Im Jahr 2010 wurde Arjen Robben „Fußballer des Jahres“ in Deutschland. 2011 trägt er andere Titel. „Ego-Shooter“ zum Beispiel. Oder „Ich-AG“. Was die Wortspielkunst eben so hergibt für einen, der Spielkunst solistisch begreift. Besonders hintersinnig ist Robbens angeblicher Spottname „Aleinikow“, nach einem sowjetischen Kollegen der achtziger Jahre. Der hatte nichts mit dem Holländer gemein; aber einen Namen, in dem anklingt, was Robben beim FC Bayern inzwischen sein soll: allein.
Dabei haben sie ihn genau dafür ja mal geliebt in München - dafür, dass er das Team mit seinen Traumtoren zum Double und ins Champions-League-Finale schoss. Im Alleingang, sagte man. Heute werden ihm Alleingänge anders ausgelegt. Beim 4:1-Sieg gegen Bremen vor einer Woche schoss er während halbstündiger Einsatzzeit zwei Tore.
Eine tolle Bilanz, relativiert allerdings dadurch, dass es zwei Elfmeter waren - zwei, die eigentlich ein anderer schießen sollte. Die Entschlossenheit, mit der Robben zweimal Mario Gomez den Ball wegnahm, verriet, wie wichtig ihm das Erfolgserlebnis war nach der für ihn „schweren Zeit“ seiner Verletzung, die Trainer Jupp Heynckes sogar „Martyrium“ nennt. Aber er machte es sich damit nicht einfacher bei den Münchner Medien. Sie nannten ihn danach „Einzelgänger“.
Der FC Bayern hat sich unabhängig gemacht
Auch nicht einfacher bei den Kollegen. „Ich dachte, dass Mario den zweiten Elfmeter macht“, sagte Franck Ribéry. „Es wäre gut gewesen für ihn, sein Selbstvertrauen. Ich glaube, wir müssen ein bisschen an alle Spieler denken“. Nur an sich selber zu denken, genau das ist der alte Vorwurf an Robben. Im Januar führte das nach einem Sieg in Bremen zum Disput über einen nicht abgegebenen Ball, bei dem der Holländer gegen Thomas Müller handgreiflich wurde.
Heute sagt Müller brav, Robben sei „gut integriert“. Es sei nicht so, „dass er sich als Typ abkapselt“. Doch um das sagen zu können, musste Müller am letzten Samstag erst kräftig zupacken - indem er ihn dazu brachte, wenigstens nach dem zweiten Elfmeter nicht allein, sondern mit den Kollegen zu jubeln. „Jeder hat sich nach dem Tor für sich gefreut“, sagte Müller. „Ich wollte nur alle zusammenbringen.“ Jedes intakte Team, jede funktionierende Gruppe verträgt Außenseiter. Die interessante Frage ist, wie viel Anpassung der Rest der Gruppe vom ihnen verlangt - oder wie viel an individueller Leistung, um über verweigerte Anpassung hinwegzusehen.
Arjen Robbens Leistung war eine Saison lang sensationell, er hob das Team auf eine andere Stufe. In der zweiten Spielzeit litt er unter seinem halbjährigen Muskelriss, das Team tat es auch. Nun, im dritten Jahr, hat sich der FC Bayern erstmals von Robben unabhängig gemacht. Letzte Saison, als Dortmund davonzog, behauptete Klub-Chef Karlheinz Rummenigge: „Arjens Ausfall hat uns mindestens zehn Punkte gekostet.“ Nun hat niemand mehr solche Rechnungen aufgemacht.
Kaum glänzten die Bayern auch mal ohne Robben, stand er schon öffentlich im Abseits. Die Außenseiterrolle hat nichts damit zu tun, dass Robben ein unverträglicher oder arroganter Mensch wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Es hängt mit anderen Dingen zusammen. Damit, dass er kein Spaßvogel ist wie die beim Rest der Truppe beliebten Ribéry oder Müller. Damit, dass er als Familienvater, dessen Frau gerade das dritte Kind erwartet, auch nicht Junggesellen-Cliquen wie Schweinsteiger, Gomez oder Badstuber angehört.
