußball. Hans-Joachim Watzke, Vorsitzender der Geschäftsführung von Borussia Dortmund, spricht im F.A.Z.-Interview über die Sanierung des Traditionsvereins. „Wir können nun neue sportliche Ziele definieren“, sagt der 47 Jahre Unternehmer aus dem Sauerland.
Vor einem Jahr begann der lange Rückweg des Hamburger SV an die Spitze der Bundesliga. Damals rangierte Borussia Dortmund, krisengeschüttelt, unter ferner liefen. Inzwischen formulieren Sie wieder flottere Ansprüche und schielen schon wieder nach ganz oben. Ist der BVB, der es an diesem Samstag mit dem HSV zu tun bekommt, demnächst aufs neue ein Kandidat für die Champions League?
Wir haben den Anspruch, jenseits der Bayern mit Schalke 04, Werder Bremen oder dem Hamburger SV in zwei bis fünf Jahren wieder auf Augenhöhe zu sein. Das ist für uns eine ganz neue Perspektive, denn ich hatte bei meinem Amtsantritt als Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA im Februar 2005 gedacht, daß wir zehn Jahre brauchen, um unsere Schulden zu halbieren. Jetzt haben wir in rund eineinhalb Jahren fast hundert Millionen Euro an Verbindlichkeiten abgebaut. Daß das so schnell gehen konnte, damit hatten wir nicht gerechnet. Weil die Lage inzwischen aber wieder erfreulicher ist, können wir nun auch neue sportliche Ziele definieren.
Heißt das, daß nun der neue Reichtum bei der Borussia ausgebrochen sei?
Natürlich nicht. Wir suchen den Wettbewerb an der Spitze der Tabelle nur unter einer Voraussetzung: wenn wir das Ganze wirtschaftlich mit schwarzen Zahlen unterlegen.
Wenn Sie nach allem, was sich an Schulden unter Ihren Vorgängern in der Geschäftsführung angehäuft hat, schon wieder von schwarzen Zahlen sprechen können, grenzt das an ein kleines Wunder. Oder haben Sie mit dieser rasanten Entwicklung zum Positiven beim BVB gerechnet?
Was bei uns in den vergangenen 19 Monaten passiert ist, war am Anfang nicht abzusehen. Wenn ich im Februar 2005 hundertprozentig gewußt hätte, wie die Situation eigentlich ist, hätte ich wahrscheinlich die Flucht ergriffen. Der erste Schritt, den ich damals unternahm, war vielleicht wesentlich für unseren Gesundungsprozeß. Ich habe nämlich gesagt: Was wir jetzt brauchen, ist absolute Transparenz. Wir haben dann zwei Tage später die Ad-hoc-Mitteilung herausgegeben, in der gesagt wurde, daß sich Borussia Dortmund in einer existentiellen Krise befinde. Diese Transparenz, die für mich oberstes Prinzip ist, hat Vertrauen gebildet.
Sie mußten aber neben diesem deutlichen Zeichen nach außen auch eine Fülle von Hausaufgaben leisten.
Wir haben dann die Kosten rigoros reduziert. Das kann man am Etat für die Bundesliga-Mannschaft besonders gut ablesen. Vor drei Jahren betrug der noch 57 Millionen Euro; aus der letzten Saison sind wir dagegen mit 25,8 Millionen Euro rausgegangen - bei fast gleicher Plazierung. Damals waren wir Sechster, diesmal Siebter in der Abschlußtabelle.
Wie hat sich das Vertrauen, das Sie sukzessive wiedergewannen, im Verhältnis zu Ihren Sponsoren niedergeschlagen?
Die Namensumwandlung vom Westfalenstadion zum Signal Iduna Park (für angeblich 25 Millionen Euro bis zum 30. Juni 2011) war ein Meilenstein. Und dann auch der Vertrag mit unserem neuen Hauptsponsor (drei Jahre zu angeblich 7,5 Millionen Euro pro Saison).
