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Bayern München Furchtbar langweilig – wie vor zwanzig Jahren

07.11.2009 ·  Der FC Bayern verlangt keinen Prozesstrainer, sondern einen Resultattrainer: Louis van Gaal helfen nur noch schnelle Siege, am besten schon gegen Schalke an diesem Samstag (15.30 Uhr). Aber es gibt Probleme, für die er nichts kann.

Von Christian Eichler, München
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Wäre man zufällig gerade eingeschlummert, was ja manchmal vorkommen kann in Fußball-Pressekonferenzen, und plötzlich wieder hochgeschreckt – dann wäre es bei Louis van Gaal schwer zu sagen, wie lange man weggenickt war. Nur ein paar Sekunden? Oder bis zum nächsten, zum übernächsten Spiel? Man würde von ihm in jedem Fall mit großer Wahrscheinlichkeit Sätze hören wie diese: „Wie ich schon gesagt habe...“, „Wir haben viele Chancen kreiert“, „Wir haben nicht viele Chancen weggegeben“, „Wir haben die Ordnung behalten“, „In so einem Spiel entscheiden Kleinigkeiten“, „Man muss ein Tor schießen“.

Und wenn man dann wieder den indifferenten Bayern-Fußball dieser Tage erlebt und die Worte des Trainers danach und abermals ins Träumen gerät – dann muss man sich vorkommen wie Bill Murray in diesem wunderbaren Hollywood-Film. Und täglich grüßt das Murmeltier, es ist ein Trainer.

Wie lange noch? Schon nach vier Monaten beim FC Bayern steht van Gaal in der Schusslinie. Nach dem 0:2 gegen Bordeaux wirkt der Besuch des FC Schalke 04 (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) mit dem früheren Bayern-Trainer Felix Magath wie eine Bedrohung. Der „Kicker“ fragt auf der Titelseite: „Ist schon Samstag Schluss?“ Das Blatt deutet an, dass der holländische Trainer beim deutschen Rekordmeister bereits die Unterstützung eines der beiden mächtigsten Männer, Karlheinz Rummenigge, verloren hat.

„Die Zukunft? Darüber dürfen andere Menschen entscheiden“

Eine Heimniederlage gegen Schalke kostete im April schon Jürgen Klinsmann den Job. In dieser Saison sollte um jeden Preis eine abermalige Trainer-Rotation vermieden werden. Zumal der Vorstand mit einer abermaligen Entlassung ein Eingeständnis seiner Fehler in der Personalpolitik abliefern müsste – nicht nur bei der Trainerwahl, auch bei Spielertransfers und Kaderstruktur. Doch die dürftigen Resultate und die spielerische Not zehren an der beim FC Bayern ohnehin stets knappen Geduld.

Sollte van Gaal tatsächlich schon im November gehen müssen, es wäre die früheste Entlassung an der Säbener Straße seit dem Bundesliga-Aufstieg 1965. Und mit dann vier Trainern im Kalenderjahr 2009 hätte der wichtigste Posten beim Vorzeigeklub des deutschen Fußballs eine Halbwertzeit erreicht, die unter der von italienischen Nachkriegsregierungen läge.

Louis van Gaal wahrt die Fassung. Er denke nicht über die Sicherheit seines Jobs nach, sagte er am Tag nach der Bordeaux-Niederlage. „Darüber dürfen andere Menschen entscheiden.“ Seine fachliche Kompetenz bestreitet niemand – als Systemtrainer, als Prozesstrainer, Begriffe, die er selber benutzte. Doch er hat sich bisher nicht als jemand gezeigt, der Lust und Lockerheit schaffen kann, der Köpfe freimacht, der Spielern Selbstvertrauen gibt.

„Unser Vorstand hat die Geduld - zumindest bis zur Winterpause“

Einer, der das konnte, Ottmar Hitzfeld, hat van Gaal nach dem Bordeaux-Spiel in seiner stets freundlichen Art giftig kritisiert. Er habe „Rasenschach“ gesehen, keinen Tempofußball. Auch er selber habe Rotation betrieben, „aber immer erst, wenn die Mannschaft Erfolg hatte“. Van Gaal dagegen hat bisher in keinem Saisonspiel dieselbe Aufstellung gewählt wie im vorherigen – zum Teil durch Verletzungen oder Sperren bedingt, oft aber auch ohne Not.

Tags darauf gab noch eine Bayern-Institution jene Art Kritik ab, die in täuschend freundlichem Tonfall daherkommt, aber vernichtend wirken kann: Das „Ballgeschiebe“ unter van Gaal sei „furchtbar langweilig“, sagte Franz Beckenbauer, man habe das „vor zwanzig Jahren so gemacht“. Und sprach noch so einen nur scheinbar harmlosen Satz: „Ich glaube, unser Vorstand hat die Geduld – zumindest bis zur Winterpause.“

Bayern verlangt keinen Prozess-, sondern einen Resultat-Trainer

Louis van Gaal helfen nur noch schnelle Siege. Dabei gibt es viele Probleme, für die er nichts kann: den Kader, in dem es zu viele Mitläufer gibt und zu wenige „Impulsspieler“, solche, die einem Spiel eine neue Richtung und Schlagzahl geben können; die spielerische Abhängigkeit von Franck Ribéry; die kurze, zerstückelte Vorbereitungszeit; die zähen Verletzungen ausgerechnet der wenigen Spieler, die nicht ersetzbar sind. Sein größtes Verdienst ist, dass er von Beginn an zwei Zwanzigjährigen, Müller und Badstuber, eine Chance gab, wovon der Klub langfristig profitieren wird.

Was man ihm ankreiden muss: Wie er die Mannschaft durch ständige System- und Personalwechsel verunsichert hat; wie wenig seine beiden Mitbringsel Pranjic und Braafheid zu bieten haben; wie sehr stattdessen der Wille und die Präsenz eines Lucio fehlen, den van Gaal gehen ließ; und wie er es versäumt hat, wenigstens einen seiner vielen Stürmer zum selbstbewussten Torjäger aufzubauen. Er demontierte das Selbstvertrauen von Mario Gomez, und weder Klose noch Toni konnten die wichtigen Tore beisteuern.

Vielleicht liegt das ganze Missverständnis schon in einem Begriff: „Prozesstrainer“. Als solcher verstand sich auch Klinsmann, wenngleich auf ganz andere Art. Klubführung und Publikum des FC Bayern aber waren von ihrem Selbstverständnis her noch nie bereit, Prozesse zu begleiten. So etwas geht in Freiburg, Hoffenheim oder auch Schalke, aber nicht in München. Dort will man keine Entwicklungen sehen, sondern deren Ergebnisse. Der FC Bayern verlangt keinen Prozess-Trainer, sondern einen Resultat-Trainer.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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