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Aue-Trainer Schmitt im Gespräch „Für Belustigung muss man ein bisschen fahren“

 ·  Erzgebirge Aue ist das Überraschungsteam der Zweiten Fußball-Bundesliga. Nach elf Spielen ist der Aufsteiger punktgleich mit Spitzenreiter Hertha BSC. Im FAZ.NET-Interview spricht Trainer Rico Schmitt über Geheimnisse des Erfolgs und Vorteile der Randlage.

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„Wir kommen aus der Tiefe, wir kommen aus dem Schacht - Wismut Aue, die neue Fußballmacht“ lautet der Lieblingsanfeuerungsruf der Fußballfans aus Aue. Lange war der Gesang, der noch aus DDR-Zeiten stammt, als der Klub dem Sportsystem der DDR gemäß und wegen der Zugehörigkeit zur Gewerkschaft für den Uranabbau „Wismut“ hieß, ein reiner Wunschtraum. In dieser Spielzeit ist der Klub aus Sachsen aber tatsächlich aus den Schacht-Tiefen aufgetaucht. Punktgleich mit dem Hauptstadtklub Hertha BSC Berlin ist Erzgebirge Aue derzeit Zweiter der Zweiten Bundesliga. Im FAZ.NET-Interview spricht der 42 Jahre alte Trainer Rico Schmitt vor dem Spiel beim Karlsruher SC an diesem Freitag (18.00 Uhr / FAZ.NET-2. Bundesliga-Liveticker) über die Geheimnisse des Erfolgs, seinen ungewöhnlichen Weg ins Trainergeschäft und die Vorteile der langweiligen Randlage der kleinsten deutschen Profifußballstadt.

Herr Schmitt, immer wieder wird über den Untergang des Ostfußballs lamentiert und der Niedergang stets mit den strukturellen und wirtschaftlichen Nachteilen begründet. Warum bricht nun Erzgebirge Aue aus diesem Muster aus? Ausgerechnet ein Klub, der aus der mit 17.500 Einwohnern kleinsten Profifußballstadt Deutschlands stammt - sofern man Hoffenheim als Teil des größeren Sinsheim ansieht?

In Aue wird seit langem einfach gute und seriöse Arbeit geleistet. Das war schon in früheren Jahren unter dem über acht Jahre hier arbeitenden Trainer Gerd Schädlich und der damaligen Vereinsführung mit Präsident Leonhardt so, das ist nach einem Strukturwandel 2009 mit der Stabübergabe an einen neuen Vorstand auch jetzt so. Erstaunlicher als unseren Aufschwung finde ich aber die Gesamttendenz im Osten.

Was ist diese Gesamttendenz?

Neben uns haben sich in den vergangenen Jahren vor allem Union Berlin und Energie Cottbus immer wieder behauptet. Also Klubs, die früher nicht zu den vom Staat geförderten Fußball-Hauptzentren gehörten. Dresden, Leipzig, Halle, Magdeburg oder Chemnitz hinken hingegen hinterher. Dass wir uns im Vergleich zu diesen Standorten so gut behaupten, ist eine großartige Leistung.

Kommt Ihnen derzeit zugute, dass viele Vereine der Zweiten Bundesliga finanziell in Nöten sind und deshalb die Unterschiede nicht so groß sind?

Das hilft uns sicherlich, weil eben die Arbeit auf dem Platz dadurch etwas wichtiger ist im Verhältnis zur Einkaufspolitik.

Da waren Sie nach dem Aufstieg aus der Dritten Liga im Sommer relativ bescheiden?

Wir wollten bewusst auf die Aufstiegsmannschaft bauen und das Team sinnvoll ergänzen mit erfahrenen Spielern wie Enrico Kern, Oliver Schröder oder Patrick Milchraum. Dazu macht es die finanzielle Gesamtsituation in der Zweiten Liga vielleicht etwas leichter, deutschen Talenten eine Chance zu geben.

Es fällt auf, dass sie relativ wenige Ausländer im Kader haben. Bei Ihrem Ostrivalen in Cottbus war man da ganz anderes wie beispielsweise eine Startelf ohne deutschen Spieler gewöhnt.

Wir haben auch ganz wichtige ausländische Spieler wie Kos, Curri, Braham oder Lachheb im Kader. Aber mir ist wichtig, dass jeder Spieler gut Deutsch spricht, weil ich mich mit ihnen unterhalten will und wir uns keinen Dolmetscher leisten können. Unser Hauptvorteil gegenüber vielen anderen Mannschaften in der Liga ist aber, dass wir eine gewachsene Struktur aus dem Aufstiegsjahr bewahrt haben. Wir haben gut 70 Prozent der Spieler gehalten, das macht den Geist unseres Teams aus.

