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Veröffentlicht: 20.12.2016, 17:57 Uhr

Gladbach und Schubert Alle Zeichen stehen auf Abschied

Ist André Schubert noch der richtige Trainer? Für die Gladbacher Fans steht die Antwort fest, auch Sportchef Eberl geht auf Distanz. Vor dem Spiel gegen Wolfsburg kursiert bereits ein neuer Name.

von David Nienhaus, Mönchengladbach
© dpa Antreiber an der Seitenlinie: André Schubert fand zuletzt nur selten Gehör.

Manchmal lohnt es sich, zwischen den Zeilen zu lesen. Wenn also Max Eberl davon spricht, was die Hausaufgaben von Borussia Mönchengladbach in der Winterpause sind, dabei die Mannschaft, „den Staff“ in die Pflicht nimmt und „alle, die dazugehören“, aufzählt, Trainer André Schubert aber explizit nicht erwähnt, dann bleibt Raum für Spekulationen. Wenn Abwehrspieler Oscar Wendt dann noch sagt, er müsse erst mal seine Enttäuschung verarbeiten und könne nicht beeinflussen, „was drum herum passiert“, und dass man sehen werde, „was passiert“, dann bietet das ebenfalls Diskussionsstoff. Und wenn dann Borussen-Coach Schubert selbst zugibt, dass „das Leben manchmal bitter ist und der Fußball hart sein kann“, dann - spätestens dann - ist klar, was die Zeit geschlagen hat.

 
Vor Spiel gegen Wolfsburg stehen bei André Schubert alle Zeichen auf Abschied aus Gladbach
 
Aus der Rolle des Interimstrainers ist André Schubert nie richtig herausgekommen

Nach dem 0:1 beim FC Augsburg und einem mutlosen, spielerisch schwachen Auftritt hat André Schubert kaum noch Argumente. Es folgten die bekannten Töne eines Trainers, der sich die Pleite schönredete. Allerdings stellt sich die Frage, was er auch sonst machen soll. „Die Statistiken geben das wieder, was wir gesehen haben. Ich kann mich an keine richtige Torchance von Augsburg erinnern“, so der 45-Jährige. Normalerweise gehe so ein Spiel 0:0 aus.

Ein torloses Remis bei unglaublich heimschwachen Schwaben soll der Maßstab sein für einen Champions-League-Teilnehmer? „Unser Job war es, zu punkten. Und das haben wir nicht geschafft“, rügte der Manager. Schubert ist mehr als angezählt. Eine Weiterentwicklung ist auf keiner Ebene festzustellen.

Auswärts die Bilanz eines Absteigers

Die Bilanz der Borussia auf fremdem Platz ist in dieser Saison verheerend. Nur einen mageren Punkt in der Fremde holte Gladbach in der Hinrunde. Die Statistik im Kalenderjahr 2016 sieht nicht viel besser aus: Dramatische sechs Punkte sammelte der Tabellendreizehnte in den vergangenen 16 Auswärtsspielen. Das ist die Bilanz eines Absteigers. Das weiß der Klub aus eigener Erfahrung, denn so schwach war der VfL auswärts seit der Spielzeit 2006/2007 nicht mehr. Damals stieg Mönchengladbach ab. „Es ist beschissen, was wir auswärts spielen“, griff Eberl tief in die Frustkiste und ergänzte: „Wir sind genauso angepisst wie die Fans - sie haben das Recht zu pfeifen.“

Und genau das taten sie. Lautstark. Die treuen Anhänger der Borussia brachten ganz offen und mit wenig Deutungsspielraum in Augsburg ihre Meinung zum Ausdruck. Nach dem Pfeifkonzert forderten sie „Schubert raus!“. So deutlich gegen einen Trainer positionierten sich die Anhänger zuletzt vor sechs Jahren. Damals hieß der Coach Michael Frontzeck; er musste wenig später seine Koffer packen.

Parallele zu Frontzeck

Tatsächlich gibt es leichte Parallelen zwischen den beiden Trainern. Frontzeck hatte, wenige Monate bevor er gehen musste, neue Arbeitspapiere unterschrieben und den uneingeschränkten Rückhalt von Max Eberl. Ihm wurden allerdings die verlorenen Heimspiele zum Verhängnis. An Frontzeck, so lautete damals die einhergehende Kritik, hatte der Manager zu lange festgehalten. So löblich seine Sehnsucht nach Kontinuität, so ehrenhaft seine Intention ist, gegen die Mechanismen der Fußballbranche zu streben, so gefährlich ist das Unterfangen für die Zukunft des Vereins.

43912452 © dpa Vergrößern „Wir sind genauso angepisst wie die Fans“: Max Eberl

Schubert konnte nie aus dem Schatten seines Vorgängers Lucien Favre treten. Der Schweizer hatte Borussia Mönchengladbach an der Klippe zur Zweitklassigkeit übernommen, sie aus der Tristesse und zu altem Ruhm geführt. Attraktiver Fußball und eine eigene, unnachahmliche Handschrift mit einer spielerischen Identität mündeten in der Europa League, ja sogar der Königsklasse.

Favre war „Retter und Reformator“, schrieb die Rheinische Post einst über den Schweizer. Unter ihm wurde Borussia Mönchengladbach wieder zur Fohlenelf. Nach Jahrzehnten der Mittelmäßigkeit gehörte der Klub mit der Raute wieder zum Besten, was der deutsche Fußball zu bieten hatte. Dann ging Favre und mit ihm der Zauber.

Immer irgendwie Interimstrainer geblieben

Selbst nachdem Schubert das Team nach Favres trotzigem Rücktritt mit einer überragenden Rekordserie abermals in die Champions League führte, wuchs sein Kredit weder bei den Fans noch in den Medien. Schubert war irgendwie doch immer der Interimstrainer, der jetzt wahrscheinlich vor seiner Ablösung steht. Die Stimmung auf der Weihnachtsfeier am Sonntag dürfte auch deshalb wenig besinnlich gewesen sein. Die Niederlage in Augsburg sei eine Chance, sich vorzunehmen, etwas besser zu machen, erklärte Gladbachs Präsident Rolf Königs. Auch ein Wink in Richtung Eberl.

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Zahlreiche Aufgaben stehen auf der Liste, die der in der Winterpause abarbeiten muss. Die Verantwortlichen müssen analysieren, warum sich die Profis in der Fremde so schwertun, und natürlich auch die zahlreichen taktischen Ausrichtungen hinterfragen. „Wir kommen momentan nicht für Kreativität und Attraktivität in Frage“, gab Eberl in Augsburg zu Protokoll.

Ein Satz wie ein Armutszeugnis. Deshalb werden die entscheidenden Fragen sein, ob Trainer Schubert noch der Richtige ist und wie der Klub eventuell elegant einen Schlussstrich unter das Kapitel ziehen kann. „Wir mussten die Situation neu überdenken“, sagte Eberl damals im Februar 2011, als er Frontzeck feuern musste. Vielleicht wird er ähnliche Worte auch in der Winterpause wählen. Dann wäre die Partie gegen den VfL Wolfsburg am Dienstag die letzte von André Schubert als Cheftrainer von Borussia Mönchengladbach. Dieter Hecking soll schon für den dringend benötigten Neuanfang in den Startlöchern stehen.

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