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Berliner Abstieg Kein Pfand auf Herthas Leergut

 ·  Der fünfte Abstieg der Berliner Hertha ist der schwerste, weil am wenigsten nötige. Von der prompten Rückkehr in die Bundesliga redet nach dem 1:1 in Leverkusen niemand. Arm, aber sexy, das geht im Fußball nicht einmal in Berlin.

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Wenn man die Saison von Hertha BSC, die den vielleicht besten Absteiger der Fußball-Bundesliga hervorgebracht hat, auf ein paar Sekunden verdichten möchte und ein Symbol für das Scheitern sucht, dann eignete sich dafür die Nachspielzeit in Leverkusen. 92. Minute: Ramos spielt sich auf der rechten Strafraumseite durch, in der Mitte lauert Gekas. Ramos hat so viel Zeit und Platz, dass man sich den Treffer schon genau vorstellen kann, bevor der Kolumbianer zu seinem Pass ansetzt.

Ein präzises, nicht besonders schwieriges Zuspiel aus unbedrängter Position über zehn Meter, und Gekas hätte den Ball ins leere Tor geschoben. Die Hertha hätte 2:1 in Leverkusen gewonnen. Im letzten Spiel gegen Bayern hätte eine Niederlage den Münchnern die Meisterschaft nicht mehr nehmen können, und die Hertha hätte mit einem Sieg in der Bundesliga bleiben können. Hätte. Wäre. Könnte. Ramos verschluderte den Pass, und aus dem rettenden Irrealis wurde der kategorische Imperativ der Bundesliga: Weinen und absteigen!

Bayer-Trainer Jupp Heynckes, seit über vierzig Jahren im Profigeschäft, sagte nach dem 1:1 zwischen dem Champions-League-Kandidaten und dem Absteiger ungläubig: „Ich habe noch nie eine Mannschaft so Fußball spielen sehen, die absteigt.“ Das ist natürlich als Lob für die Qualität der Hertha gemeint, aber es ist auch eine Ohrfeige.

„Wir hatten das Szenario seit Wochen vor Augen“

Denn der Abstieg der Hertha ist der unnötigste und vermeidbarste Abstieg seit Jahren, eine größere Diskrepanz zwischen Substanz und Ergebnis hat es lange nicht gegeben. Dass eine Mannschaft, die in der Rückrunde mit jedem Gegner mithalten konnte, in die zweite Liga muss, die nun von der Konkurrenz um ihre besten Stücke filetiert wird und dem Verein eine ungewisse Zukunft hinterlässt, bedeutet eine Fallhöhe, die weit über die Abstiege von Ligapendlern wie Nürnberg, Bochum oder Freiburg hinausgeht.

Selbst Franz Beckenbauer gab sich als Fernsehexperte während der Partie, in der die Berliner durch Raffael (12. Minute) in Führung gingen und danach beste Chancen auf das 2:0 verschenkten, ehe Manuel Friedrich (59.) der Ausgleich gelang, seinem kaiserlichen Zorn über diesen professionellen Mangel im entscheidenden Moment hin: „Das ist fahrlässig. Die musst du ja anzeigen.“

Es gibt keinen Schadensersatz für Hertha. Als alles verloren war, machte sich der Schmerz breit. Kapitän Friedrich sackte auf den Rasen. Manager Preetz rang um Fassung. Trainer Funkel sah aus, als hätte er mit der Hertha nicht sieben Monate, sondern sieben Jahre im Tabellenkeller verbracht. „Das ist ein ganz bitterer Augenblick für die Spieler, die Stadt und die Fans. Wir hatten das Szenario seit Wochen vor Augen, nun ist es Gewissheit. Wir sind alle ein wenig zerrissen“, sagte Preetz über einen Abstieg, der auch eng mit seinem Namen verbunden bleiben wird. Der frühere Torjäger hat in seinem ersten Managerjahr den Niedergang eines Fast-Meisters (der vor 15 Monaten durch ein 2:1 über Bayern Tabellenführer wurde und nun gegen die Bayern von der Bundesliga Abschied nimmt) in einen Zweitligaklub ohne Auffangnetz zu verantworten.

Direkter Wiederaufstieg klappte bei Hertha noch nie

Der fünfte Abstieg der Berliner ist der wohl schwerste Abstieg, und mit Sorge schaut die Hertha in die Vergangenheit, als es zuletzt sechs Jahre dauerte, um 1997 wieder in die Bundesliga zurückzukehren. Ein direkter Wiederaufstieg hat bei der Hertha noch nie geklappt. Auch jetzt ist davon keine Rede.

Es gibt nicht einmal einen verlässlichen Hinweis, wie die Mannschaft in der zweiten Liga aussehen könnte und wer sie trainiert. Zwölf Verträge laufen aus, Kontrakte für die zweite Liga gibt es nicht. Wie die Stützen Friedrich, Cicero, Raffael, Kacar, Drobny und Ramos, die Winterhelfer Gekas, Kobiaschwili und Hubnik, aber auch Ebert, von Bergen oder Piszczek zu halten sein sollen, ist ein Rätsel bei einem Bundesligaklub, der schon in dieser Saison fünf Millionen Euro Schulden aus dem laufenden Geschäftsbetrieb abbauen musste.

„Wir werden uns am Saisonende zusammensetzen“

Auch der Vertrag mit Trainer Funkel gilt nur für die Bundesliga. Es gibt Stimmen im Verein, die auf die Fähigkeiten und die Aufstiegsqualitäten des Trainers nicht verzichten wollen. Andere halten ihn nach dem Abstieg in der Öffentlichkeit für nicht mehr vermittelbar. Funkel selbst hat sich noch nicht eindeutig erklärt. „Wir werden uns am Saisonende zusammensetzen und dann eine Entscheidung treffen“, sagte Preetz zur Trainerfrage. Die Chance, dass Funkel vor der Hertha in die Bundesliga zurückkehrt, dürfte ziemlich groß sein.

Der Etat der Hertha wird in der zweiten Liga von 75 auf rund 30 Millionen Euro sinken, die Personalkosten von 40 auf etwa 15 Millionen. Im Olympiastadion wird statt mit 40.000 Zuschauern nur mit 20.000 Fans kalkuliert. Das sind jetzt die nackten Zahlen für den Fußball in der Hauptstadt. Arm, aber sexy, das geht im Fußball nicht einmal in Berlin.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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