19.12.2009 · Eine denkmalschutzwürdige Tribüne hat Borussia Dortmund schon. Am Samstag feiert der Traditionsverein rund um das Heimspiel gegen Freiburg seinen hundertsten Geburtstag. Richard Leipold würdigt einen Klub zwischen Triumph und finanziellem Abgrund.
Von Richard Leipold, DortmundWenn ein Fußballverein gewissermaßen aus der Kirche kommt und seinen Geburtstag unter das Rubrum „100 Jahre echte Liebe“ stellt, dann verlangt das Jubiläum nach kirchlichem Segen. An diesem Samstag, vor dem Bundesliga-Heimspiel gegen den SC Freiburg (15.30 Uhr/ FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker), feiert Borussia Dortmund einen ökumenischen Gottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche unweit des Borsigplatzes. In dieser Gemeinde hat alles angefangen am 19. Dezember 1909, allerdings unter erschwerten Bedingungen. Bei der Gründung hätten sich „tumultartige Szenen“ abgespielt, heißt es in einer Chronik. Die Geburt der Borussia war das Ergebnis eines Protestes. Achtzehn Mitglieder einer katholischen Jugendgruppe versammelten sich in der Gaststätte „Zum Wildschütz“, um den BVB zu gründen - aus Liebe zum Fußball und aus Wut auf den damaligen Kaplan Hubert Dewald, der bei „Dreifaltig“ für die Jugendarbeit zuständig war.
Franz Jacobi, Sprecher und Vizepräsident des neuen Ballspielvereins Borussia, sagte: „Wir Fußballer werden seit 1906 systematisch von unserer Kirche bekämpft und diffamiert.“ Der Doppelpass zwischen Kirche und Kickern sollte erst später gelingen. Aber auch sonst vermochten die Gründerväter nicht zu erahnen, wohin ihre Protestbewegung führen sollte: Europacup-Triumphe, nationale Meisterschaften und Pokalsiege, ja sogar der Gang an die Börse, den (aus gutem Grund) kein anderer deutscher Klub gewagt hat, wurden zu Meilensteinen einer Geschichte, die auch in einer Tragödie hätte enden können. Nach dem Ausbau der Spielstätte „Weiße Wiese“ zum „Borussia-Sportplatz“ strebte der Vorstand 1924 die Erstklassigkeit an. Der BVB belieh Versicherungspolicen mit 12.000 Reichsmark und kaufte eine neue Elf zusammen - ein erheblicher Verstoß gegen Vorschriften des Deutschen Fußball-Bundes. Im Herbst 1928 wurde die finanzielle Schieflage ruchbar; es drohte der Konkurs. Der inzwischen abgelöste Vorsitzende Heinz Schwaben bezahlte die 12.000 Reichsmark jedoch aus eigener Tasche und bewahrte die Borussia vor dem „Offenbarungseid“.
Mehr als sieben Jahrzehnte später bewegte der Klub sich wieder auf einen finanziellen Abgrund zu. Der Ausbau des Westfalenstadions und der Aufbau einer Mannschaft von internationalem Rang hatten die Borussia bis an die Schmerzgrenze belastet - und darüber hinaus. Der zum Absolutismus neigende, achtzehn Jahre herrschende Präsident Gerd Niebaum und sein Kompagnon Michael Meier hatten bewiesen, dass Geld Tore schießen kann. Drei deutsche Meisterschaften und der Gewinn der Champions League sowie des Weltpokals fielen in ihre Regentschaft. Aber der Erfolg wurde teuer erkauft. Das Duo hinterließ rund 120 Millionen Euro Schulden und, projiziert auf die folgenden fünf Jahre, Verpflichtungen in ähnlicher Größenordnung.
Nicht Intensivstation, sondern Vorraum der Pathologie
Im Turm eines großen Frankfurter Kreditinstituts stellte ein hochrangiger Banker dem kurz zuvor als Nachfolger Niebaums berufenen BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke eine niederschmetternde Diagnose, verbunden mit dem Hinweis, weitere Kredite könnten nicht bewilligt werden. Watzke hatte gerade eingeräumt, der Patient Borussia liege quasi auf der Intensivstation, da fiel ihm der Bankmanager ins Wort. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie gleich am Anfang unterbreche, aber der Klub befindet sich nicht auf der Intensivstation, sondern im Vorraum der Pathologie.“ Die Chancen, das hundertste Lebensjahr zu erreichen, sanken in die Nähe des Nullpunkts. Der neben Bayern München, dem HSV und Schalke 04 meistbeachtete deutsche Fußballverein stand vor dem Exitus.
