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Bayern-Star Ribéry Francks Reich

27.01.2009 ·  Schon Weltklasse oder nur besonders gut? Bei den Bayern bleiben oder gehen? Monsieur Ribéry, der heute abend im DFB-Pokalspiel beim VfB Stuttgart aus der Winterpause zurückkehrt, macht es spannend.

Von Michael Ashelm
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Der Fußball spielt verrückt. Die Welt ächzt unter der Wirtschaftskrise, und bei den ersten Superklubs verdichten sich die Anzeichen finanzieller Engpässe, da wedeln die Scheichs vom Golf ungeniert mit dicken Geldbündeln. So ist die Transferperiode durch die Besitzer von Manchester City zur unterhaltsamen Millionenshow geworden, in der eine Handvoll Kicker im Mittelpunkt kuriosester Spekulationen steht. Dass einer von ihnen derzeit bei den Bayern beschäftigt ist, mag den Münchnern gefallen oder sie beunruhigen. Franck Ribéry dagegen wird sich geschmeichelt fühlen, zum Kreis der heißgehandelten Winterfavoriten zu zählen.

Kein anderer Spieler hat in den vergangenen Jahren für so viel Spektakel in der Bundesliga gesorgt wie der 25 Jahre alte Franzose. Ribéry steht bei den nicht gerade durch künstlerische Klasse verwöhnten Besuchern deutscher Stadien für Spielwitz, Rasanz, Unberechenbarkeit, Artistik und fußballerische Freiheit. „Der macht Dinger auf dem Platz, die kann man nicht trainieren“, sagt einer seiner Gegenspieler. Ribérys Kollegen aus der Bundesliga wählten ihn zum Spieler des Jahres - für die Bayern symbolisiert ihr neuer Fußballkönig die Sehnsucht nach einer Rückkehr in die Premiumklasse des europäischen Fußballs.

Ribéry sieht sich vor dem entscheidenden Sprung

Die Begeisterungsstürme machen selbst vor einem Dauerskeptiker wie Franz Beckenbauer nicht halt. Der kürte Ribéry unlängst zum besten Spieler der Welt. Bundestrainer Joachim Löw lobte ihn wegen seiner technischen Überlegenheit, die ihn so außergewöhnlich mache. „Das ehrt mich. Das sind in Deutschland ganz wichtige Leute“, sagt Ribéry. Dass er sich im Trainingslager von Dubai eigenmächtig ans Steuer des Mannschaftsbusses setzte und ein Schild vor dem Hotel rasierte, wurde zwar seinem Ruf als einfallsreichster Münchner Spaßvogel seit Sepp Maier gerecht.

Doch in der Karriere des Franzosen geht es längst um ein viel höheres Ziel, als nur durch frechen Spaßfußball aufzufallen: Ribéry sieht sich vor dem entscheidenden Sprung auf die große Bühne der weltbesten Mittelfeldspieler. Als Beleidigung seines Könnens empfand er deshalb die kürzlich erfolgte Wahl zu „Europas Fußballer des Jahres“, bei der er nicht über einen 16. Platz hinauskam. „Ich war darüber sehr enttäuscht und muss das schnell vergessen. Es bleibt mein Traum, den Goldenen Ball zu gewinnen.“

Hoeneß will bei 150 Millionen schwach werden

In München hat der Franzose die Menschen längst von sich überzeugen können. Beim FC Bayern hat er ein kleines Reich geschaffen, in dem er unumstritten regiert. Ribéry ist einer der Chefs auf dem Platz und für die Verantwortlichen des deutschen Rekordmeisters der Schlüssel zum Erfolg im Bemühen um internationalen Anschluss. Er gilt als unverkäuflich. Es war deshalb nur ein Witz, als Bayern-Manager Uli Hoeneß in dieser Woche auf Gerüchte an der Wechselbörse reagierte und sagte, bei einem Kaufangebot von 150 Millionen für Ribéry doch noch schwach zu werden. „Wir lassen uns nicht locken“, stellte Hoeneß klar.

Am liebsten würde er den bis 2011 datierten Vertrag mit dem Franzosen sofort verlängern und ein Zeichen setzen. Aber Ribéry ist sich seiner guten Position bewusst. Er ist nicht mehr nur der Instinktfußballer und Spaßvogel, sondern inzwischen eine echte Bayern-Diva. Erst brachte er zwei Landsleute (Torwart Frey und Mittelfeldspieler Toulalan) ins Spiel, die dem FC Bayern gut zu Gesicht stehen würden. Dann erweiterte er seine Gedankenspiele und spekulierte, welche anderen Klubs in Europa ihn noch interessieren könnten, um seinem Ziel des besten Spielers Europas vielleicht näher zu kommen. Zu einer möglichen Vertragsverlängerung sagte der Franzose: „Ich bin für alles offen.“ Damit sorgte er in München für Alarmbereitschaft - sind die Bayern nur Zwischenstation?

Ribéry besteht auf Sonderstatus

Der Klub setzt ganz darauf, dass sein Dribbelkönig die familiäre Atmosphäre in München zwangsweise braucht, um Hochleistung auf dem Platz zu zeigen - und nicht den kalten Verdrängungswettbewerb bei den Megaklubs in London, Mailand oder Madrid. Ob es für ihn nicht eine besondere Herausforderung wäre, die Riesen Europas mit dem deutschen Branchenführer herauszufordern? „Für einen Spieler zählen große Titel - ob mit Chelsea, Barcelona oder Bayern ist egal“, sagt Ribéry.

