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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berlin Stadt ohne Hertha-Gefühl

19.01.2010 ·  Fußball vereint die Emotionen - nur nicht in der Hauptstadt. Hertha-Anhänger zu sein ist so ziemlich das Uncoolste, was man in Berlin sein kann. Den Abstieg fürchten aber auch Politiker und Manager anderer Sportarten.

Von Michael Horeni und Michael Reinsch, Berlin
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Am vergangenen Montag kreiste ein Hubschrauber mit schräg gestellten Rotorblättern über dem Olympiastadion. Der Schnee hatte sich bedenklich auf dem Glasdach getürmt. Es drohte unter weiteren Lasten einzustürzen. Aber nach zwei Stunden hatten die Rotoren den Ballast des Winters weggefegt. Mit derselben Technik trocknen die Hubschrauber im Frühjahr die Kirschen im Tiefflug an den Bäumen, um das Platzen der Früchte zu verhindern. Saubere Arbeit, für nur 2500 Euro. Die Arbeit auf dem Stadiondach hätten auch angeseilte Helfer erledigen können. Der Hubschraubereinsatz war weniger gefährlich. Vor allem aber war er billiger. Das ist wichtig in Berlin.

Der Winter ist ein Thema in der Stadt. Es lagen dreißig Zentimeter Schnee, so viel wie seit dreißig Jahren nicht mehr. Am Straßenrand türmten sich weiße Berge, und wer sein Auto ein paar Tage nicht bewegte, kam kaum mehr rüber. Der Winter machte auch der S-Bahn zu schaffen, dem Symbol des Stillstands in einer Stadt, die Stillstand nicht kennen will. Erst versagten die Räder, dann die Bremsen. Seitdem ist die S-Bahn ein Politikum.

Ein paar Manager mussten gehen. Aber es rumpelte weiter, und jetzt verliert sie auch noch gegen den Winter. Betreiber und Sündenbock ist die Deutsche Bahn, die seit Jahren als Hauptsponsor auch noch eine andere schlecht gewartete Berliner Institution finanziert: Hertha BSC, die schwächste Mannschaft der Fußball-Bundesliga, Abstiegskandidat Nummer eins.

„Nicht zulassen, dass Hertha BSC fast unbemerkt absteigt“

Was dem Winter spielend und der S-Bahn nervend gelingt, daran scheitert die Hertha selbst in ihrer größten Not: die Stadt zu bewegen. Nicht einmal nach über hundert Jahren und einem Sommer, der das Olympiastadion füllte und Berlin für ein paar Wochen von der deutschen Meisterschaft träumen ließ. „Wir bleiben ein Spiegel der Stadt. Hertha ist nicht besser und nicht schlechter“, sagt Bernd Schiphorst, der Aufsichtsratsvorsitzende von Hertha BSC. Und zu einem Politikum wird der drohende Verlust des Bundesligastandorts in der Hauptstadt auch nach einem beispiellosen Absturz nicht. Er taugte vor dem erfolgreichen Rückrundenauftakt in Hannover am Samstag nur für ein paar Boulevard-Schlagzeilen.

Frank Steffel ist Bundestagsabgeordneter der CDU. Er hat einmal die Bürgermeister-Wahl gegen Klaus Wowereit verloren und ist Präsident des Handball-Bundesligaklubs Reinickendorfer Füchse. Vor Weihnachten hat er einen Brief an Hertha-Präsident Werner Gegenbauer und an ein paar Leute in der Stadt geschrieben, der nun öffentlich wurde. In einem groben Konzept kommt er auf 21,6 Millionen Euro, die der Hertha im Abstiegskampf zufließen könnten.

Ein Rettungsplan soll das sein. Aber dafür ist zu viel Populismus drin. Manager Michael Preetz soll für einen Euro im Monat arbeiten, die Betreiber des Olympiastadions sollen auf ihre Einnahmen verzichten, und die Berliner sollen eine Million SMS für Hertha schreiben. Aber für eine Sache hat der CDU-Politiker ein feines Gespür: „Wir dürfen es im Interesse Berlins nicht zulassen, dass Hertha BSC fast unbemerkt absteigt.“ An diesem Dienstag treffen sich nun der Politiker und die Hertha-Führung.