Das „Entscheidungsspiel“ fand am 14. März 2005 in einem Terminal des Flughafens Düsseldorf statt; in jener Stadt also, wo der BVB knapp zwei Jahrzehnte zuvor gegen Fortuna Köln den zweiten Abstieg aus der Bundesliga verhindert hatte. Nach allerlei Höhenflügen ging es an einem Ort ums Ganze, wo das Abheben den Alltag bestimmt. Gemeinsam mit dem Vereinspräsidenten Reinhard Rauball musste Watzke die Zeichner einer Fondsgesellschaft, der das Stadion gehörte, für den einzig möglichen Sanierungsplan gewinnen, um die Insolvenz abzuwenden. „Einen Plan B gab es nicht, sosehr wir uns auch darum bemüht hatten“, erinnert sich Watzke.
Der schwarze Anzug für den Gang zum Konkursrichter habe für alle Fälle schon bereitgelegen. In einer sechsstündigen Sitzung erläuterten die BVB-Oberen den Anteilseignern, warum es letztlich besser sei, den Klub am Leben zu lassen, obwohl all die Versprechungen aus den Hochglanzprospekten nicht erfüllt worden waren. „Ich habe die Leute gebeten, mir einfach nur zu glauben, mit meinem sauerländischen Dialekt, der noch breiter war als jetzt“, sagt Watzke. Besonders schwierig sei es gewesen, ihnen beizubringen, dass sie der siechen Borussia auch noch neun Millionen Euro zur Sicherung der Liquidität überlassen sollten.
Der existentiellste Punkt in hundert Jahren
Als alle Argumente ausgetauscht waren, blieb Watzke und Rauball nur der bange Blick auf die Anzeigetafel. Die Anteilseigner stimmten mit einem Televoter ab, ähnlich wie das Publikum bei „Wer wird Millionär?“. Erforderlich war eine Zustimmung von 75 Prozent. Watzke und Rauball starrten mehrere Minuten lang auf die Tafel - bis schließlich eine Zahl zwischen 93 und 94 aufleuchtete. Der Gang zum Insolvenzgericht war abgewendet. Nach der Pressekonferenz steuerten die Sanierer ohne Umweg die nächste Kneipe an, wenngleich die Lage immer noch bedrohlich war. Ein wenig mutet es an, als hätten der Borussia an jenem Tag himmlische Mächte beigestanden, gewissermaßen als Ausgleich für die Art, wie ihre irdischen Kirchenvertreter die Gründerväter des BVB in der Zeit vor dem 19. Dezember 1909 behandelt hatten. „Jedenfalls war dieser 14. März der existentiellste Punkt in hundert Jahren“, sagt Watzke. (siehe auch: Insolvenz abgewendet: Die Borussia gewinnt ihr schwerstes Spiel)
In jener Stunde null hat Borussia Dortmund sich auf den weiten Weg gemacht zurück in die Beletage des deutschen Fußballs. Die Konsolidierung ist gelungen. Und der charismatische Cheftrainer Jürgen Klopp hat dem Klub ein neues Gesicht gegeben, das nicht zuletzt sportlich wieder freundlicher dreinschaut (siehe: Jürgen Klopp: „Es geht erst ums Erlebnis statt ums Ergebnis“). Vor dem hundertsten Geburtstag, der zufällig auf das Ende des ersten Halbjahres der aktuellen Saison fällt, besitzt die junge, entwicklungsfähige Mannschaft des BVB die Chance, in der Tabelle unter die ersten fünf vorzurücken und könnte so einem mittelfristigen Ziel näher kommen, das Watzke vor mehr als drei Jahren ausgerufen hat. Von den bedeutenden Traditionsvereinen der Bundesliga dürfe ab 2011 „nur noch Bayern München das natürliche Recht haben, vor Borussia Dortmund zu stehen“, sagt der Geschäftsführer. „Wir wollen mit Klubs wie Schalke, Bremen oder Hamburg wieder auf Augenhöhe stehen.“ Ottmar Hitzfeld, der erfolgreichste aller Borussentrainer, hält das offenbar für möglich. „In Dortmund kann eine große Mannschaft zusammenwachsen.“ Mit dieser Perspektive lässt sich doch leben, im Alter von hundert Jahren.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 22 | 33 | 49 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 22 | 23 | 46 | ![]() |
| 3. | ![]() |
Bayern München | 22 | 35 | 45 | ![]() |
| 4. | ![]() |
FC Schalke 04 | 21 | 18 | 41 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 22 | 1 | 36 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 22 | 3 | 34 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 21 | -2 | 31 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 21 | 3 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 22 | -2 | 26 | ![]() |
| 11. | ![]() |
Hamburger SV | 22 | -10 | 26 | ![]() |
| 12. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 22 | -11 | 25 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 22 | -6 | 24 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Köln | 22 | -13 | 24 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 22 | -12 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 22 | -12 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 22 | -17 | 18 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 22 | -20 | 18 | ![]() |