Vor allem sind da aber die langen Ausfallzeiten, die vielen Verletzungen, die Robbens zugleich explosiven wie anfälligen Bewegungsapparat seit Beginn seiner Karriere begleiten. Schon beim FC Chelsea und bei Real Madrid konnte er nur rund 60 Prozent der Ligaspiele bestreiten. In München liegt die Quote nur noch bei 55 Prozent. Mehr als neun Monate, fast die Hälfte der Netto-Saisonzeit seit seiner Verpflichtung, hat Robben seinen Alltag nicht mit dem Team, sondern in der Parallelwelt der Ärzte, Physiotherapeuten und Reha-Trainer verbringen müssen. Dort ist es schwer, sich nicht als Außenseiter zu fühlen, weil man de facto einer ist.
Schließlich die Spielweise. Sie ist bei Robben wie bei keinem anderen Spieler der Bundesliga auf die Einzelaktion angelegt. Aus eins, zwei, drei gewonnenen Duellen wird ein Slalom, wird eine virtuose Solonummer, die das Publikum begeistert, aber nicht immer die Kollegen - weil sie dabei oft übersehen werden. Robben ist keiner, der Zweikämpfe sucht und Gegner auf sich zieht, um Freiraum für Kollegen zu schaffen und diese dann ins Spiel zu bringen. Er sucht lieber den eigenen Abschluss.
Integration kann ganz schnell funktionieren
So macht man sich unbeliebt bei Mitspielern. Und berechenbar bei Gegenspielern. Wenn Robben aber nicht an denen vorbeikommt, so wie an Marcel Schmelzer beim 0:1 gegen Dortmund im ersten Starteinsatz nach der Leistenoperation, dann wird er zum Hemmschuh fürs Team, weil er dessen Angriffe ins Leere laufen lässt. Dann murrt das Publikum, das von einem wie ihm auf Knopfdruck Weltklasse erwartet. Weil er für sein Spiel die gewonnene 1:1-Situation braucht und damit die volle Geschmeidigkeit seiner Muskulatur, wirkt der Unterschied zwischen fit und noch nicht ganz fit bei Robben so extrem - fast wie der zwischen Könner und Nichtskönner. Fit ist er eine Lust fürs Volk, nicht ganz fit eine Last fürs Team.
In dieser Woche war Robben fit - und schon wieder allein. Allein zu Haus musste er das Champions-League-Spiel bei Manchester City am Fernseher erleben. Dabei wäre die bedeutungslose Partie ideal gewesen für ihn, für die allmähliche, gefahrlose Wiedereingliederung ins Sozialgefüge des Teams. In einem vorwiegend aus Ersatzspielern zusammen gewürfelten Team hätte er ohne Murren von Kollegen seine Solo-Nummern probieren, seinem Ego Auslauf geben können - wäre da nicht die Grippe gewesen, die ihn zwang, daheim zu sitzen und Antibiotika zu schlucken. Um die Grippe wieder loszuwerden für das Spiel beim VfB Stuttgart an diesem Sonntag (17.30 Uhr / Live im F.A.Z.-Liveticker).
Im Rückblick - falls er demnächst wieder ein paar Mal am Stück wie der alte Robben gespielt hat - werden ihm die aufgeblasenen Probleme rund um den „Ego-Shooter“ wohl eher unbedeutend erscheinen. Integration kann ja ganz schnell funktionieren im Fußball, weil er seine sozialen Fragen ganz praktisch am Arbeitsplatz löst. Und irgendwie sprechen ja alle Fußballer, ob Sozialmensch oder Eigenbrötler, dieselbe Sprache. „Arjen ist ein Torjäger, ein Weltklassejunge. Er will bei jeder Gelegenheit treffen“, sagte Ribéry in einem Interview. „Das kann zu Streit führen. Aber wir lösen das auf dem Spielfeld.“
Robben ein Problemfall?
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 11.12.2011, 14:04 Uhr