„Berlin ist nie eine Fußball-Hochburg gewesen“

In anderen Städten macht die Stadtgesellschaft im Fußball-Notfall mobil. Dann appellieren und mobilisieren die ehemaligen Stars die Öffentlichkeit, die kollektive Erinnerung wird geweckt, und man erinnert und vergewissert sich seines „Wir“-Gefühls. In Hamburg trägt zu solchen Zeiten eine Ikone wie Uwe Seeler dieses Gefühl, in Köln Wolfgang Overath, in Frankfurt Bernd Hölzenbein. In Dortmund und Schalke muss man über Fußball und die Region gar nicht reden und in München auch nicht.

Aber in Berlin? Da gibt es keine Idole, die für die Hertha mobilisieren. Das muss dann ein Frank Steffel machen. „Berlin ist nie eine Fußball-Hochburg gewesen, anders als das Ruhrgebiet. Das fehlt uns“, sagt Schiphorst. Ein einziges Idol hatten die Berliner, Hanne Sobeck, in den dreißiger Jahren. Sobeck hat die Hertha damals zweimal zum Meister gemacht und den Nazis widerstanden. „Das könnte unser Fritz Walter sein“, sagt Schiphorst. Aber Sobeck ist schon lange tot, und ihre Wurzeln hat die Hertha vergessen.

„Wir sind nun mal ein West-Berliner Verein“

Die anderen Großstädte Deutschlands gibt es nur einmal. Berlin aber gibt es doppelt. In der fragmentierten Stadt, die wie den Zoo, die Oper, die Verwaltung und sogar den einstigen Fußballmeister alles zweimal hat, einmal in Ost und in West, hat es Hertha nie geschafft, für ganz Berlin relevant zu werden. „Wir hatten eine geteilte Stadt - und das spiegelt sich auch heute noch in Zahlen“, sagt Schiphorst.

Nur 25 Prozent der Zuschauer kommen aus dem Osten, bei den Mitgliedern sind es noch weniger, fünfzehn oder sechzehn Prozent. „Wir sind nun mal ein West-Berliner Verein, der seinen Ruf nach dem Krieg in einer geteilten Stadt erworben hat. Die Kinder und Jugendliche im früheren Ostteil können wir heute für den Verein begeistern, die ältere Generation leider nicht mehr.“

„Vielen ist noch gar nicht bewusst, was das bedeutet“

Der Fußball, der anderswo die Emotionen vereint, bleibt in der Hauptstadt nicht nur eine emotionale Leerstelle. Im Gegenteil: Hertha-Fan zu sein bedeutet, entweder vom Land zu kommen oder zum Prekariat zu gehören, zumindest zum gefühlten. Hertha-Fan zu sein ist so ziemlich das Uncoolste, was man in Berlin, der Hauptstadt der Coolen, sein kann. Zu den drei Europapokalspielen dieser Saison kamen jeweils 14 000 Zuschauer. Das ist der harte West-Berliner Kern der Hertha. 1,9 Millionen Menschen sind in den letzten Jahren in die Stadt gezogen, 1,9 Millionen sind raus. 1,9 Millionen von 3,5 Millionen. Im Fußball würde man sagen, zu viele Wechsel, die Mannschaft hat keine Identität. „Die Blutauffrischung tut der Stadt unheimlich gut. Aber Hertha hat davon nicht viel“, sagt Schiphorst.

Aber warum nicht? Marco Baldi ist der Mann, der aus dem DTV Charlottenburg den achtmaligen deutschen Basketballmeister Alba Berlin gemacht hat. Mit dem Umzug der Mannschaft in die O2-Arena hat er den Zuschauerschnitt auf mehr als 10.000 gesteigert und ist damit Spitzenreiter in Europa. Gerade hat sich Alba unter die besten sechzehn Teams des Euro Cup gespielt. „Herthas Abstieg wäre ein Jammer. Vielen ist noch gar nicht bewusst, was das bedeutet. Ich kann nicht sagen, was Hertha versäumt hat. An Werbung mangelt es nicht, aber es gibt kein Gefühl für die Hertha“, sagt Baldi. Kein Gefühl heißt auch: kein Mitgefühl im Abstiegskampf.

„Ich helfe denen. Da kann ich nicht aus meiner Haut“

Der Basketball-Manager erwartet in der Krise auch ein Bewusstsein „der Zugezogenen, die immer nur zu den Gastspielen ihrer Vereine ins Olympiastadion gehen. Diese Zwangssympathie der Kölner und Stuttgarter, der Bremer und Dortmunder sollte man versuchen zu konvertieren.“ Aber wie konvertiert man Fußball-Gläubige, die in Berlin am Samstag ihre eigene Fußballkneipe haben? Es gibt eine Werder-Kneipe, es gibt eine Freiburg-Kneipe, es gibt eine Eintracht-Kneipe. Und das passende Bier gibt es auch dazu. „Diese Leute drehen wir nicht mehr um“, sagt Schiphorst.

