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Bayern-Trainer Heynckes im Gespräch „Ballbesitz und Dominanz reichen heute nicht mehr“

07.08.2011 ·  Bayern München startet am Sonntag um 17.30 Uhr in die Saison - ausgerechnet gegen die alte Liebe von Coach Heynckes. Vor dem Spiel gegen Gladbach spricht der Trainer über gestiegene Anforderungen und Ansprüche an die Führungsspieler

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Jupp Heynckes ist zum dritten Mal Bayern-Trainer. Nach einem ersten Engagement zwischen 1987 und 1991 und einer Aushilfszeit nach der Entlassung von Jürgen Klinsmann im Frühjahr 2009 soll er als elder statesman die Bayern nun in die Moderne führen. Und am besten das Ginale der Champions League im Mai in München erreichen, das er 1998 bereits mit Real Madrid gewonnen hatte.

Auf der Suche nach den Fotos zum Interview fanden wir überraschend viele Aufnahmen aus den vergangenen vier Wochen, auf denen Sie herzhaft lachen. Täuscht der Eindruck, oder sind Sie bei den Bayern glücklich?

Die Fotos drücken schon mein Wohlbefinden aus. Mir bereitet die Arbeit mit den Spielern großen Spaß, es ist eine große Qualität im Training, alle ziehen mit. Und auch die gute Kommunikation spiegelt sich darin wider. Ich fühle mich wohl - noch.

Wieso setzen Sie dieses selbstironische „noch“ hinzu? Bis zur ersten Niederlage?

Karlheinz Rummenigge sagt ja immer: „Bei den Bayern hast du keine Probleme, du musst nur jedes Spiel gewinnen.“ Aber das kenne ich schon von meiner ersten Station bei den Bayern, wie das funktioniert (1987 bis 1991). Und das ist auch in Ordnung. Der Klub wäre nicht so erfolgreich, wenn er diese Philosophie nicht hätte. Es stimmt schon: Bei den Bayern hast du ein wunderbares Leben, wenn du gewinnst.

Sie sind seit 32 Jahren Cheftrainer. Wie weit kämen Sie heute noch mit Ihrem Training von damals, als Sie mit 34 Jahren in Mönchengladbach Chef wurden?

Das Training können Sie gar nicht mehr miteinander vergleichen. Der Fußball hat sich seitdem rasend verändert - physisch und athletisch. Die Spieler haben andere und viele kleinere Räume zur Verfügung. Vergleichbare Übungen finden heute auf deutlich verkleinerten Feldern statt. Auch die taktische Ausrichtung ist viel feiner, das Spiel viel schneller. In Leverkusen hatten wir zwei Fitnesstrainer, hier haben wir drei. Dazu habe ich zwei Assistenten, einen Torwarttrainer, einen Videoanalysten. Allein daran können sie schon sehen, wie sich alles weiterentwickelt hat. Damals in Mönchengladbach fuhren bei den Reisen ein Physio mit, der noch Masseur hieß, dann der Trainer und der Manager, das war es schon. Und der Physio machte noch die Hotelbuchungen und die Abrechnungen.

Worauf haben Sie in der Vorbereitung den Schwerpunkt gelegt?

Auf das, was neudeutsch gegen den Ball arbeiten heißt. Balleroberung. Auch der FC Bayern, der in der Vergangenheit immer dominant spielte, muss sich den modernen Anforderungen stellen. Ballbesitz und individuelles Können reichen heute nicht mehr aus, um deutscher Meister oder Champions-League-Sieger zu werden. Die absoluten europäischen Spitzenteams, man kann es auch an Barcelona festmachen, zeichnet eines aus: Das gute Spiel nach vorn, aber auch die rückwärtige Bewegung bei Ballverlust. Man muss bei Ballverlust hinter den Ball kommen und ihn gleich wieder erobern - wie es der FC Barcelona vorbildlich tut.

Ist der Vergleich mit Barcelona legitim? Die meisten Spieler von Barcelona sind in diesem System groß geworden, spielen es seit zehn Jahren.

Der FC Bayern hat es nicht nötig, irgendjemanden zu kopieren, aber er muss das Nötige tun, um erfolgreich zu sein. Sie haben Recht, Barcelona hat im Gegensatz zu Real Madrid 12 oder gar 14 Spieler im Aufgebot, die im eigenen Internat La Masía (siehe: La Masía: Die Wiege der Weltfußballer) ausgebildet wurden. Messi ist mit 12 Jahren dahin gekommen. Deshalb haben sie ein so großes Spielverständnis, aber auch eine so eine große soziale Kompetenz. Für mich spielt das im heutigen Fußball eine ungeheuer wichtige Rolle: Die Akzeptanz untereinander, sich gegenseitig zu respektieren und auch mal ein Fehlverhalten zu tolerieren, nicht nur auf dem Platz, sondern auch sonst. Das ist ihr Geheimnis und der große Unterschied zu anderen Spitzenteams.

