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Mainz 05 : Neuer Rekord, alter Streit

Verärgert: Harald Strutz muss als früherer Vorsitzender von Mainz 05 auf seine Entlastung warten Bild: EPA

Eine anonyme Strafanzeige sorgt für Ärger bei Mainz 05: Der alte Vorstand muss deshalb auf seine Entlastung warten. Das sorgt für Empörung - und stellt den Rekordgewinn in den Schatten.

          Manfred Thöne stand mit brüchiger Stimme am Mikrofon. „Man kommt sich vor wie ein geprügelter Hund“, sagte das ehemalige Mitglied des Vorstands von Mainz 05 am Montagabend bei der ersten Mitgliederversammlung nach der Umstrukturierung des Klubs im Juni. Damals hatte der Verein erstmals einen Aufsichtsrat gebildet, wodurch die Amtszeit des alten, seit über 25 Jahren fast unveränderten Vorstands vorzeitig zu Ende gegangen war. Jenem Kontrollorgan obliegt nun die Pflicht, den alten Vorstand zu entlasten, obgleich es dessen Amtszeit gar nicht selbst begleitet hat. Die Aufsichtsräte sahen sich indes bis zur Versammlung am Montagabend aus formalen Gründen nicht in der Lage, die Entlastung zu beschließen, wie der Vorsitzende Detlev Höhne ausführte.

          Anonyme Hinweise auf eine Bereicherung alter Vorstände sowie eine bei der Staatsanwaltschaft anhängige Strafanzeige hätten den Aufsichtsrat daran gehindert, die Entlastung auszusprechen. Eine schnellere Bearbeitung seitens des Aufsichtsrats sei zudem durch eine krankheitsbedingte Verzögerung seitens des beauftragten Wirtschaftsprüfers nicht möglich gewesen, der den Bericht entsprechend erst vor anderthalb Wochen habe liefern können.

          „25 Jahre lang habe ich für den Verein gelebt. Wir alle im Vorstand haben sogar eine Zeit lang mit eigenem Vermögen gebürgt. Und jetzt muss ich mir in der Stadt sagen lassen: ,Du bist nicht entlastet!‘ Das kann ich mir mit meinem kleinen Unternehmen nicht leisten.“ Thöne, der die Geschäfte eines Mainzer Sanitärunternehmens führt, drohte dann gar seinen Austritt aus dem Verein an und verließ die Mitgliederversammlung frühzeitig. Ähnlich wie er äußerten auch der ehemalige Vorsitzende Harald Strutz und Finanzvorstand Friedhelm Andres ihren Unmut. Andres fühlte sich „an den Pranger gestellt“ und verwies darauf, dass durch den Aufschub der Entlastung „immer hängenbleibe, dass alle oder einzelne im Vorstand bereichert haben könnten.“ Strutz argumentierte sachlicher: „Reputationsverlust haben wir genug erlebt. Lassen Sie uns endlich in Ruhe. Sie hatten vier Monate Zeit alles aufzuarbeiten.“

          Vorwurf löst sich in Luft auf

          Das Gremium hat sich indes Transparenz und Compliance auf die Fahnen geschrieben und wäre deshalb wohl schlecht beraten, gerade zu Beginn seiner Tätigkeit nicht sorgsam ohne Rücksicht auf terminlichen Druck auf alle Eventualitäten zu achten. Er stellte in Aussicht, dass die Entlastung aus seiner Sicht in wenigen Wochen vonstatten gehen könne, sobald die Staatsanwaltschaft kursierende Gerüchte über eine Verfahrenseinstellung bestätigt habe.

          Dass dadurch der Neuanfang überschattet wird von der Vergangenheitsbewältigung, muss der Verein wohl in Kauf nehmen. Die Empörung der früheren Vorstände war indes aus der Emotion heraus ebenfalls verständlich, obgleich Höhne als Versammlungsleiter recht dezidiert an einem Beispiel die Substanz der anonymen Vorwürfe in Zweifel zog. Demnach wurde dem Aufsichtsrat eine Rechnung eines Hamburger Hotels vorgelegt für ein Zimmer vom 20. Dezember 2013 bis zum 10. Januar 2014, die vom Verein beglichen wurde. Nutznießer soll Strutz gewesen sein.

          Die Nachforschungen eines vom Aufsichtsrat beauftragten Wirtschaftsprüfers ergaben aber, dass es sich bei den 21 Übernachtungen einwandfrei um die Kosten handelte, die rund um das Spiel beim Hamburger SV durch die Übernachtung der Mannschaft und des Begleittrosses entstanden sind, ein Abrechnungsfehler des Hotels habe demnach zu der Irritation geführt. Zum Begleittross zählte nach Informationen von FAZ.NET auch Strutz, der wohl nach dem Spiel als einziger eine zweite Nacht in Hamburg verbrachte, was durch die damals geltenden Regelungen innerhalb des Klubs für Auswärtsfahrten zu entfernt gelegenen Spielorten gedeckt war. Strutz nutzte die Gelegenheit, um nach dem 3:2-Auswärtssieg mit Freunden in seinen Geburtstag hinein zu feiern.

