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Borussia Dortmund Was soll das?

 ·  Hinter der Rückkehr Nuri Sahins steckt knallhartes Anspruchsdenken der Dortmunder. Dafür riskiert der BVB auch die Harmonie im Team. Klopp bietet sich nun die Chance, das zentrale Mittelfeld des Meisters aufzumischen.

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© dpa Rückkehrer: Ob Sahin (links) die Dortmunder Offensive wieder so kraftvoll antreibt, bleibt abzuwarten

Im Januar ist Borussia Dortmund für Transfers der besonderen Art gut, die einiges aussagen über den sich wandelnden Anspruch des Klubs. Vor einem Jahr kündigte der BVB an, Marco Reus zu verpflichten, den besten Bundesligaspieler der vergangenen Saison, der ein paar Monate später zu Deutschlands „Fußballer des Jahres“ gewählt wurde. Bayern München ging leer aus. Am Wochenende landeten die Borussen, trotz aller Dementis nicht ganz so überraschend, wieder einen Coup - diesmal mit einer Rückholaktion.

Sie haben Nuri Sahin, den herausragenden Spieler ihrer Meistermannschaft von 2011, zurückgelotst ins Ruhrgebiet. Er könne kaum ausdrücken, wie schön es sei, „wieder zu Hause zu sein“, sagt Sahin. Der türkische Nationalspieler hatte bei Real Madrid und beim FC Liverpool versucht, sein Glück zu machen, es aber nicht geschafft. Jetzt ist er wieder da, auf Leihbasis - Real Madrid hält die Transferrechte bis 2017. Nach sportlich weniger erfolgreichen Auslandsaufenthalten bekennt der Hauptdarsteller sich demütig zu dem Verein, bei dem für ihn alles angefangen hat. „Ich habe erkannt, dass ich nur beim BVB als Mensch und als Fußballspieler zu hundert Prozent funktioniere“, sagt Sahin.

Was voller Herz und Schmerz aufgeführt wurde als Heimkehr des verlorenen Sohnes, ist jedoch mehr als ein Rührstück, wie es die Fans lieben, die ihm Tränen nachgeweint haben und ihn nun mit Tränen der Freude willkommen heißen werden. Hinter der Liebesgeschichte, die Dortmund und Sahin verbinden mag, steckt knallhartes Anspruchsdenken. Natürlich wissen die Borussen, dass sie in dieser Saison eigentlich nicht mehr deutscher Meister werden können, bei zwölf Punkten Rückstand auf die famosen Bayern. Und das sprechen sie auch aus. Aber angreifen wollen sie, sagt Trainer Jürgen Klopp, nicht die Münchener, aber sonst jeden, der sich ihnen in den Weg stellt bei dem Vorhaben, in drei Wettbewerben die bestmögliche Rückrunde zu spielen.

Auch wenn sie, realistisch betrachtet, ihren Titel nicht verteidigen können, wollen sie meisterlich Fußball spielen. In der Bundesliga auf Platz drei geführt, in der Champions League im Achtelfinale gegen Donezk favorisiert und im DFB-Pokal trotz des schweren Auswärtsloses gegen Bayern selbstbewusst - Dortmund hat viel vor. Das Gute, was die Mannschaft geleistet hat, ist den Verantwortlichen nicht gut genug. Sie wollen mehr: Sie wollen zweite Kraft werden und es länger bleiben, als es vorherigen Bayern-Herausforderern wie Hamburg, Bremen, Stuttgart und auch Dortmund gelungen ist.

Keine Rücksicht auf Einzelschicksale

Dabei nehmen die Borussen auf Einzelschicksale keine Rücksicht. Nicht nur die Gegner müssen auf einiges gefasst sein, auch mancher Profi, der seinen Stammplatz zuletzt sicher hatte. Dortmund handelt neuerdings ähnlich wie Bayern München. Es geht nicht mehr bloß darum, vakante Stellen neu zu besetzen, sondern darum, das Personaltableau und eines Tages vielleicht auch das System variabler zu machen als bisher. Neben dem aktuellen 4-2-3-1 gelten andere Grundordnungen als Option, wenn auch vielleicht nicht sofort. Dank Sahin bietet sich Trainer Jürgen Klopp die Chance, das zentrale Mittelfeld aufzumischen, jenen Platz im modernen Fußball, wo die Fäden gezogen werden, ehe der Spielzug weiter vorn zum Abschluss kommt, wenn Stars wie Reus, Götze oder Lewandowski in Aktion treten.

