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Bayern München Fußball ist nicht nur Mathematik

30.10.2008 ·  Mit dem 2:1 in Frankfurt hat sich der FC Bayern an die Bundesliga-Spitze herangepirscht. Die Zahlen stimmen wieder in München, doch noch muss Trainer Klinsmann einige Probleme beheben. Vor allem Stürmer Podolski bleibt ein Sorgenkind.

Von Tobias Rabe, Frankfurt
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Ginge es einzig und allein nach Zahlen und Tabellen, müsste Jürgen Klinsmann rundum glücklich oder - wie es der Bayern-Trainer wohl ausdrücken würde - „happy“ sein. Vier Pflichtspielsiege in Folge und innerhalb von fünf Tagen der Sprung von Rang elf der Bundesliga an die vierte Stelle (siehe: ) sind ein nicht zu leugnendes Zeugnis des Münchner Aufwärtstrends nach den Startschwierigkeiten im Spätsommer. Mittlerweile ist es draußen kalt geworden, doch der Meister scheint allmählich warmzulaufen.

Nach dem Kraftakt gegen Wolfsburg, als man ein 0:2 noch in einen 4:2-Sieg umwandelte (siehe: 4:2 gegen Wolfsburg - Blamage, Pfiffe - und dann Bayerns Befreiungsschlag ), zogen die Münchner auch am Mittwoch abend im Duell bei Eintracht Frankfurt das Pendel des Erfolgs nach dem 0:1 durch Martin Demichelis' Eigentor in der 55. Minute noch auf ihre Seite und gewannen durch Tore von Miroslav Klose (65.) und Franck Ribéry (70.) mit 2:1. „Die drei Punkte waren dringend notwendig, um uns nach oben zu orientieren“, rechnete Klinsmann vor - bei einer Niederlage wären die Bayern Zehnter.

Defensive ohne uneingeschränkte Sturmfestigkeit

Doch Fußball sei keine Mathematik, musste sich Klinsmanns Vorgänger Ottmar Hitzfeld einst von Karl-Heinz Rummenigge belehren lassen. Und so werden bei Nahaufnahme des FC Bayern einige Problemstellen sichtbar, die der Trainer in nicht allzu ferner Zukunft in den Griff bekommen sollte, um die traditionell hochgesteckten Ziele an der Säbener Straße im kommenden Mai zu erreichen. Für Frankfurt reichte es, aber die Konkurrenz an der Spitze mit Hoffenheim und Leverkusen schläft nicht, kann sich ohne englische Wochen aber öfter ausruhen.

Mit Klinsmanns Rückkehr zur Viererkette, auf die schon Hitzfeld erfolgreich setzte, als letzte Instanz vor Torwart Michael Rensing hat der frühere Bundestrainer seine Defensive zwar wieder stabilisieren können, 16 Gegentore nach zehn Spielen zeugen dennoch nicht von uneingeschränkter Sturmfestigkeit. Zum gleichen Zeitpunkt der meisterlichen Vorsaison waren lediglich vier gegnerische Erfolgserlebnisse notiert, nach dem 34. Spieltag wurde mit nur 21 Gegentoren ein neuer Bundesliga-Rekord in die Geschichtsbücher geschrieben.

Die bayerischen Problemzonen sind die Außenbahnen

Die auffällige Anfälligkeit im Defensivverbund alleine Kahn-Nachfolger Rensing anzukreiden, würde an den Ursachen vorbeizielen. Bei Demichelis' Schuss in die falsche Richtung war der 24 Jahre alte Schlussmann machtlos, ansonsten fiel er beim Gastspiel am Main nur durch übertriebenes Zeitspiel in den Schlussminuten negativ auf. Auch die Innenverteidigung um den Argentinier Demichelis und den Brasilianer Lucio sind nicht die Wurzel des augenblicklichen Bayern-Übels. Diese ist vielmehr auf den defensiven Außenbahnen zu suchen.

Einerseits sind die Probleme durch die Abgabe von Marcell Jansen im Sommerschlussverkauf nach Hamburg hausgemacht, andererseits durch Philipp Lahms Verletzung unglücklich. Wie gegen Wolfsburg in der zweiten Halbzeit, verteidigte Zé Roberto links. Der brasilianische Ballkünstler erfüllte seine Aufgabe gut und offensiv; fehlt so jedoch in der Kreativabteilung. Und Ribérys Qualität in allen Ehren - ein konsequenter Verteidiger in der Not ist der Franzose nicht, wie bei Frankfurts 1:0 erkennbar, als er Steinhöfers Flanke nicht verhinderte.

