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Veröffentlicht: 05.02.2015, 18:05 Uhr

Borussia Dortmund Das Trauma lebt

Die Dortmunder Krise verschärft sich durch die Heimniederlage gegen Augsburg. Die Wut der Fans wächst. Trainer Klopp wertet Selbstkritik als Schwäche und fordert von seiner Mannschaft den „richtigen“ Kampf.

von Richard Leipold, Dortmund
© AFP Wohin des Weges? Borussia Dortmund stehen ungewisse Wochen bevor

Die Fans von Borussia Dortmund sind mittlerweile einiges gewohnt von ihrer einst so erfolgreichen Lieblingsmannschaft. Sie haben sich sogar daran gewöhnt, dass die Borussen sich im Abstiegskampf schwertun, aber so allmählich bröckelt das Verständnis auf den Rängen. In das Entsetzen mischt sich inzwischen Zorn. „Wir wollen euch kämpfen sehen!“, dröhnte es nach dem Schlusspfiff von der Südtribüne, und laute Pfiffe untermalten den Unmut. Torhüter Roman Weidenfeller versuchte sich am Zaun sogar als Kletterer, wie es sonst nach Fußballfesten vorkommt, um die Anhänger zu beschwichtigen, auch Kapitän Mats Hummels wagte sich vor und bekam den Ärger der Basis aus nächster Nähe zu spüren.

Die elfte Saisonniederlage hatte das jüngste Stimmungstief hervorgerufen. Beim 0:1 gegen den FC Augsburg hatten die Dortmunder ihren Fans abermals einen Schrecken eingejagt und ihnen vor Augen geführt, dass das Trauma aus dem verkorksten ersten Halbjahr noch nicht überwunden ist – den ersten, allerdings überschaubaren Anzeichen zum Trotz, die mit gutem Willen beim Unentschieden in Leverkusen zu erahnen waren.

Wieder reichte ein Gegentor

Gegen Augsburg erinnerte so manches an eine Fülle von schlechten Spielen im turbulenten Dortmunder Fußball-Herbst. Wieder reichte ein Gegentor, um die Mannschaft aus der Fassung zu bringen und ihren (guten) Willen zu brechen. Die Art, wie Halil Altintop den Treffer vorbereitete – beobachtet, begleitet, aber nicht behindert von fünf Borussen –, illustrierte trefflich, wie passiv Widerstand ausfallen kann, wenn eine Mannschaft sich im Ausnahmezustand befindet. Und in diesem Zustand befindet sich der BVB weiterhin. Das wurde spätestens bei und nach dem Treffer von Raul Bobadilla (50. Minute) deutlich.

© reuters Nach der Niederlage gegen Augsburg

Den Dortmundern war an diesem Abend nicht mehr zu helfen. Mehr als fünfundzwanzig Minuten durften sie sogar in Überzahl spielen – Christoph Janker war wegen einer „Notbremse“ gegen Aubameyang mit der Roten Karte bestraft worden. Doch der Vorteil, einen Mann mehr zu haben, vermochte den Verlust an Selbstvertrauen, den das Tor hervorgerufen hatte, nicht aufzuwiegen. „Unser Problem ist ganz einfach, dass wir nicht in Führung gehen“, sagte Hummels.

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Die personellen Möglichkeiten waren im Vergleich zur Hinrunde ungleich größer geworden, aber am Mittwoch verletzte sich Kevin Großkreutz. Muskelbündelriss, sechs Wochen Pause. Trotzdem: Wer kann sich im Abstiegskampf schon den Luxus leisten, Spieler wie Shinji Kagawa und Henrich Mchitarjan einzuwechseln? Zwei Männer, die zusammen einen Marktwert von etwa vierzig Millionen Euro verkörpern dürften. Ihre Hereinnahme blieb ohne Wirkung. Auch sie konnten keine Entscheidungshilfe leisten – oder selbst die richtigen Entscheidungen treffen, wenn es darum ging, im Ansatz vielversprechende Spielzüge zum Abschluss zu bringen. Klopp will von seiner Elf „tolle Momente“ gesehen haben, aber sie blieben stets unvollendet, weil es seinen Profis an Entschlossenheit fehlte. Die Mannschaft müsse auch „bereit sein, auf dem Platz Entscheidungen zu treffen“, sagte der Trainer. Wenn ein Schuss aussehe wie eine Flanke, habe der Schütze „etwas falsch gemacht“.

