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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bayern München Van Bommel im Eilverfahren nach Mailand

 ·  Ein Anruf aus Italien genügt, um den Bayern-Kapitän vom Abschied zu überzeugen. Der Niederländer ist dennoch stolz auf seine viereinhalb Jahre in München. In 18 Jahren als Profi wurde er zu einem der unangenehmsten Gegenspieler des Weltfußballs.

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Er war der einzige beim FC Bayern, der sich bis zum Ende weigerte, von Platz zwei zu reden. Selbst als es 16 Punkte Rückstand auf Borussia Dortmund waren. Am Samstag sagte Mark van Bommel: „Ich habe die Meisterschaft nie aufgegeben.“ Es war seine letzte öffentliche Äußerung als Kapitän des FC Bayern München. Nach einem Anruf aus Italien am Sonntagabend ging alles ganz schnell. Am Dienstag saß van Bommel noch kurz mit dem Bayern-Vorstand zusammen, trat dann vor die Presse, ging für ein paar Abschiedsworte zur Mannschaft - und war noch vor Ende der Mittagszeit auf der Reise zum AC Mailand. Für den könnte er schon an diesem Mittwoch im Pokal bei Sampdoria Genua spielen, statt mit den bisherigen Kollegen bei Alemannia Aachen. So rasch wie nun beim FC Bayern geht nicht mal auf der Gorch Fock ein Kapitän von Bord.

„Ein bisschen“ tue es weh, den Verein zu verlassen, nach viereinhalb Jahren, die ihn „stolz“ machten, so van Bommel: „Auf die gewonnenen Titel und darauf, hier als erster Ausländer Kapitän geworden zu sein.“ Der Wechsel sei „eine sportliche Entscheidung“. Ein lukratives Angebot aus Wolfsburg, mit einem Zweieinhalbjahresvertrag, reizte ihn nicht. Bei der kürzer laufenden Offerte des Weltklubs aus Mailand aber war es für den bald 34-jährigen Niederländer „nicht schwierig, in meiner Situation eine Entscheidung zu treffen“.

Van Gaal bleibt ungewohnt wortkarg

Diese Situation war so, dass van Bommel am Ende der Saison ohnehin keine Verlängerung bei den Bayern bekommen hätte. Der Rekordmeister hat lange Übung darin, einen sportlich nachlassenden Kapitän rechtzeitig abzuschieben, wie Stefan Effenberg 2002. Dennoch erklärte van Bommel, er habe „mit dem Verein überhaupt kein Problem“. Er lobte ausdrücklich sein „Superverhältnis“ mit Vorstands-Chef Rummenigge, auch das mit Sportdirektor Nerlinger und Präsident Hoeneß. Den Namen seines Landsmannes Louis van Gaal nannte er nicht.

Auch auf Nachfragen äußerte sich van Bommel nicht über den Trainer. Doch ist bekannt, dass das Verhältnis zwischen den beiden zuletzt bis zur Frostgrenze abgekühlt war, nachdem van Gaal ihm deutlich gemacht hatte, dass sein Satz aus der vorigen Saison - „mein Kapitän spielt immer“ - nicht mehr galt. Van Gaal blieb am Dienstag, als der Wechsel sich abzeichnete, ungewohnt wortkarg. Erstmals schien er, der sonst stets seine Meinung sagt, sich hinter dem vorgeschriebenen Dienstweg zu verschanzen: „Ich bin nur ein Teil dieses Vereins. Ich bin nicht der, der diese Entscheidung trifft.“ Das Verhältnis zu van Bommel sei „nicht belastet“, beteuerte der zuletzt von Hoeneß und Nerlinger attackierte Trainer. „Aber Spieler reden nach außen manchmal anders, das ist leider unsere Fußballwelt.“

Ein Meister der dosierten Aggression

Spielerisch kann der FC Bayern den Weggang verkraften. Man hat für das defensive Mittelfeld mit Schweinsteiger, Kroos, Timoschtschuk und Neuzugang Luiz Gustavo starke Optionen. Doch wirkte das Team in dieser Saison ungewohnt willensschwach, zeigte nach Rückschlägen oft kein Aufbäumen. Das nährte den Verdacht, dass van Gaals Team etwas von jener inneren Führung fehlt, wie sie van Bommel in vier guten Jahren in München durch Präsenz, Kampfgeist, Antriebskraft bot. So wie van Gaal vielen jungen Spielern Chancen gab, schob er ältere, die kantig und widerborstig auftraten, ab: Lucio, Toni, Demichelis, van Bommel. Nun ist keiner mehr übrig. Und die Frage ist, ob die spielstarken, aber nicht wie charismatische Anführer wirkenden Lahm und Schweinsteiger die Lücke füllen können.

Sie sind gewiss keine „Aggressivleader“, das Wort, das der frühere Trainer Otmar Hitzfeld für van Bommel prägte. In 18 Jahren als Profi wurde er zu einem der unangenehmsten Gegenspieler des Weltfußballs: ein Techniker des Tacklings mit Giftspritze, ein Meister der dosierten Aggression. Es ist überraschenderweise mit großer persönlicher Freundlichkeit, Humor und Offenheit gepaart, auch gegenüber Schiedsrichtern, die er gern mit witzigem Smalltalk für sich einnimmt. Das war eine gewinnende Kombination für seine Klubs, nicht nur den FC Bayern; auch mit dem PSV Eindhoven gewann er reichlich Titel, mit dem FC Barcelona sogar die Champions League 2006.

„Jede Mannschaft braucht einen Spieler wie mich“, sagte van Bommel vor einem Jahr. Der AC Mailand hat bereits mehrere solcher Spieler, wie Gennaro Gattuso oder Kevin-Prince Boateng. Doch nachdem sich zuletzt in Gattuso, Seedorf und Ambrosini drei Mittelfeldspieler verletzten, zusätzlich zu Spielmacher Andrea Pirlo, will der Tabellenführer der Serie A nichts dem Zufall überlassen. Eigentümer Silvio Berlusconi verlangt, als Ausgleich für persönliche und politische Niederlagen als Ministerpräsident, nach sieben Jahren endlich wieder einen Meistertitel. Zur Not mit dem alten van Bommel - während man beim FC Bayern vielleicht schon bald einen neuen van Bommel sucht.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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