Van Bommel: „Wir noch nicht da, wo wir hingehören“

Solange Lahm verletzt ist, baut Klinsmann auf Zé Roberto: „Er ist keine Dauerlösung, aber derzeit die optimale.“ Die Position sei aber für Lahm „reserviert“. Auf der rechten Seite agierte in Frankfurt Massimo Oddo. Taktisch ist er als Italiener naturgemäß gut ausgebildet und schlägt ab und zu ansehnliche Flanken, doch immer wieder durchkreuzen eklatante Fehlpässe oder technische Ungenauigkeiten Oddos die bajuwarischen Ballstafetten. Christian Lell - in Frankfurt nicht eingesetzt - lieferte zuletzt aber auch kein besseres Bewerbungsschreiben.

Das Mittelfeld der Bayern macht die wenigsten Sorgen. Bastian Schweinsteiger, an dem italienische Vereine Interesse jüngst angemeldet haben, wie Manager Uli Hoeneß bestätigte, besticht durch Laufarbeit, technische Finessen und rückt oft in die Spielmacherrolle. Tim Borowski, nach längeren Bankzeiten zu Beginn, spielte in Frankfurt mit Übersicht, großem Aktionsradius und strich später die „Supermoral“ der Elf heraus. Kapitän Mark van Bommel, ebenfalls öfter Bankangestellter als erwartet, erledigte seine Aufgabe als Abräumer sogar fast foulfrei - und verbal angriffslustig: „Wir sind auf einem guten Weg, aber noch nicht da, wo wir hingehören.“

„Sehr bemüht“ - Podolski Zeugnis ist aber nicht positiv

Franck Ribéry wirbelt und trickst nach langer, fast drei Monate währender Verletzungspause fast schon wieder wie in alten Zeiten über den Rasen, auch wenn Klinsmann betont, dass „er noch nicht wieder bei 100 Prozent ist, sich aber aufopferungsvoll und mit unbändigem Willen reinschmeißt“. Doch nicht nur bei der kleinen, aber entscheidenden Körpertäuschung vor der geschickten Vorlage zu Kloses Ausgleich und beim selbst erzielten Siegtor wenig später bewies der Franzose selbst ohne im Leistungszenit zu stehen seinen äußerst kostbaren Wert.

In vorderster Front hat Miroslav Klose seine Torlosigkeit längst überwunden. Neben ihm durfte sich gegen Frankfurt Lukas Podolski, sein stürmischer Kollege aus der Nationalelf, vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw versuchen - und tauchte völlig ab. Bis auf eine vergebene Großchance zu Beginn war nichts vom Bayern-Stürmer Nummer drei zu sehen. Podolski gab Klinsmann kein Argument, das seinen Status ändern könnte, wenn Luca Toni fit ist. „Er hat sich sehr bemüht“, sagte der Trainer. Das klingt wie bei der Zeugnisausgabe - und ist nicht unbedingt uneingeschränkt positiv interpretierbar.

„Wir sind froh, auf allen Hochzeiten mittanzen zu dürfen“

Damit es nicht nur auf nationalem, sondern auch auf internationalem Terrain ein stürmischer wie erfolgreicher Herbst wird, muss Klinsmann noch diverse Schwachstellen stärken. Das sollte jemandem, der mit dem Credo, jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen zu wollen, nicht schwer fallen. Immerhin scheint er sich nach aller Experimentierfreude zur Rückkehr zum Hitzfeldschen 4-4-2-System durchgerungen zu haben. Auch der besten personellen Ausgestaltung des taktischen Korsetts ist Klinsmann nach anfänglichem Hang zur Extremrotation wohl nähergekommen.

Viel Zeit für Experimente bleibt dem einst als Reformer gepriesenen Trainer auch gar nicht. Am kommenden Samstag gastiert Arminia Bielefeld in München (15.30 Uhr / Live bei Premiere und im FAZ.NET-Liveticker), danach folgen im Dreitages-Rhythmus der Champions-League-Auftritt in Florenz und das schwere Gastspiel bei Schalke 04. „Wir sind froh, dass wir auf allen Hochzeiten mittanzen dürfen“, sagt Klinsmann. Doch er weiß nur zu gut: Am Ende, sprich am 34. Spieltag, zählt in der Liga nur eine Zahl, um den Trainer und die Seinen glücklich zu machen: die Eins.

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Jahrgang 1983, Sportredakteur.

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