Sie waren als Schatzmeister von Borussia Dortmund und Beiratsmitglied lange in der Nähe der beiden Männer, die den Aufstieg und Fall von Borussia Dortmund zu verantworten hatten: Gerd Niebaum und Michael Meier. Wie war das für Sie damals: die bedrohliche Entwicklung schon früh geahnt und kritisiert zu haben und gleichzeitig loyal bleiben zu müssen?
Ich habe immer wieder gesagt, der Zug fährt in die falsche Richtung - und war deswegen zwischendurch ziemlich einsam in den Gremien, da seinerzeit die deutliche Mehrheit auf seiten der damaligen Geschäftsführung war. Auch das persönliche Verhältnis zu Herrn Niebaum und Herrn Meier wurde zunehmend schlechter. Als ich 2001 Schatzmeister bei Borussia Dortmund wurde, dachte ich noch mit Stolz, hier ist die Welt in Ordnung. Nach eineinhalb Jahren als Schatzmeister im eingetragenen Verein und ohne den ganz großen Einblick in die Arbeit der Geschäftsführung habe ich gemerkt, daß wir durchgreifend rote Zahlen schreiben. Das war für mich ein Kulturschock.
Erstaunt es Sie, nach dem Ende der Ära Niebaum/Meier so rasch die Kurve gekriegt zu haben?
Ein bißchen Glück gehörte natürlich auch dazu. Daß wir mit Hilfe der Morgan-Stanley-Bank unser Stadion zurückerwerben konnten, war der nächste wichtige Schritt. Und dann gab es in diesem Jahr noch zwei Kapitalerhöhungen, die man auch nicht so einfach machen kann. Dazu gehört Vertrauen, dazu gehören Anleger, die einem das Geld geben. Wenn jetzt, wie bei der letzten Kapitalerhöhung, Borussia Dortmund 35 Millionen Euro zufließen, dann war das von der Aktionärsversammlung genehmigtes Vertrauenskapital für eine Kapitalgesellschaft, die vor 19 Monaten einen Millimeter vor der Insolvenz stand. Wir haben durch die Kapitalerhöhungen rund gerechnet sechzig Millionen Euro eingenommen.
Wie hoch ist denn Ihr aktueller Schuldenstand, der Ende 2005 fast bei 100 Millionen Euro ohne die Belastungen durch das Stadion lag?
Außerhalb der Stadionfinanzierung, die wir derzeit mit rund 125 Millionen Euro abbilden (die Tilgung nebst Zinsen an den Finanzdienstleister Morgan Stanley erstreckt sich über einen Zeitraum von 15 bis 21 Jahren; davor waren jährlich rund 17 Millionen Euro Miete an den Commerzbank-Immobilienfonds Molsiris fällig), liegen die Nettoverbindlichkeiten um die 20 Millionen Euro. Dazu kommt eine sehr positive Erlössituation bei Borussia Dortmund. Wir haben im letzten Jahr ohne internationalen Wettbewerb einen Umsatz von über 90 Millionen Euro gemacht. Als ich anfing, hatten wir in der Halbjahresbilanz zum 31. 12. 2004 Verbindlichkeiten in Höhe von 120 Millionen Euro, und das Stadion gehörte uns nicht.
Und heute?
Heute ist unsere finanzielle Basis überschaubar und absolut seriös finanziert. Wir werden in diesem Geschäftsjahr schwarze Zahlen schreiben, da bin ich mir zu hundert Prozent sicher. Jeder, der bei Borussia Dortmund Geld investiert, soll aber wissen, daß wir damit sehr behutsam und mit Augenmaß umgehen. Das habe ich als Unternehmer (Watzke besitzt daheim im Sauerland eine Firma für Schutzkleidung) immer so gehalten.
Was ist Ihre sportliche Schlußfolgerung aus der wirtschaftlichen Sanierung des Klubs?
Daß wir jetzt wieder versuchen, einen internationalen Wettbewerb zu erreichen. Wir wissen aber auch, daß es Vereine gibt, die deutlich mehr investieren als wir mit unserem Etat von 27 Millionen Euro. Über Steigerungsraten können wir uns immer unterhalten, wenn der Erfolg da ist.