So haben Sie jetzt 26 Punkte aus elf Spielen geholt. Kann das zum Durchmarsch in die Bundesliga führen entsprechend des Anfeuerungsrufs Ihrer Fans „Wir kommen aus der Tiefe, wir kommen aus dem Schacht - Wismut Aue, die neue Fußballmacht“ ?

Nein, kein bisschen. Teams wie Augsburg oder Bochum sind doch noch in der Findungsphase. Die und einige andere werden irgendwann auf jeden Fall vorbeimarschieren. Wir wollen einfach nur den Klassenerhalt schaffen.

Der ist aber bei 26 Punkten nach nur elf Spielen doch schon sicher, oder?

Wir haben die Klasse noch lange nicht gehalten, solange wir nicht mindestens 40 Punkte haben. Wenn sich bei uns ein Gefühl der Sicherheit breit machen sollte, dann haben wir schon direkt verloren und zum Beispiel am Freitagabend beim KSC quasi schon vor dem Anpfiff vier Dinger drin.

Jetzt kokettieren Sie ein wenig mit dem Image der bescheidenen Auer, oder?

Nein. Es ist wirklich so, dass nur der Tüchtige Glück hat. Wir waren wie viele andere in der Saisonvorbereitung sehr tüchtig. Wenn wir jetzt nicht mehr tüchtig sind, wird das aber sofort bestraft.

Über Sie erfährt man selbst bei längerer Recherche nicht allzu viel. Da findet man keine aufsehenerregende Spielerkarriere und auch nur wenig über ihre Trainerlaufbahn. Wie kamen Sie zum Trainerjob im Profifußball?

Mein Werdegang ist tatsächlich eher ungewöhnlich. Ich galt mal Ende der 80er Jahre als Talent beim FC Karl-Marx-Stadt, ich war auch Kapitän der DDR-Juniorennationalmannschaft. Aber ich habe den Sprung dann nicht geschafft, auch weil ich nach einem Kreuzbandriss nicht die besten Kontakte zu Ärzten und Physiotherapeuten hatte. Deshalb war für mich mit der Wende die Karriere schon zu Ende. Dann war erst mal Schluss mit Fußball.

Sie haben ganz aufgehört?

Ja. Ich wollte von Fußball nichts wissen, habe mich erst mal anders beruflich orientiert. Erst 1993 fing ich wieder an - ganz unten in der Kreisliga. Gemeinsam mit meinem Bruder konnte ich dann als Spielertrainer beim Altchemnitzer BSC was aufbauen. Wir haben vier Aufstiege hintereinander geschafft. Dadurch konnte ich mir einen Namen machen und zu Fortuna Chemnitz wechseln. Nebenher machte ich dann meine Trainerscheine. Nach meiner Entlassung in Chemnitz machte ich den Fußballlehrer und heuerte in Aue an, wo sie einen hauptamtlichen Fußballlehrer einstellen mussten fürs Leistungszentrum. Dann wurde ich Assistenz-Trainer und schließlich hat man mir 2009 das volle Vertrauen geschenkt.

Dann haben Sie direkt den Aufstieg in die Zweite Bundesliga geschafft. Wie haben Sie sich den nötigen Respekt beim späten Einstieg in den Profifußball verschafft?

Da hat mir sicher mein Lebensweg geholfen. Ich habe ja schließlich zwölf Jahre Trainer-Erfahrung auf dem Buckel und in dieser Zeit ganz andere Schwierigkeiten in unteren Klassen gemeistert. Das war für mich die beste Vorbereitung auf den Profibereich, wo einem ja vieles abgenommen wird.

Wo sind die Grenzen für einen Verein wie Erzgebirge Aue?

Für uns ist es ein Erfolg, dass wir uns jetzt seit vielen Jahren in unserer Region gegen Großklubs wie Dresden, Chemnitz oder Leipzig behaupten können. Das ist eine Riesenleistung. Da stößt bald Red Bull Leipzig mit viel Geld dazu. Aber wir haben auch unsere Vorteile gegenüber den großen Zentren.

Was sind diese Vorteile?

Hier bei uns ist das Medieninteresse überschaubar, das macht die Arbeit oftmals leichter. Und Aue und das Erzgebirge bietet den Spielern auch nicht allzu viel Ablenkung. Für kulturelle Belustigung muss man schon ein bisschen mit dem Auto fahren. Deshalb bleiben die Spieler dann doch eher mal zuhause und gehen früh ins Bett. Das hilft sicher, sich auf den Sport zu fokussieren.

Das Gespräch führte Daniel Meuren

Quelle: FAZ.NET
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