Jürgen Klopp gibt sich unverdrossen

Apropos falsch gemacht. Am Tag nach dem Spiel wurde Klopp auch nach seinem persönlichen Befinden gefragt: Ob er auch bei sich selbst Fehler suche oder gar Anzeichen von Resignation in sich spüre. Der Trainer ließ diese Fragen nicht an sich heran. Eigene Fehler? „Wahnsinnig viel suche ich nicht danach“, antwortete Klopp. „Es geht nicht darum, dass ich mich durch übermäßige Selbstkritik auch noch schwäche.“ Nach diesem Verständnis wäre Selbstkritik also ein Zeichen von Schwäche, die man zumindest nicht zeigen darf. Wer sich so stark fühlt, muss sehr von sich überzeugt sein, und das ist Jürgen Klopp. „Mein Akku ist voll“, sagt er. „Dass ich keinen Bock mehr habe oder resigniere, kann ich komplett ausschließen. Wie wäre ich drauf, wenn ich mich von einem Spiel aus der Bahn werfen ließe.“

Borussia Dortmund's goal keeper Weidefeller talks to supporters following his team's defeat by FC Augsburg in their Bundesliga soccer match in Dortmund © Reuters Vergrößern Die Unruhe wird größer: Romand Weidenfeller bei den Fans des BVB

Klopp also ist unverdrossen bereit zu kämpfen. Jetzt braucht er nur noch die Mannschaft in die Lage zu versetzen, es ihm gleichzutun. Die aus voller Kehle hervorgestoßene Mahnparole „Wir wollen euch kämpfen sehen!“ dürfte in den Ohren der Profis noch eine Weile nachhallen. Klopp äußerte, wohl eher pro forma, Verständnis für diesen lautstarken Ruf. „Das gehört dazu“, sagt er, „das ist nicht unser Problem.“ Es war ein Auftritt, der sogar ihm, der sich um Kritik meist nicht zu scheren pflegt, zu dem Gespür verholfen hat, ein wenig Demut zu zeigen. An so einem Abend könne man den Dortmundern „alles vorwerfen, und alles ist legitim“. Aber als er sich im Detail mit dem Vorwurf mangelnder Kampfeslust befasste, befand er das Urteil des Volkes doch ein wenig zu oberflächlich. Immerhin sei seine Elf hundertzweiundzwanzig Kilometer gelaufen. Am guten Willen habe es also nicht gefehlt. „Die Mannschaft kämpft, aber wir kämpfen nicht richtig“, sagte er. Die Spieler müssten „auch um Mut kämpfen, um Konsequenz“. In dieser Hinsicht sei noch nicht alles ausgeschöpft.

Der Kampf geht also weiter, länger, als die Dortmunder insgeheim vielleicht gehofft hatten nach der ansprechend verlaufenen Vorbereitung. „Uns erwarten jetzt fünfzehn Spiele Kampf, alles Spielerische ist dann Bonus“, sagt Hummels. „Wir wissen, dass sich jetzt alles zu 98 Prozent über Kampf definiert. In die letzten zwei Prozent müssen wir noch ein bisschen Lockerheit reinbekommen, so dass wir vor dem Tor die richtige Entscheidung treffen.“ Wie vorsichtig die Dortmunder mit Blick auf die nahe Zukunft geworden sind, wird an Klopps Ausblick auf das nächste Spiel erkennbar: „Wir sollten die Möglichkeit eines Sieges in Freiburg nicht außer Acht lassen.“

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