28.04.2010 · Bayern München erntet mit dem Einzug ins Champions-League-Finale die Früchte seiner Nachwuchsarbeit. Im Team von Trainer Louis van Gaal ist eine traumhafte Kettenreaktion erkennbar: Ein Spieler macht den anderen stark.
Von Christian Eichler, Lyon„Das war großes Kino“, fand Mark van Bommel. Für großes Kino muss alles stimmen. Nicht nur die Dynamik und Dramatik der Handlung, die den FC Bayern zum großen Showdown am 22. Mai nach Madrid führt. Auch die Seitenstränge des Drehbuchs, die Geschichten der vielen Haupt- und Nebendarsteller, die nötig sind, damit das Team zum Star wird.
Da war Arjen Robben, der es auf dem Platz immer am eiligsten hat und sich danach gern Zeit lässt. Fast alle Kollegen warteten schon im Bus vor dem Stade Gerland, dem Schauplatz des beeindruckenden 3:0-Erfolges gegen Olympique Lyon. Nur Robben rang noch nach Worten für das Gefühl des großen Abends. „Es ist ein Traum“, sagte er. „Ein Traum, so ins Bernabéu zurückzukehren“ – in den Fußballtempel, aus dem man ihn warf, weil Real Madrid ihn letzten Sommer nicht mehr wollte.
Real scheiterte im Achtelfinale ohne Robben an dem Gegner, den nun im Halbfinale der FC Bayern mit Robben zerlegt hat. Als kinoreife Pointe dürfen die Madrilenen im Finale noch einmal ihren Ausgemusterten bewundern – der in München zum neben Messi überragenden Spieler der Champions League geworden ist.
„Ein Spieler macht den anderen stark“
Da war Jörg Butt, der nicht viel hatte tun müssen und betonte, es gehe als Torwart „nicht immer darum, von links nach rechts zu fliegen“. Er beschrieb die „Kettenreaktion“ im Team: „Ein Spieler macht den anderen stark.“ Das ging hinten los, wo Trainer Louis van Gaal erfolgreich improvisierte, als er den angeschlagenen Innenverteidiger Daniel van Buyten und Martin Demichelis ein Jobsharing verordnete: der eine die erste Hälfte, der andere die zweite.
Butt hat eine Situation wie jetzt, das „Triple“ vor Augen, schon einmal erlebt, mit Bayer Leverkusen 2002, das dann in Meisterschaft, Pokal und Champions League dreimal Zweiter wurde. Er meidet den Vergleich: Es sei „ein anderer Verein, eine andere Mannschaft“. Aber nun wieder mit der dreifachen Titelchance in den Mai zu gehen, „so etwas zum zweiten Mal zu erleben ist sensationell“, schwärmte Butt mit einer Emotionalität, die für den norddeutschen Kaltblüter enorm ist.
Badstuber: Entschlossen wie ein alter Anführer
Da war Holger Badstuber, der noch vor einem Jahr in der Dritten Liga spielte, ebenso wie Thomas Müller, Diego Contento und David Alaba. „Es ist überragend, in der ersten Profisaison ein Champions-League-Finale zu spielen“, sagte Badstuber mit schüchterner Stimme. Dann aber klang er entschlossen wie ein alter Anführer: „Nun müssen wir die Ernte reinholen.“ Für Karlheinz Rummenigge, den Vorstandsvorsitzenden, tut der Klub das jetzt schon: die Ernte der Nachwuchsarbeit.
„Es wird ja oft behauptet, der FC Bayern sei ein Klub, der immer nur dank seiner finanziellen Lage über die Spielerqualität verfügt. Das ist ein Märchen, mit dem es heute Abend ein bisschen aufzuräumen gilt“, sagte er bei seiner Festrede, die einen völlig anderen Charakter hatte als die legendäre „Altherrenfußball“-Tirade, mit der Franz Beckenbauer das Team am selben Ort neun Jahre zuvor nach einer 0:3-Niederlage zusammengestaucht hatte (es gewann zweieinhalb Monate später die Champions League).
Die Geduld der Ersatzspieler
Mit Lahm, Schweinsteiger und den vier Neulingen hatte der FC Bayern in Lyon sechs selbst ausgebildete Spieler auf dem Platz. „Wir haben Spieler, die wir für teures Geld verpflichtet haben“, sagte Rummenigge. „Aber wir haben eben auch eine zweite Säule, auf die wir sehr stolz sind, das ist die Nachwuchsabteilung.“ Da war Hamit Altintop, der zugab, eine „frustrierende Zeit“ in dieser Saison erlebt zu haben. Es war ein Robben gekommen, der ihm die rechte Seite wegnahm. Er musste lange auf die Chance warten. Nun bekam er sie – auf der linken Seite, wo er zuletzt „vor vielen Jahren“ gespielt hatte.
Mit einer starken Partie lieferte er einen weiteren Beleg für das Geschick von Trainer Louis van Gaal, Spieler bei Bedarf auf fremde Positionen zu stellen. Die letzten Monate, so Altintop, „haben gezeigt, dass man alle Spieler braucht“. Die Geduld der Ersatzspieler ist eine Stärke des Kaders. „Auch die Spieler, die auf der Bank sitzen, machen gute Stimmung“, lobte Schweinsteiger. „Deswegen kommen wir so weit.“
„Fußball fast in Vollendung“
Und dann war da Anatoli Timoschtschuk, der eigentlich nicht da war. „Wir haben heute für ihn gespielt“, sagte Präsident Uli Hoeneß. „Er ist mit seiner Frau Nadeschda im Krankenhaus. Beide Kinder sind gefährdet. Die Fruchtblase ist im sechsten Monat geplatzt. Es ist eine dramatische Geschichte. Wir haben ihm und seiner Frau den Sieg gewidmet.“ Das passte zu Rummenigges Bild vom FC Bayern als „großer Familie“, die in den letzten Monaten „sehr eng zusammengerückt“ sei. Er schloss darin das in Lyon fehlende und auch für das Madrider Finale gesperrte Problemkind Franck Ribéry ein.
Schließlich waren da auch die Stimmungstöter, die man braucht, um nicht jetzt, sondern am Ende feiern zu können, aber dann richtig groß. „Fußball fast in Vollendung“ (Hoeneß), „unglaublich gut“ (Beckenbauer), „eine Saison, die historisch werden kann“ (Rummenigge) – den Arien der deutschen Chef-Tenöre stellten sich ein paar knurrige holländische Baritons entgegen. „Wir haben immer noch nichts gewonnen“, mahnte van Bommel. „Wir können noch alles verlieren“, betonte van Gaal. Und Robben fand, dass es nicht nur zwei Endspiele im Mai gebe, im DFB-Pokal und in der Champions League, sondern „vier Endspiele“. Das erste am Samstag gegen Bochum, das zweite bei Hertha.
Immer noch hat die deutsche Meisterschaft „höchste Priorität“. Bochum, Berlin, Bremen – dann erst Bernabéu. Großes Kino, weiß der Film- und Fußballkenner, braucht eine Handlung, in der die Höhepunkte zur richtigen Zeit gesetzt werden. Beim FC Bayern stimmt das Timing: erst Heimatfilm, dann Hollywood.
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |