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Bastian Schweinsteiger Älter, als der Pass verrät

 ·  Auf einmal ist Bastian Schweinsteiger Mittelpunkt einer Diskussion, die ihn als Mann von gestern dastehen lässt. Ist das ungerecht? Oder ist das Ende der Generation 2006 gekommen? Nun äußert sich auch Löw.

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© dpa Mitten im Shitstorm: Bastian Schweinsteiger

Jupp Heynckes hatte seine Ausführungen auf der Pressekonferenz eigentlich schon been- det, alles war gesagt über das 2:0 in Wolfsburg. Aber nach einer kurzen Pause ergriff der Bayern-Trainer wieder das Wort, er wolle noch etwas „nachtragen“: Die Sache mit Bastian Schweinsteiger lag ihm am Herzen. Heynckes schwärmte von seinem defensiven Mittelfeldmann als dem „überragenden Spieler auf dem Platz“, er nannte ihn das „Hirn der Mannschaft“ und zählte dann Schweinsteigers Vorzüge des Tages auf. Er habe das Spiel angekurbelt, sei in die Spitze gegangen, habe Diagonalbälle gespielt und sei so laufstark gewesen, zwölf bis zwölfeinhalb Kilometer seien zusammengekommen. Zudem hatte Schweinsteiger den entscheidenden Treffer zum 1:0 vorbereitet, mit über hundert Kontakten war er so oft am Ball wie kein anderer Spieler. Aber vor allem: „Er ist ein wahnsinnig intelligenter Spieler.“

Das war am Freitagabend in Wolfsburg die letzte bayerische Reaktion auf eine Diskussion, die während der Woche wie ein Fußball-Shitstorm über München hinweggefegt war - und Schweinsteiger plötzlich wie ein Mann von gestern dastehen ließ. Einfach so.

Wie ist das möglich? Passiert war eigentlich nichts. Schweinsteiger war auf dem Platz kein Patzer unterlaufen, er hatte sich nicht verletzt und auch nicht im Ton vergriffen. Es hatte genügt, dass sich zwei ehemalige Nationalspieler, Olaf Thon und Günther Netzer, über ihn geäußert hatten; an jenem Tag, als die Bayern 4:0 gegen Schalke gewannen, Schweinsteiger ein ordentliches Spiel machte und sein fünftes Saisontor erzielte. Aber die beiden Experten sehen seine Zeit ablaufen, sie lobten den Dortmunder Ilkay Gündogan als den kommenden Mann im DFB-Team, weil er das deutsche Spiel schneller mache. Und Schweinsteiger wurde plötzlich in einem Atemzug mit Michael Ballack genannt. Das machte ihn zum Auslaufmodell.

Schweinsteiger versuchte in Wolfsburg die Diskussion über seine Rolle in der Nationalelf zu ignorieren. „Wir haben 18 Punkte Vorsprung. Ich habe auch meinen Anteil daran“, sagte der Anführer eines Teams, das die Liga beherrscht. „Man sollte nicht zu viel dazu sagen, die Leute sind es nicht wert.“ Die Frage jedoch, ob Schweinsteiger der richtige Mann für die WM 2014 ist, wird dennoch aus der deutschen Fußballwelt nicht mehr zu vertreiben sein. Der Bundestrainer hat es nun gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vermieden, so etwas wie eine Einsatzgarantie im defensiven Mittelfeld für einen Spieler abzugeben, auf den er noch bei der EM trotz erkennbarer Fitnessdefizite glaubte, keinesfalls verzichten zu können.

Kontrast zwischen Heynckes und Löw

„Bastian Schweinsteiger ist ein international sehr erfahrener Spieler mit großer Ausstrahlung und Präsenz auf dem Platz. Er hat überragende Fähigkeiten, kann ein Spiel lesen und den richtigen Takt vorgeben. Das zeigt er bei Bayern München, und das hat er oft genug in der Nationalmannschaft gezeigt. Ich gehe davon aus, dass er in den anstehenden wichtigen Qualifikationsspielen wieder zum Kreis der Nationalmannschaft gehören wird“, teilte Löw der F.A.S. mit. Aktuell gelte die volle Konzentration jedoch einzig und allein der WM-Qualifikation.

„Aber wir haben ja stets betont, dass wir mit Blick auf ein großes Turnier daran arbeiten müssen, jede Position doppelt und möglichst gleichwertig stark zu besetzen. Ich denke, das wird uns im defensiven Mittelfeld mit Spielern wie Schweinsteiger, Khedira, Gündogan, aber auch mit Lars und Sven Bender gelingen. Grundsätzlich sehe ich den Konkurrenzkampf als sehr förderlich an, wenn man große Ziele verfolgt.“ Man kann eine gewisse Nüchternheit feststellen, mit der Löw die Dinge betrachtet. Der Kontrast zum Lob, das Heynckes schon vor dem Spiel in Wolfsburg an Schweinsteiger verteilte, könnte dabei kaum größer sein.