Es mag überraschen, dass Dortmund einen Klassespieler wie Sahin verpflichtet, der auf einer Position kickt, die gut, mehr als gut, ja doppelt und dreifach besetzt ist. Sebastian Kehl, der Kapitän, spielt im Zentrum, dazu Sven Bender und Ilkay Gündogan, zwei junge Nationalspieler, und der noch jüngere, überaus begabte Moritz Leitner. Dennoch greift der BVB gierig zu, wenn Sahin zu haben ist. Auf den ersten Blick scheint die Bedarfsanalyse nicht zwingend. Man könnte sich fragen: Was wollen sie mit Sahin? Ist der 24 Jahre alte Profi, der nicht zu den schnellsten seiner Berufsgruppe gehört, stark genug, sich durchzusetzen in einer Mannschaft, deren Struktur sich während seiner Abwesenheit verändert hat? „Die Konkurrenz ist da“, sagt Sahin: „Die Jungs haben sich weiterentwickelt, während ich weg war.“

Doch er traut sich zu, seine alte Hauptrolle wieder zu bekleiden wie ein Schauspieler, der seinen Text trotz anderer Engagements für die Wiederaufnahme seines Lieblingsstückes immer noch bestens beherrscht. In den vergangenen anderthalb Jahren habe er zwar nicht viel Spielpraxis erhalten. „Aber kicken kann ich schon noch, mit meiner Qualität kann ich die Mannschaft nach vorn bringen.“ Der Trainer könne ab sofort auf ihn zählen.

Es wird auch Verlierer geben

Die Frage muss eher lauten: Wo wollen sie hin mit Sahin? Hoch hinaus, höher vielleicht, als sie derzeit zugeben wollen. So sehr sich das Publikum an der Geschichte des Heimkehrers erfreuen mag - es wird auch Verlierer geben. Im Zentrum des modernen Mittelfeldspiels gilt es einen offensiveren und defensiveren Part zu besetzen. Für die Defensive sind Kehl und Bender zuständig, also könnte Gündogan trotz guter Leistungen der Leidtragende sein, falls Sahin, wie zu erwarten steht, seinen alten Platz wieder einnimmt und seine Stärken wie Übersicht, Intuition und Ballgefühl wieder ausspielt.

Abseits der spielerischen Eigenschaften hat er das Zeug dazu, die Mannschaft zu verändern, und zwar nicht allein seiner spielerischen Klasse wegen. Insofern erinnert sein Wechsel, wenn auch nicht in seiner finanziellen Dimension, an den Transfer von Javier Martinez zum FC Bayern. Auch die Münchner waren im Mittelfeld stark besetzt, aber sie wollten exzellent besetzt sein und versprachen sich von dem Spanier auch, dass er die vorhandenen Spieler zu noch besserer Leistung anstachele. Die Rechnung ist in der Hinrunde aufgegangen. Der FC Bayern spielt „seine eigene Saison“, wie Klopp sagt.

Die Dortmunder wollen offenbar mitspielen, wenn nicht in dieser, dann in der nächsten Saison, ohne ihre Identität aufzugeben. Einerseits wollen sie anders sein als die Bayern: bescheidener, ruhiger, vielleicht sogar vernünftiger. Andererseits orientieren sie sich doch ein wenig am deutschen Rekordmeister, der auch international das deutsche Maß aller Dinge ist und wohl noch eine Weile bleiben wird. Der BVB gibt bei weitem nicht so viel Geld aus wie Bayern München, aber die Dortmunder wollen genauso gut werden - oder zumindest fast. Auch und gerade das zeigt sich an der Rückkehr Nuri Sahins. Dafür nehmen sie sogar in Kauf, dass ihr Wolkenkuckucksheim im Mittelfeld Risse bekommen kann.

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