Das Boulevardblatt „Bild“ enthüllte gerade den angeblich ersten Streit zwischen ihm und Trainer Jürgen Klinsmann während des Trainingslagers in den Emiraten. Der Hochgeschwindigkeitsfußballer sei während einer Einheit gefoult worden, ohne dass Klinsmann den Spielzug unterbrochen habe - worauf Ribéry beleidigt das Feld verlassen habe. Klinsmann soll noch auf seinen Star eingeredet haben. Ohne Erfolg. Man weiß, dass der Mittelfeldstar genauso wie sein kongenialer Partner vorne im Angriff, Luca Toni, auf seinem Sonderstatus besteht und sein Umfeld dies auch spüren lässt.

Rentenvertrag bei Bayern?

Manager Hoeneß könnte das gewiss bestätigen, doch angesichts der Bedeutung Ribérys für Mannschaft und Verein beißt er sich zurzeit lieber auf die Zunge, als den Franzosen mit Maßregelungen herauszufordern. Auf Ribérys Crashtour mit dem Bus reagierten die Verantwortlichen des Vereins mit einem süßsauren Lächeln. Eine Geldstrafe wegen Undiszipliniertheit hätte es wohl erst gegeben, wenn er den Bus gegen die Mauer gelenkt hätte und einige seiner Kollegen jetzt mit Knochenbrüchen für die Rückrunde ausfallen würden.

Vor Weihnachten luden Hoeneß und der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge den Bayern-Star samt Ehefrau zu einem Abendessen ein. Vielleicht, um ihm einen Rentenvertrag in München schmackhaft zu machen. Im vergangenen Winter charterten die Bayern einen Privatjet, damit Ribéry in seiner Heimatstadt Boulogne-sur-Mer (Ärmelkanal) bei der Geburt seiner zweiten Tochter dabei sein konnte. Ein Fitnesstrainer der Münchner kam mit. Denn von Ribérys Form hängt die Mannschaft am meisten ab.

In England, Spanien oder Italien zögern die Beobachter

Für Klinsmann könnte sein effektivster und auffälligster Spieler allerdings zu einer echten Herausforderung werden, wenn dieser es mit seinem Individualismus übertreiben sollte. Der ehemalige Bundestrainer gilt als Verfechter des Teamgedankens, während der Franzose nach dem alten Starprinzip handelt und vor allem erst sich selbst sieht. Ottmar Hitzfeld hat erlebt, wie konsequent ignorant Ribéry reagieren kann, wenn ihm eine Anweisung des Trainers nicht passt. Als Klinsmanns Vorgänger ihn im Mittelfeld einmal statt auf der linken Lieblingsposition rechts aufgeboten hatte, verweigerte dieser die Arbeit auf dem Feld. Auf der anderen Seite sorgt erst Ribéry für Extraklasse. Weshalb also sollte man ihn in seinem Temperament beengen?

Nach seinem besten Fußballjahr stehen ihm nun die wichtigsten Monate seiner Karriere bevor, in denen er seine Klasse auf höchster Stufe unter Beweis stellen kann. Während er sich selbst schon in Reichweite von Weltstars wie Kaká, Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo sieht und in Fußball-Deutschland in den Himmel gehoben wird, zögern Beobachter in England, Spanien oder Italien mit ihrem abschließenden Qualitätsurteil. Noch verzaubert der Künstler sein Publikum eben nicht an der Mailänder Scala, sondern an der Münchner Staatsoper. Ribéry spielt seine allererste Saison in der Champions League, außerdem fehlt ihm bislang ein wichtiger Erfahrungswert - die maßgebliche Beteiligung an großen Siegen.

Ziehsohn Zidanes

Gleiches gilt für seinen Weg in der französischen Nationalmannschaft. Frankreichs Fußballheld Zinedine Zidane adelte ihn einst als „Juwel“ und begleitete das anfänglich schüchterne Talent mit der auffälligen Gesichtsnarbe - er hatte als Kleinkind einen Autounfall - während des Debüts bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wie einen Ziehsohn. Dort zählte Ribéry zu den angenehmen Überraschungen und füllte im Anschluss auf forsche Weise die Lücke, die der Übervater des französischen Fußballs nach seinem Rücktritt hinterlassen hatte. „Ich habe mich durchgesetzt und gehöre zu den wichtigsten Spielern“, sagte Ribéry vor der Europameisterschaft im vergangenen Jahr - doch Frankreich schied vorzeitig aus, er selbst verletzte sich schwer am Knöchel.

Das ist inzwischen verarbeitet. Der Dauerläufer ist einer der Chefs. Man spricht von Ribéry et les siens - Ribéry und die Seinen. Im Herbst gab er Nationaltrainer Domenech Rückendeckung, als dieser wegen dürftiger Ergebnisse vor dem Rauswurf stand. In den kommenden Wochen aber muss Ribéry zeigen, ob er für Fußball-Frankreich so wichtig sein kann wie sein Vorbild Zidane. Erst der Test gegen Argentinien, dann die WM-Qualifikation in Litauen - derzeit belegt die Elf des ehemaligen Weltmeisters in der Gruppe 7 einen riskanten dritten Platz.

Für viele deutsche Fußballfans und Experten ist er schon ein ganz Großer, dessen Name allein reichlich Phantasien auslöst. Dennoch wird von Interesse sein, wie weit Ribéry die selbstbewussten Bayern auf prägende Weise voranbringen kann in der europäischen Königsklasse. Das ist die Messlatte für echte Superstars.

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