Home
http://www.faz.net/-gtn-77j8a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Betzenberg-Reportage „Den hätte ich mit dem Rollstuhl reingemacht“

 ·  Betzenberg rauf, Betzenberg runter: Helmut Martz ist „Rolli“ und Fußballfan. Jedes Heimspiel des 1. FC Kaiserslautern ist für ihn wie eine feste Verabredung. Etwas Wiederkehrendes, an das man sich klammern kann. Das geht jetzt schon seit 24 Jahren so.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)
© Wonge Bergmann Aufwallung: Martz schaut Fußball wie in Trance - ebenso groß ist seine Freude bei einem Tor

Wenn Helmut Martz zum Fußball geht, macht er sich früh auf den Weg. Dreieinhalb Stunden vor Anpfiff. „Ich möchte immer viel Zeit haben“, sagt er. Die S-Bahn fährt ein, auf dem Bahnsteig in Neustadt an der Weinstraße drängen sich die Fans. Manche lassen Martz den Vortritt, manche drängen sich noch knapp vor ihm in den Zug. Mit Schwung fährt er über die Lücke zwischen Bahn und Steig, dreht sich mit dem Rollstuhl um die eigene Achse, parkt rückwärts vor der gegenüberliegenden Tür. Seit 24 Jahren reist Martz zu jedem Heimspiel des 1. FC Kaiserslautern. Seit seinem schweren Unfall.

Acht Meter in die Tiefe gestürzt

Acht Meter ist er damals bei Baumarbeiten in die Tiefe gestürzt. Er ist vom ersten Lendenwirbelkörper abwärts inkomplett querschnittsgelähmt. Inkomplett bedeutet: Martz kann aus dem Rollstuhl aufstehen und sich an einem Geländer entlang langsam vorwärtsbewegen. „Bruchteile von Sekunden verändern das ganze Leben“, sagt Martz ohne Bitterkeit in der Stimme. „Es ist, als ob das Kabel zwischen Lichtschalter und Lampe durchgeschnitten wird.“

Wann er das letzte Heimspiel der Lauterer verpasst hat? Das sei ihm entfallen, sagt der 64-Jährige, und seine Augen klimpern vergnügt hinter der randlosen Brille. „Die Spiele, die ich verpasst habe, kann man an einer Hand abzählen.“ Seit dem Tag, als Martz von einem unregelmäßigen Gast auf den Stehplätzen zu einem Dauerkartenbesitzer auf den Sozialplätzen geworden ist.

Warum er nach Lautern zum Fußball fährt? Es sei das Erlebnis, die Atmosphäre, der Zusammenhalt mit den anderen Fans, das gemeinsame Ziel. Aber auch die Gewohnheit. Etwas Wiederkehrendes, an das man sich klammern kann, auf das man sich freuen kann, das Denkanstöße und Gesprächsstoff liefert. Ein Spiel des 1. FC Kaiserslautern ist für ihn wie eine feste Verabredung. Die hält man ein. Dem 1. FCK gibt man keinen Korb. Viele andere Termine hat Martz, der früher Lokführer war, auch nicht mehr. Die Bahn wollte ihn umschulen, doch er sei „einfach kein Büromensch“ und wurde zur Ruhe gesetzt. Die paar Freifahrten, die er als ehemaliger Bahner noch kriegt, nutzt er für Auswärtsfahrten mit den Lauterern.

Im Nu am Fuße des Betzenbergs

Martz steuert seinen Rollstuhl rasant durch die Menschenmenge im Kaiserslauterner Hauptbahnhof, im Nu steht er am Fuße des Betzenbergs. Deutschlands höchster Fußball-Berg ist mit dem Rollstuhl ohne fremde Hilfe nicht zu bezwingen. Obwohl er topfit ist durch sein tägliches Schwimmtraining. Sein 16-jähriger Enkel Marcel leistet Anschubhilfe. Von einem bestimmten Grad der Behinderung an steht den gehandicapten Fans eine Begleitperson für ihren Stadionbesuch zu.