Wie können Sie als Trainer darauf einwirken, dass sich die Sozialkompetenz in der Mannschaft verbessert?

Es gibt viele Vereine, die vor der Saison Teambuildingmaßnahmen durchführen. Aber ich finde, die gehören zum täglichen Training. Ich will beim FC Bayern, dass wir zusammen frühstücken. Es nimmt sich jeder das Frühstück selbst am Büfett, und räumt dann auch wieder ab. Oder in der Kabine: Die verlässt jeder Spieler so, wie er sie betreten hat. Ich mag nicht, wenn Spieler ihre Sachen einfach liegen lassen. Und es funktioniert, die dreckigen Schuhe kommen nun in den einen Schacht, der runter zum Zeugwart führt, die dreckige Wäsche in den anderen. Das sind zwar Kleinigkeiten, aber das ist für mich soziales Verhalten und sehr wichtig. Ich bin großzügig, wenn ein Spieler zu spät kommt, weil er im Stau steht, das soll die Mannschaft unter sich regeln. Ich bin doch nicht ihr Polizist. Aber es gibt Normen und Regeln in einer Fußball-Mannschaft, die muss jeder mittragen. Diese Ordnung spiegelt sich dann auf dem Spielfeld wider, beim Passen, bei den Laufwegen, das ist die Disziplin.

Wie würden Sie den typischen Bayern-Stil definieren?

Na ja, das wissen wir doch alle: Schon in meiner Zeit in Mönchengladbach wurde dort der attraktivere Fußball gespielt, bei den Bayern der zweckmäßigere, rationellere, effektivere und auf Dauer erfolgreichere, dazu international robuster und stärker in der Psyche.

Es gab zuletzt zwei stilprägende Meister: Die Bayern mit Trainer van Gaal und die Dortmunder mit Klopp. Haben Sie eine Vorstellung vom idealen Stil?

Das Notwendige zum richtigen Zeitpunkt tun. Es gibt immer neue Entwicklungen, das haben Dortmund, Hannover und über weite Strecken Mainz in der vorigen Saison eindrucksvoll gezeigt. Aber einfach übernehmen, funktioniert nicht. Wenn man wie wir 16 Nationalspieler in der Mannschaft hat und auch noch in der Champions League spielt, muss man schon ein ausgeklügeltes Spielsystem entwickeln, damit der Substanzverlust nicht zu groß ist.

Im Pokal gegen Braunschweig sah das Bayern-Spiel jedenfalls so ähnlich aus wie unter van Gaal: viel Ballbesitz, viel Positionsspiel, wenige Torchancen.

Es gab in Braunschweig eine Szene, auf die ich auch meine Mannschaft angesprochen habe: Da sind wir nach einer Balleroberung zu fünft aus der Abwehr gesprintet. Leider hat bei diesem Konter der letzte Pass nicht geklappt, sonst wäre ein Tor gefallen. Aber das war ein Angriff, wie ich ihn mir vorstelle: Zuschlagen, wenn der Gegner Schwächen zeigt, nicht organisiert ist. Dazu müssen wir Tempowechsel vornehmen. Und das ist sicher etwas, das der FC Bayern nicht immer gespielt hat. Dann wünsche ich mir, dass ich entspannt am Spielfeldrand sitzen und sagen kann: Nach vorne tun wir uns zwar heute etwas schwer, aber nach hinten lassen wir nichts zu. Das war bei den Bayern zuletzt nicht der Fall, aber da möchte ich hinkommen.

Und Jerome Boateng ist der Mann, der die nötige Qualität in die Innenverteidigung bringt?

Ja. Ein hervorragender Spieler und ein ganz, ganz wichtiger Transfer. Seitdem er unterzeichnet hat, fühle ich mich sicherer. Ich versichere ihnen, er wird noch ein Topspieler.

Er soll der Abwehrchef werden?

Ja, ich fordere ihn dazu auf, auch Kommandos zu geben, wie Hyypiä in Leverkusen. Kommunikation ist sehr wichtig. Es ist so, dass wir eine ziemlich ruhige Mannschaft sind. Aber in jedem Mannschaftsteil müssen Spieler einen Führungsanspruch übernehmen und auch mal autoritär auftreten.

Dazu ist Ihr Kapitän Philipp Lahm aber nicht der Typ.

Philipp ist ein eleganter Spieler, und er formuliert auch eher moderater, immer behutsam in seiner Wortwahl. Ich finde, es dürfen aber auch mal die Fetzen fliegen. Zwar im sportlichen Rahmen, aber doch hörbar. Zu jeder großen Mannschaft gehören große Spielerpersönlichkeiten.

Haben die Bayern genügend von der Sorte, die Sie beschrieben haben, zu der van Bommel gehörte?

Man kann das auch auf eine andere Art tun, wenn man das Standing in der Mannschaft hat. Philipp hat es und auch Bastian Schweinsteiger, wenn er in Form ist, und er wird in Topform kommen. Dann spielt Bastian in einer Liga mit Xavi und Iniesta. Nur, er muss Chef im Mittelfeld sein. Er kann es und muss den Führungsanspruch erheben.

