Vielleicht ist es ganz gut für den FC Bayern München, dass die Saison schon in drei Wochen beendet ist, sonst würden womöglich noch die neuen Räumlichkeiten des Leistungszentrums zurückgebaut, die für die Abriegelung des Geländes zuständigen Beschäftigten des Ordnungsdienstes abbestellt, statt des Gourmetteams von Alfons Schuhbeck wieder unbekannte italienische Köche das Mittagessen zubereiten und die Spieler nach dem Training ihre großen Dienstwagen wie früher durch die Fans manövrieren müssen.
Es ist beim Rekordmeister auf den ersten Blick fast nichts mehr wie in der vergangenen Woche, es ist einiges nicht einmal mehr so, wie es in den vergangenen Jahren war. Das Verweilen auf dem Gelände zwischen zwei Trainingseinheiten ist unter dem neuen Fußballlehrer Jupp Heynckes nicht mehr Pflicht. Wer will, kann nach dem gemeinsamen Mittagessen davon düsen. Der alte Hausarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt kehrt an diesem Samstag beim Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach zurück auf die Bank. Er gehörte seit Anfang November nicht mehr zum medizinischen Betreuerstab der Bayern – offiziell aus Zeitgründen, inoffiziell, weil Heynckes’ Vorgänger Jürgen Klinsmann es so wollte. Die wohl größte Änderung ist, dass sich die Mannschaft beim Üben wieder regelmäßig zuschauen lässt. Sogar das Abschlusstraining am Freitag war öffentlich.
Aufbruchstimmung und Verdrängungsmechanismus
Diese Geste wirkte wie ein Andienen bei den Fans, die sich in den vergangenen Wochen im Stadion starkgemacht hatten für eine Ablösung von Klinsmann. „Das war eine Belastung für die Mannschaft und den ganzen Klub“, sagt der Münchner Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. Nun müssten alle zusammenstehen, „und dazu gehören vor allem auch die Fans“, erklärte er in der „Bild“- Zeitung. „Wir brauchen sie natürlich am Samstag erst recht, da müssen wir und da sollen sie so richtig loslegen.“ Die geheimen Trainingseinheiten seien der Wunsch von Jürgen Klinsmann gewesen, ließ er wissen und vergaß, dass auch schon unter Ottmar Hitzfeld und Felix Magath die Kiebitze draußen bleiben mussten, wenngleich nicht so oft wie in dieser Saison.
Die Aufbruchstimmung, die seit Dienstag beim FC Bayern herrscht, hat offenbar einen gewissen Verdrängungsmechanismus ausgelöst, sowohl im Umfeld als auch intern. Beobachter der ersten Trainingseinheiten wollen zum Beispiel festgestellt haben, dass unter Heynckes endlich wieder Fußball gespielt werde, fast so, als ob das in dieser Saison noch nie vorgekommen wäre und Klinsmann die Mannschaft nur mit Basketball und „Gummitwist“ vorbereitet hätte. Und selbst bei der Suche nach dem Trainer scheint der FC Bayern einen Rückwärtssalto zu üben und zu vergessen, was schon mal nicht geklappt hat. Laut „Kicker“ soll Louis van Gaal auf der Liste möglicher Kandidaten ganz oben stehen. Der 57 Jahre alte Niederländer ist zwar ein anerkannter Taktikfuchs, aber sehr schwierig im Umgang mit der Öffentlichkeit.
Feine Nadelstiche für den Gescheiterten
Die Spieler vermeiden es seit Dienstag zurückzuschauen. „Über Herrn Klinsmann möchte ich nicht sprechen. Wir schauen nur nach vorn“, sagte Hamit Altintop, neben Zé Roberto der einzige Bayern-Profi, der früher schon einmal unter Heynckes trainiert hatte. Der Mittelfeldspieler erfüllte damit brav den Wunsch der Verantwortlichen, „keine schmutzige Wäsche“ zu waschen.
Manchmal fällt es allerdings gar nicht so leicht, den früheren Trainer zu schonen. Denn ein Lob für die Gegenwart klingt fast zwangsläufig wie eine Kritik an der Vergangenheit. Es half nicht viel, dass Mark van Bommel keine Vergleiche ziehen wollte: „Das ist erstens nicht fair, und zweitens hat jeder Trainer seine eigene Philosophie.“ Denn fast jedes seiner Worte nach den ersten Trainingsstunden ohne Klinsmann waren feine Nadelstiche für den Gescheiterten: „Jupp Heynckes sagt klar, was er will und was er nicht will. Er korrigiert und stimuliert“, erzählte der Kapitän. „Man spürt, dass er sehr viel Erfahrung hat.“
Weiter Ärger um Ribéry
Die Mannschaft scheint sich tatsächlich gerade von den Klinsmannschen Reformfesseln zu befreien, aber ein paar alte Probleme kann auch der neue Trainer nicht lösen. Torwart Michael Rensing brach in dieser Woche sein Schweigen, redete zum ersten Mal nach seiner Degradierung wieder. Er wolle nicht beim FC Bayern bleiben, wenn der Verein einen neuen Schlussmann verpflichte, kündigte er an. Was allerdings auch kaum jemand von ihm erwartet.
Und Franck Ribéry, der sich in den vergangenen Monaten immer mehr zur Diva entwickelte, hat auch unter Heynckes nicht damit aufgehört, mit vermeintlichen Angeboten aus Spanien zu kokettieren. Der Franzose, der das Spiel gegen Mönchengladbach wegen seiner „Gelb-Rot-Sperre“ von der Tribüne aus verfolgen muss, referierte in diesen Tagen wieder einmal über seine Wechselabsichten. „Es wäre schwer für mich zu bleiben, wenn wir nicht unter die ersten zwei kommen“, sagte er in der französischen Sportzeitung „L’Équipe“. Einiges ist beim FC Bayern doch wie immer.