Der Medien-Manager hat ein bedeutendes Netzwerk in der Stadt. „Mich rufen dann auch immer die Leute an und sagen: Ich würde gern mal wieder zur Hertha gehen. Kannst du mir Karten fürs Frankfurt-Spiel besorgen?“ Schiphorst fragt dann, weshalb gerade für dieses Spiel, obwohl er die Antwort schon kennt. „Weil ich Eintracht-Fan bin.“ Da geht Schiphorst an die Decke. Karten besorgt er trotzdem. Er stammt aus Oldenburg, dort gibt es den VfB. „Fünfte Liga, das ist ganz schrecklich. Ich helfe denen. Da kann ich nicht aus meiner Haut. Das war meine erste Liebe.“

Nun achtet man in der Jugend auch auf die Sozialkompetenz

Die Hertha ist im neuen Berlin nie angekommen. „Wir haben die eigenständige Hertha-Story in den Zeiten des Wiederaufbaus seit den neunziger Jahren nicht hinbekommen“, sagt Schiphorst. Man kann auch sagen: Keine Hertha-Story hat funktioniert, es gab nur Dieter Hoeneß. Zwölf Jahre lang, bis zum letzten Sommer. Mal versuchte er es mit Brasilianern wie Marcelinho, mal sollte Bastürk die größte türkische Gemeinschaft außerhalb der Türkei ansprechen.

Mal versuchte er es mit Dejagah und den Boateng-Brüdern, Berliner Typen aus dem Wedding, die neben Talent und Tattoos auch noch einige schlechte Angewohnheiten mitbrachten. Nun achtet man in der Jugend auch auf die Sozialkompetenz. Aber in all den Jahren hat die Hertha keinen eigenen Stil entwickelt. Nichts blieb, schon gar nicht das Geld. Nichts, was die Hertha so unverwechselbar machen könnte wie die Stadt, die gut von dem Image lebt, heute so und morgen ganz anders zu sein.

„Das Image von Hertha deckt sich nicht mit dem der Stadt“

So ist das nun auch mit dem Hoeneß-Nachfolger Preetz und Trainer Friedhelm Funkel, die in den nächsten 16 Spielen bei acht Punkten Rückstand nicht weniger als ein „Wunder“ schaffen sollen: das Überleben in der Bundesliga. Preetz ist in seiner Zurückhaltung das Gegenteil von Hoeneß. Den frankophilen Fußballversteher Favre eine Mannschaft zusammenstellen zu lassen und diese dann dem betonharten Realisten Funkel anzuvertrauen, das ist so, als wollte man eine Chanel-Boutique vom Kudamm nach Neukölln verpflanzen. In der Winterpause wurden nun wieder drei Funkel-Spieler geholt. „Wir sehen das auch an den Studien. Das Image von Hertha deckt sich nicht mit dem der Stadt“, sagt Schiphorst. „Wir sollten sein, was Berlin heute ist: jung, unkonventionell, kreativ. Daran müssen wir arbeiten.“

Berlin ist auch die Hauptstadt von Hartz IV. Ein Drittel der Leute lebt von staatlicher Fürsorge. Aber Berlin ist gleichzeitig auch die Sporthauptstadt Europas. Egal in welcher Sportart, Berlin hat in allem erste Liga. Es gibt 83 Erstligavereine. Wie Hertha, Alba, den deutschen Eishockey-Meister Eisbären, die Handball-Füchse, dazu noch Union Berlin in der zweiten Liga. Jedes Milieu hat seine Sportart und seinen Verein.

„Wir müssen jede Woche um unsere Zuschauer kämpfen. Es ist nicht so, dass ein Bundesligaspiel ein fester Bestandteil des Wochenendfahrplans ist wie in anderen Städten. Wir spüren sehr genau, wie die Leute selektieren“, sagt Schiphorst. Das merken auch die anderen Klubs. „Die Stadt ist ständig in Bewegung. Beim Kampf um die Zuschauer macht es uns die Attraktivität Berlins schwierig: Jeder überlegt, ob er seine zwanzig Euro für ein Ticket ausgibt oder gleich ins Nachtleben zieht“, sagt Baldi.

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