Pyrofackeln leuchten auf, Böller explodieren, Gesänge sind zu hören. Martz nimmt den Stadioneingang, wo auch die Mannschaftsbusse vorfahren. Der schnauzbärtige Ordner versieht schon seit sieben Jahren seinen Spieltagsdienst an ebendieser Tür. Die Begrüßung ist auch diesem klirrend kalten Freitagabend-Spieltag herzlich. „Am Spieltag esse ich daheim den ganzen Tag fast nichts“, erzählt Martz in seinem pfälzischen Idiom. „Weil ich auf dem Betze immer zum Härting gehe.“ Gekonnt steuert er seinen Rollstuhl durch das Gewirr der Beine und die Halle mit den Imbissständen. Am Stand der „Pferdemetzgerei Härting“ bestellt Martz wie immer Frikadelle im Brötchen.

Nino Gagliano kann sich vor Bestellungen von Karten für Rollstuhlfahrer kaum retten. „Wir könnten das Dreifache an Plätzen gebrauchen, und würden auch die locker vollkriegen“, sagt der ehrenamtliche Behindertenbeauftragte des 1. FCK. Knapp 100 Tickets für „Rollis“ stehen zur Verfügung, zehn Prozent gehen an Fans des Gegners. Vor dem Umbau für die WM 2006 waren es noch 30 mehr - dafür gibt es nun oben unter dem Stadiondach 20 Plätze für blinde und sehbehinderte Fans, für die eigens ein Kommentator das Spielgeschehen beschreibt.

Die Wartelisten sind lang

Die Wartelisten sind an den meisten Bundesligastandorten lang, und mancher „Rolli“ lässt seinen Namen gar nicht darauf setzen, weil es aussichtslos erscheint. In den meisten Bundesländern gilt die rechtlich bindende Verordnung, dass an Versammlungsstätten mindestens ein Prozent der Plätze für Behinderte vorhanden sein muss. Auf dem Betzenberg wären dies 500 Plätze. Doch selbst bei der BBAG, der Organisation der behinderten Fans in Deutschland, drängt man nicht auf die Einhaltung. Das sei den Klubs schon aus baulichen Gründen in den modernen Arenen nicht zuzumuten, quasi rund um das Feld barrierefreie Rollstuhlplätze anzubieten, sagt der Vorsitzende Rolf Dohm. Denn Plätze, die nur über Treppen und Aufzüge erreichbar sind, könnten im Notfall für „Rollis“ eine tödliche Falle sein.

Der frühere Pfarrer ist als Behindertenbeauftragter auf Schalke für die Vergabe der ebenfalls nur 100 Rollstuhlfahrer-Tickets zuständig. Nicht genutzte Gästekarten vergibt Dohm per Rotationsverfahren nach Wartezeit, Schwere des Leidens, manchmal auch nach Lebenserwartung an behinderte Schalke-Fans.

Der Lauterer Gagliano hat schon häufiger den Neid von Tribünengästen auf die „Rollis“ gespürt. Weil sie für nur sieben Euro ins Stadion und kostenlos eine Begleitperson mitbringen dürfen, einen stadionnahen Parkplatz zugewiesen und vom Verein ein Weihnachtsgeschenk bekommen. Für einen Platz auf der Tribüne zwei Meter über Martz’ Platz zahlt man 38,50 Euro.

Mit Schwung rollt Martz auf den gepflasterten Balkon zwischen Rasen und Südtribüne, wo die „Rollis“ stehen. Man begrüßt sich, klopft sich im Vorbeifahren auf die Schulter. Mit Roland plaudert Martz länger von „Rolli“ zu „Rolli“. Roland, sagt er, sei auch ein alter Eisenbahner. „Schrankenwärter ist er gewesen.“ Der frühere Vereinspräsident Norbert Thines ist immer eine halbe Stunde vor Anpfiff gekommen und hat allen Rollstuhlfahrern die Hand geschüttelt. „Mit ihm konnte man sich über alles unterhalten“, sagt Martz. „Er war der beste Präsident.“

Beim Tor nimmt jeder einen Schluck

Helmut Martz hat seinen Platz rechts von der Mittellinie. Marcel setzt sich auf den Klappsitz dahinter und stellte seine Füße lässig links und rechts auf den Rädern des Rollstuhls ab. Die Platznachbarin hat an ihren Rädern Blenden mit Vereinsemblem befestigt. „Solche könntest du dir auch mal zulegen, Opa“, sagt Marcel. Kurz vor dem Anpfiff greift Martz in die rote Umhängetasche, die auf seinem Schoß liegt und kramt seinen Fanschal hervor. Otto Rehhagel hat darauf unterschrieben, der Meistertrainer von 1998.