          Von Erfolgen konnte der Aufsichtsrat, der in den kommenden Wochen die Auswahl für einen zweiten hauptamtlichen Vorstandsposten unter 32, großteils aus dem Profifußball stammenden und nur männlichen Bewerbern einen Finanzfachmann auswählen will, derweil nur bezüglich der Schaffung mehrerer Ausschüsse sowie der Arbeit an einem Compliance-Handbuch berichten. Zudem legte Mainz 05 als wohl erster Profiverein in Deutschland transparent offen, wie der Klub künftig Ehrenkarten vergeben wird. Nur noch 80 Menschen, darunter die neun Aufsichtsräte, der frühere Vorstand sowie zehn Vertreter des Gegners kommen demnach in diesen Genuss, während zuvor wohl doppelt so viele Karten kostenlos in Umlauf gebracht worden waren.

          Kaluzas Entlohnung weiter ungewiss

          Ähnlich transparent muss der Aufsichtsrat allein schon aufgrund der Satzung auch mit der Honorierung des von den Mitgliedern gewählten, ehrenamtlichen Vorstandsvorsitzenden Johannes Kaluza umgehen, zumal das Bekanntwerden von Strutz‘ Entlohnung in Höhe von 23.000 Euro die Vereinskrise ausgelöst hatte. Während der neue Vereinsvorsitzende sich einst mit der Ankündigung für das Amt bewarb, die Aufgabe unentgeltlich zu erledigen, wünscht er nun einen Dienstwagen, Entschädigung für den zeitlichen Aufwand und auch Ersatz für Verdienstausfall. Der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Engelbert Günster ließ Unverständnis für diese Forderungen anklingen, als er recht einsilbig auf die Satzung verwies. „Dort steht: Es kann eine pauschale Aufwandsentschädigung gezahlt werden“, sagte Günster. „Daran halten wir uns. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine einvernehmliche Lösung finden werden.“ Sie dürfte dann monatlich auf eine Summe im vierstelligen Bereich begrenzt sein.

          Wieviel Einvernehmen grundsätzlich zwischen Aufsichtsrat und Vereinsvorsitzendem besteht, sei derweil einmal trotz aller Bekundungen von Eintracht dahin gestellt. Günster verteilte einen Seitenhieb an den Fußball-Quereinsteiger, als er dessen in der Versammlung zum wiederholten Mal geäußerten Spruch „Wir sind relativ arm, aber ziemlich sexy“ aufs Korn nahm. „Wir sind kein armer Verein“, sagte Günster. Kaluza war aber wohl schon ohne diesen Seitenhieb der Verlierer des Abends im Kampf um Einfluss, der sich in der Findungsphase der neuen Struktur zwischen Aufsichtsrat und Vorstandschef abspielt. Sein Auftritt wirkte sehr matt. Der Applaus jener Mitglieder, deren Gunst er im Juni bei der Wahl noch als zuvor nahezu unbekannter Kandidat im Sturm erobert hatte, war entsprechend höchstens höflich.

          Applaus für Schröder

          Das war bei Sportvorstand Rouven Schröder anders, der seinen Bericht zu einem Appell mit durchaus aggressivem Unterton nutzte. „Leute, Ihr müsst ins Stadion kommen“, sagte Schröder, der von der Resonanz zuletzt enttäuscht war – vor allem bei nur 10.000 Zuschauern beim Sieg gegen Holstein Kiel im DFB-Pokal. „Im Viertelfinale gegen den VfB lasse ich nur eine Ausrede gelten: Wenn mir jemand sagt, dass er keine Karte bekommt, weil ausverkauft ist.“

          Bei all der Vergangenheitsbewältigung, mit der sich Mainz 05 nach dem unrühmlichen Ende der Amtszeit Strutz noch immer befindet, ging fast unter, dass Mainz 05 im abgelaufenen Geschäftsjahr 2016/17 abermals einen Rekordumsatz erwirtschaftet hat mit annähernd 110 Millionen Euro Umsatz und einem Gewinn von annähernd elf Millionen Euro. Der Verein konnte damit sein Eigenkapital auf 30,4 Millionen Euro und somit eine im Profifußball ungewöhnliche hohe Eigenkapitalquote von 46 Prozent steigern. Auch wenn Jahresbilanzen im Fußball aufgrund der Abschreibung von Spielerkosten über mehrere Jahre im Fußball nur wenig aussagen über die wahre Liquidität eines Profiklubs, so herrschte wenigstens bei diesen Zahlen einmütige Zufriedenheit im ganzen Saal.

          Quelle: F.A.Z.

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