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Bayern München Das hohe Gericht schweigt - wie lange noch?

11.04.2009 ·  Die entscheidende Frage wird im Hintergrund diskutiert: Lässt sich eher mit oder eher ohne Jürgen Klinsmann retten, was zu retten ist? Die Antwort darauf muss vor allem die Mannschaft geben. Sonst ist ihr Trainer in München Geschichte.

Von Peter Heß
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Am Freitag herrschte wieder Ruhe, der Sturm über Bayern war abgezogen. Stürmerstar Luca Toni erschien zur obligatorischen Pressekonferenz an der Säbener Straße, um über das Bundesligaspiel der Münchner am Samstag (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) gegen die Frankfurter Eintracht Auskunft zu geben. Davor hatte wie immer das Abschlusstraining stattgefunden, und auch die weiteren Vorbereitungen auf das Heimspiel liefen nach dem standardisierten Fahrplan.

Kein Mitglied der Klubführung meldete sich zu Wort, eigentlich auch nicht nötig vor einer Begegnung mit dem Zwölften der Tabelle (siehe auch: Die aktuelle Tabelle der Fußball-Bundesliga). Doch die Stille ist nicht deshalb eingetreten, weil die Partie gegen die Eintracht so alltäglich wäre. Im Gegenteil, München hält gespannt die Luft an: Wie wird Jürgen Klinsmanns drittes persönliches Endspiel in diesem Jahr wohl enden? Auch vor dem 1:0 gegen den Karlsruher SC im Oktober (siehe auch: ) und dem 5:1 über Hannover 96 Anfang März (siehe auch: ) hatte der Trainer auf der Kippe gestanden.

Doch diesmal stellt sich die Situation noch verschärfter dar. Es waren nicht gewöhnliche Niederlagen, die die Mannschaft und Klinsmann in Zugzwang versetzt haben, sondern Demontagen. Nach dem 1:5 in Wolfsburg (siehe auch: ) und dem 0:4 in Barcelona (siehe auch: ) besteht die Gefahr, dass die Bayern endgültig ihr Gesicht verlieren. Nachdem sie schon im DFB-Pokal gescheitert und in der Champions League de facto ausgeschieden sind, muss endlich in der Bundesliga der Sprung an die Spitze her.

Manager Uli Hoeneß, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und sogar Präsident Franz Beckenbauer schweigen seit Donnerstagmorgen, seit sie eine Nacht über das Desaster von Camp Nou geschlafen haben. Weder gaben sie Klinsmann Rückendeckung, noch dramatisierten sie die Situation durch Vorwürfe. Die Meinungsbildung ist noch nicht abgeschlossen, das hohe Gericht schwankt noch. „Wir müssen retten, was noch zu retten ist“, hatte Hoeneß in der schweren Nacht von Barcelona gefordert. Nur, fällt das den Bayern mit Klinsmann leichter oder ohne ihn? Und vor allem, wer sollte ihn ad hoc ersetzen?

Wie nötig ist es, einen Stimmungsaufheller zu verpflichten?

Die Lieblingslösung Ottmar Hitzfeld ist in der Schweiz unabkömmlich, die Alternative Armin Veh würde sich sicher nicht für einige Wochen verdingen, und ansonsten gibt der Markt einen Frank Rijkaard her, der aber nicht in wenigen Stunden verpflichtet sein dürfte. Ein Trainer, der fachlich entscheidend besser ist, wird auf die Schnelle nicht zu finden sein. Bleibt die Frage: Wie nötig ist es, einen Stimmungsaufheller zu verpflichten? Wie sehr würde die Mannschaft allein dadurch belebt, wenn Klinsmann weg wäre?

Bis vor der Wolfsburger Blamage war dies ein abwegiger Gedanke. Das Team wirkte auch in Niederlagen intakt und verstand es zwischendurch immer wieder mal zu begeistern - wie bei den Kantersiegen in der Champions League über Sporting Lissabon (siehe auch: und ). Außerdem würde eine vorzeitige Trennung von Klinsmann den FC Bayern sehr teuer zu stehen kommen. Am ersten Trainer hängt ein Rattenschwanz von Assistenten.

„Dieser Stolz ist heute Abend zum Teil mit Füßen getreten worden“

Diese komplizierte Gemengelage mag die Bayern-Führung bewogen haben, stillzuhalten, nachdem sie am Mittwoch zumindest ihre Emotionen offenbart hatte: Beckenbauer sprach von einer „Katastrophe“, der fürchterlichsten ersten Halbzeit, die er je vom FC Bayern gesehen habe. Hoeneß verglich die Spieler mit „Kaninchen vor der Schlange.“ Rummenigge hatte seine Bankettrede mit den Worten gewürzt: „Ich muss ehrlich sagen: Ich weiß nicht, was ich mehr bin: schockiert, traurig oder wütend über das, was wir heute Abend hier gesehen haben.“ Dann fügte er hinzu: „Wir sind ein stolzer Klub. Dieser Stolz ist heute Abend zum Teil - speziell in der ersten Halbzeit - mit Füßen getreten worden. Ich muss mich bei allen, die dem FC Bayern nahe stehen, entschuldigen.“ (siehe auch: )

Jürgen Klinsmann saß dabei zwei Stühle von Rummenigge entfernt und hörte zu. Es gelang ihm, einigermaßen die Contenance zu wahren. An Aufgabe oder Rückritt denke er nicht, betonte er. „Ich habe noch eine gewaltige Energie in mir, das Ding hier durchzuziehen. Der Spaß an meiner Arbeit ist mir in keinster Weise vergangen.“ Seine Erklärung für die desolate Leistung seiner Mannschaft: „Das Spiel hat gezeigt, dass wir Ausfälle wie die von Lucio, Miroslav Klose, Philipp Lahm oder Daniel van Buyten in keinster Weise kompensieren können. Die Angst war zu groß, wir mussten Notlösungen präsentieren. Es hat uns an Mut und Aggressivität gefehlt, um dieses Barça in Schach zu halten.“

„Das ist nicht richtig, wir sind alle verantwortlich für das, was passiert“

Klinsmann hatte sich unmittelbar nach dem Spiel die Frage gefallen lassen müssen, ob die Spieler noch auf ihn hörten. Seine Antwort: „Ich denke, dass ich die Mannschaft sehr wohl noch erreiche. Es ist normal, dass ein Trainer nach solchen Niederlagen Kritik einsteckt, aber ich bin ein Kämpfer, ich sage mir: Helm auf und durch.“ (siehe auch: ) Wenn die Bayern-Profis allerdings nicht so denken wie ihr Trainer, werden sie ihn ganz schnell los sein. Ob sie das wollen, wird an diesem Samstag gegen die Frankfurter Eintracht in der Allianz Arena zu sehen sein.

Luca Toni jedenfalls versprach schon einmal mitzumachen. „Wir müssen versuchen zu gewinnen: für den Trainer und die ganze Mannschaft. Wir sollten nicht mehr so viel sprechen, sondern Taten sprechen lassen.“ Der Stürmer nahm seinen Trainer Klinsmann in Schutz. „Der Trainer steht nicht auf dem Feld, er tut mir ein bisschen leid, weil alle die Schuld bei ihm suchen. Das ist nicht richtig, wir sind alle verantwortlich für das, was passiert.“ Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Wenn der zweite nicht erfolgt, ist der Trainer Klinsmann in München Geschichte.

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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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