Die Lauterer Profis sind von Anpfiff an überlegen. Es dauert bis zur 24. Minute, ehe Mittelfeldspieler Karl das 1:0 erzielt. Die Freude unter den behinderten Fans ist so ehrlich, so rein, so pur. Auch wenn viele ihre Arme und Beine nicht oder kaum bewegen können, spricht das Glück in ihren Gesichtern Bände. Flugs holt Martz aus seiner Tasche eine Thermosflasche voll Kräuterschnaps aus eigener Herstellung. Die Umstehenden und -sitzenden wissen schon, was jetzt kommt: Jeder nimmt bei einem Lauterer Tor einen kleinen Schluck. „Nun ja“, sagt Martz, „es gab auch schon Spiele, die sind 0:0 ausgegangen, und die Flasche war trotzdem leer.“

Martz schaut Fußball wie in Trance

Als Stürmerstar Mo Idrissou eine große Chance vergibt, schimpft er: „Den hätte ich mit dem Rollstuhl reingemacht.“ Martz schaut Fußball wie in Trance, gebannt, unabgelenkt, nur mit Augen für Ball und Spiel. Dann ist Idrissou wirklich erfolgreich - 2:0. Beim jährlichen Treffen von Mannschaft und behinderten Fans hat ihm Idrissou neulich ein Trikot für einen seiner fünf Enkel versprochen. Der Kameruner hat sich sogar Martz’ Adresse aufgeschrieben. „Aber dann hat er es wohl vergessen, er hat ja bestimmt viel um die Ohren“, sagt er. „Ich werde ihn bei Gelegenheit daran erinnern.“ Es hätte ihm viel bedeutet, Post von Idrissou zu bekommen. Manche Fans zehrten das ganze Jahr von diesem Treffen, sagt Gagliano. „Viele der Behinderten fiebern so sehr mit dem Verein, dass manche nach Niederlagen oder wenn Unruhe im Verein herrscht, sogar krank werden“, so der Lauterer Behindertenbeauftragte.

Der eingewechselte Hoffer erzielt das 3:0. Martz reißt die Arme hoch und sagt: „Na dann, Prost.“ Nach dem Schlusspfiff wird es hektisch. Viele „Rollis“ versuchen, schnell in Richtung Westtribüne zu gelangen. An der Spielfeld-Ecke lassen die Werbebanden eine Schneise frei - Platz genug für drei Rollstühle. Und damit die Chance, von den feiernden Spielern abgeklatscht zu werden oder gar ein Trikot geschenkt zu bekommen. Martz steht nur in der dritten Reihe. Aber die Profis kommen heute eh nicht.

Auf der Schussfahrt den Betzenberg hinunter kommt Martz groß raus. „Opa lässt immer laufen, und ich sprinte hinterher“, sagt Marcel. Martz saust los, ohne in der Menschenmenge jemanden umzufahren. Doch dann passiert es: Er touchiert bei einem Manöver den Bordstein, der Rollstuhl stellt sich quer, Martz rutscht von seinem Sitz. Mit einem Male ist eine zuvor lärmende Fanschar mucksmäuschenstill. Martz wird wieder in seinen Rollstuhl gesetzt, „nix passiert“, sagt er noch.

Im fahlen Licht auf dem Bahnsteig fährt er vor bis zum ersten Waggon, denn der halte in Neustadt an der Weinstraße genau vor dem Aufzug. Im Regionalzug hüpfen und singen die Fans, trommeln im Takt gegen die Decke und Scheiben. Martz sitzt mittendrin und lächelt selig.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.