Sie haben mit Neuer, Lahm, Schweinsteiger, Müller, Gomez, Ribéry und Robben sieben Weltklassespieler und der Rest des Aufgebotes ist auch nicht viel schlechter. Trainieren Sie das beste Team, das Sie je hatten?

Schwer zu sagen. Ich habe schon mit Real die Champions League gewonnen, und auch bei den Bayern trainierte ich fünf oder sechs Weltmeister von 1990. Aber: Weltklassespieler zu sein ist das eine, Weltklasseleistungen zu zeigen ist das andere. Gomez wirkte wie ein Fremdkörper, bevor er eine unglaubliche Entwicklung nahm. Man muss Weltklasse in einer fußballerischen Struktur zeigen. Dann erst kann man sagen, das sind alles Weltklassespieler. Und da bin ich als Trainer gefragt.

Wenn Ribéry und Robben zusammen auf dem Platz stehen, gibt es fast immer ein Feuerwerk, allerdings spielen sie selten zusammen, weil sie häufig verletzt sind. Kreieren Sie eine Bayern-Mannschaft ohne Ribéry und Robben und eine mit den beiden?

Meine Aufgabe ist, aus dem Kader, die elf Spieler zu nominieren, die fit sind, die in Bestform sind und insgesamt harmonieren. Ribéry und Robben haben die gleichen Aufgaben wie alle anderen, das heißt, wenn wir beim Pressing den Gegner unter Druck setzen, müssen sie mitmachen und das wissen sie auch. Ich bin froh, dass die beiden jetzt wieder mittrainieren können. Einige haben mir gesagt, Franck Ribéry habe in dieser Woche so gut gearbeitet wie noch nie. Er hat allerdings lange Zeit nicht kontinuierlich auf hohem Niveau gespielt, dahin muss er wieder kommen. Er braucht auch ein Ambiente, in dem es etwas lockerer zugeht. Aber das kann er haben.

Hat sich Ihr Umgang mit den Spielern verändert im Laufe Ihrer langen Karriere?

Ich war früher manchmal brüsk, zu rigoros. Ich bin heute großzügiger, da hat mir das Ausland gut getan. Ich habe gelernt, dass ich intern meine konsequente Linie beibehalten, extern das aber moderater ablaufen muss. Man muss in der Öffentlichkeit behutsam mit Spielern umgehen, sie haben ein Recht, geschützt zu werden.

Sie wirken so, als machte Ihnen der Druck, immer gewinnen zu müssen, gar nichts mehr aus.

Jeder Trainer hat den Druck, den er sich selbst macht aufgrund seiner Arbeitsweise und seiner Ansprüche. Ich bereite mich immer zu 100 Prozent auf jedes Spiel vor.

Beschreiben Sie das bitte.

Ich schaue mir immer zwei Spiele des nächsten Gegners auf DVD an. Sonst habe ich das Gefühl, nicht alles getan zu haben, obwohl mir mein Scout Egon Coordes immer zusätzlich seine Einschätzungen und Analysen liefert. Ich baue dadurch, dass ich mir die DVD anschaue, auch selbst Spannung auf, die ich an die Spieler weitergeben kann - in den Einzelgesprächen vor dem Spiel und auch in der Mannschaftsbesprechung. Sie merken ganz schnell, ob der Trainer voll bei der Sache ist oder nicht. Ich war ja selbst Spieler. Die Ansprache ist ganz wichtig. Wenn die Spieler konzentriert sind, herrscht Ruhe. Wenn es unruhig wird, muss man als Trainer etwas an den Ritualen oder Abläufen in der Kabine ändern.

Schlafen Sie manchmal schlecht vor oder nach den Spielen?

Nein, ich war schon als Spieler von der Psyche her sehr stabil. Ich habe nie Angst gehabt, die anderen Spieler haben sich an mir aufgerichtet. Das hat mich auch in meiner Arbeit als Trainer immer begleitet. Es gibt so viel Leid auf der Welt, da sind doch Niederlagen in unserem privilegierten Beruf wirklich nicht vergleichbar.

Die meisten Experten sagen: Wenn alle Mannschaften in dieser Saison 100 Prozent abrufen, wird Bayern Meister. Unterschreiben Sie den Satz?

Ich sage, der Meister geht immer als Favorit in die nächste Runde. Dortmund hat seine Stärken in der vergangenen Saison auf eindrucksvolle Weise demonstriert und sich noch weiter verstärkt. Ich denke, es gibt mit Dortmund, Leverkusen und uns drei Mannschaften, die um die Meisterschaft spielen.

Duzen Sie Ihre Spieler?

Ja, aber sie siezen mich. Wenn wir deutscher Meister werden, dürfen sie mich einen Tag lang duzen. Das hat Hennes Weisweiler auch so praktiziert.

Das Gespräch führten Christian Eichler, Peter Heß und Elisabeth Schlammerl.

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