Trotz der erkennbaren Konsolidierung des Unternehmens Borussia Dortmund gibt es Skeptiker, die der Meinung sind, der Verein gebe schon wieder zuviel aus oder verkaufe, siehe David Odonkor, das Kapital Jugend.
Es ist manchmal erschreckend, wie wenig Sachverstand hinter solcher Kritik steht. Wir haben durch die Transfers von Tomas Rosicky (zum FC Arsenal) und Odonkor (zu Betis Sevilla) rund 16 Millionen Euro eingenommen und für die Spieler, die wir verpflichtet haben (Frei, Valdez, Tinga vorneweg), knapp 12 Millionen Euro ausgegeben. Wir haben also einen Transferüberschuß. Wir haben das Mannschaftsbudget um eine Million Euro erhöht, damit per saldo noch drei Millionen übrig, und wir haben aus meiner Sicht eine stärkere Mannschaft als zuletzt.
Warum haben Sie Nationalspieler Odonkor verkauft, der im nachhinein so tat, als wäre er viel lieber geblieben?
Bei aller Wertschätzung für den David, der ein guter Spieler war und bei uns eine erstklassige Ausbildung genoß, darf man eines nicht vergessen: Er selbst wollte zu Betis Sevilla, weil er dort das Dreifache verdient. Sachlich gesehen, muß man auch sagen, daß David in 75 Bundesligaspielen für Borussia Dortmund ganze zwei Tore geschossen hat. Er kann uns bestimmt nicht vorwerfen, daß wir Valdez und Frei verpflichtet haben, denn die werden in 75 Bundesligaspielen bestimmt mehr als zwei Tore schießen. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir im letzten Jahr die zweitschlechteste Chancenauswertung in der Liga hatten. Da mußten wir reagieren.
Sie sind ein Souverän im Umgang mit den Zahlen, wie ist das mit Ihren Emotionen für den Fußball?
Wer meine Vita kennt, der müßte wissen, daß ich mich unter Fußballern immer am wohlsten fühle. Ich definiere mich zu 51 Prozent als Fußballer und zu 49 Prozent als Unternehmer. Ich habe lange für Rot-Weiß Erlinghausen gespielt, war ein klassischer Zehner, aber nur in der gegnerischen Hälfte, habe in meinem Heimatverein vor zwei Jahren noch auf der Trainerbank gesessen und meinen Klub als Präsident und Trainer in die Verbandsliga geführt - mit 80 von 90 möglichen Punkten.
Was bedeutet der Verein Borussia Dortmund für Sie?
Es ist ein Riesenverein. Ein Klub mit gewaltiger Tradition und überregionaler Bedeutung. Für Borussia Dortmund arbeiten zu können macht mich unheimlich stolz. Heute bin ich heilfroh, daß wir die Sanierung geschafft haben. Am Anfang ging es darum, daß ein inzwischen 97 Jahre alter Klub schlicht überleben mußte. Da gab es häufiger Tage, an denen ich mir dachte: Es geht nicht, das kriegst du nicht hin. Erst im Herbst 2005 hatte ich das Gefühl, wir kommen über den Berg.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 22 | 33 | 49 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 22 | 23 | 46 | ![]() |
| 3. | ![]() |
Bayern München | 22 | 35 | 45 | ![]() |
| 4. | ![]() |
FC Schalke 04 | 22 | 22 | 44 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 22 | 1 | 36 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 22 | 3 | 34 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 22 | 0 | 34 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 22 | -15 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 22 | 1 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 22 | -2 | 26 | ![]() |
| 11. | ![]() |
Hamburger SV | 22 | -10 | 26 | ![]() |
| 12. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 22 | -11 | 25 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 22 | -6 | 24 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Köln | 22 | -13 | 24 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 22 | -12 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 22 | -12 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 22 | -17 | 18 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 22 | -20 | 18 | ![]() |