„Der beste Mittelfeldspieler der Welt“

“Für mich ist Bastian Schweinsteiger ein großer Stratege. So wie ein Filmregisseur sein Drehbuch hat, hat Bastian Schweinsteiger seinen Matchplan“, sagte der Bayern-Trainer. „Mit Sergio Busquets ist Bastian Schweinsteiger der beste Mittelfeldspieler der Welt.“ Geändert aber haben die Komplimente aus München nichts. Die Diskussion um den Fußball-Regisseur mit dem Matchplan haben nach Gündogans frischem Auftritt über Nacht den Konkurrenzkampf in der Nationalelf belebt und verändert - Löw ist das nur recht.

Im Kern berührt die Schweinsteiger-Diskussion auch eine grundsätzliche Frage, mit der sich der Bundestrainer schon länger beschäftigt: Wie lange können Spieler, die in ihrer Karriere nur den Tempofußball der heutigen Zeit erlebt haben, auf höchstem Niveau überhaupt mithalten? Diese Frage betrifft nicht nur Schweinsteiger, sondern auch Kapitän Lahm, Podolski, Klose und Mertesacker - die letzten Vertreter der Generation 2006, die nun ihre dritte Teilnahme bei einer WM anstreben, Klose sogar schon die vierte. Zur WM 2014 steht der letzte Kampf der Helden des Sommermärchens auf dem Programm. Aber wer kommt an?

Nur Lahm hat keinen ernsthaften Gegenspieler

Mertesacker ist zwischenzeitlich schon bei der EM von der jüngeren Konkurrenz mit Hummels und Badstuber von seinem Stammplatz verdrängt worden. Aber der 28 Jahre alte Innenverteidiger vom FC Arsenal hat noch nicht aufgegeben, in den letzten vier Länderspielen stand er wieder in der Startformation. Klose kennt diese Situation mit Gomez ebenfalls, das Spiel ohne gelernten Stürmer in der Schlussphase in Paris kommt hinzu, während Marco Reus an Podolski vorbeizieht - nur Kapitän Lahm hat in all den Jahren seine Position bisher ohne ernsthaften Gegenspieler verteidigen müssen. Eine eindrucksvolle Leistung, aber nicht gerade eine leistungsfördernde Situation.

Besonders bei Schweinsteiger, Podolski, aber auch Lahm auf ihren laufintensiveren Positionen spitzt sich die Frage zu, wie man nach rund zehn Jahren im Hochgeschwindigkeitsfußball den Anschluss halten kann. Das Trio hat 2004 seine ersten Länderspiele bestritten, mit dem Tempofußball unter Klinsmann und Löw kamen ihre Karrieren in Schwung. Podolski hat es mit 27 Jahren auf 107 Einsätze gebracht, Schweinsteiger (28) auf 97, Lahm (29) auf 96. Rekordhalter Matthäus war bei seinem 100. Länderspiel schon 32 - ebenso wie Klose, der mit seinen nun 34 Jahren und seiner fast zwölfjährigen DFB-Karriere mit 126 Länderspielen ohnehin wie ein Monument dasteht. Das Spielalter der Symbolfiguren von 2006 - Schweini, Poldi und Lahm - ist somit weit höher, als es ihr biologisches Alter verrät. Die Löw-Frage bis zur WM 2014 lautet daher ganz spontihaft: Traut er überhaupt noch einem über 30?

„Die Tendenz geht in eine andere Richtung“

Die Problematik der Hochbelastung und die sich damit verschiebenden Grenzen der Leistungsfähigkeit sind dem Bundestrainer schon länger bewusst. Bereits wenige Monate nach der WM 2010 sagte er in einem Interview mit der F.A.Z. auf die Frage, ob das hohe Tempo, das der moderne Fußball verlange, nicht unweigerlich Karrierezeit koste: „Die WM hat gezeigt, dass Spieler wie Miroslav Klose und Arne Friedrich in der Lage sind, eine ganz hohe Qualität zu zeigen. Auch Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm haben das geschafft. Es wird immer Spieler geben, die das schaffen können. Aber die Tendenz zeigt in eine andere Richtung. Fünfzehn Jahre in der absoluten Weltspitze zu sein, das ist viel schwieriger als früher. Aber es geht auch nicht nur um die Bereitschaft, sondern um die vorhandene Kraft und Energie, dieses Niveau auch zu halten.“ Löw sprach schon da die mittlerweile seit achteinhalb Jahren „immens hohe Belastung der Nationalspieler“ mit nun schon sechs Turnieren an. Bei Turnieren müssten die Spieler schnell regenerieren können, dazu belaste ein Spielkalender, bei dem Erholungsphasen auch im Sommer oft fehlten. Man kann das auch ganz kurz zusammenfassen: Energie schlägt Erfahrung.

Heynckes sagte in Wolfsburg mit Blick auf Schweinsteiger: „Er spielt jetzt zehn Jahre Bundesliga beim FC Bayern, das ist normalerweise wie zwanzig Jahre bei einem anderen.“ Das war als großes Kompliment für einen großen Spieler gemeint. Aber es beschreibt auch ziemlich genau das Problem.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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