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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Arbeitsprotokoll Roman Neustädter Der antrittsschwache Handlungsschnelle

 ·  Roman Neustädter kennt Grund und Boden bestens, auf dem er mit Schalke 04 bei Mainz 05 gespielt hat. Beim 2:2 zeigt er aber auch seine spielerischen Qualitäten – und ein kleines Schnelligkeitsdefizit. Wir haben 90 Minuten hingeschaut.

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© dpa Neustädter ist nur rund 500 Meter entfernt am Rande der Äcker, auf denen das neue Mainzer Stadion erbaut wurde, aufgewachsen

Den Grund und Boden, auf dem Schalke 04 beim 2:2-Unentschieden bei Mainz 05 anzutreten hatte, kennt Roman Neustädter besser als jeder andere Spieler auf dem Feld. Neustädter ist schließlich nur rund 500 Meter entfernt am Rande der Äcker aufgewachsen, auf denen das neue Mainzer Stadion erbaut wurde. Damals, als Neustädter bei Mainz 05 von der F-Jugend bis zur ersten Mannschaft alle Teams des Klubs durchlaufen hatte, war das Gelände freilich noch lange kein fußballerisches Bauerwartungsland, sondern eine ganz klassisch zum Kartoffelanbau genutzte Fläche, auf der die Familie Neustädter – Vater Peter spielte von 1994 bis 2003 für Mainz 05 und trainierte anschließend die zweite Mannschaft – den ein oder anderen Wochenendspaziergang unternommen hatte.

Gegen Mainz 05 hofft der über die Zwischenstation Mönchengladbach in Gelsenkirchen gelandete Mittelfeldspieler nun mit Schalke 04, dass an diesem Ort nun wenigstens wieder ein zartes Pflänzchen der Zuversicht wachsen möge nach den vielen sportlichen Rückschlägen für „Königsblau“ in den vergangenen Wochen.

Die Mainzer haben hingegen etwas dagegen und nehmen erst einmal alle verfügbaren Arbeitsgeräte in die Hand, die zum Zerstören des zarten Pflänzchens benötigt werden: Im eigenen Ballbesitz rollen sie oftmals mit der Beharrlichkeit eines Mähdreschers aufs Schalker Tor zu, nach jedem Ballverlust attackieren die Rheinhessen ihre Gegner mit ihrem aggressiven Gegenpressing sensengleich bei nahezu jedem Ballkontakt.

Neustädters Schnelligkeitsdefizit

Das bekommt auch Roman Neustädter nicht sonderlich gut. Immer wieder wirkt er im Zusammenspiel mit seinen Defensivkollegen auf halblinks überfordert gegen den Mainzer Tempofußball, in der 20. Minute kann er einen gefährlichen Konter beispielsweise nur mit einem Foul gegen Andreas Ivanschitz bremsen. Nahezu zwangsläufig trifft Ivanschitz sieben Minuten später nach herausragender Vorarbeit des Flügelflitzers Nicolai Müller zur Mainzer Führung.

Neustädter ist direkt beteiligt an der Entstehungsgeschichte. Mit etwas besserem Antizipationsvermögen und einem schnelleren Antritt hätte er den zuvor Bastos und Fuchs jeweils im „1 gegen 1“ erfolgreichen Tempodribbler Müller womöglich an der Hereingabe hindern können. Genau wegen dieser Defizite an Schnelligkeit haben die Mainzer 2009 ihr Eigengewächs nach Mönchengladbach etwas zu leichtfertig ziehen lassen – was Manager Christian Heidel im Nachhinein aufgrund von Neustädters Entwicklung sicher bereuen dürfte.

Stärken als Stratege

Während Neustädter in der Defensive wie des öfteren in den vergangenen Wochen der Schalker Krise weiter seine Schwierigkeiten hat, zeigt er nämlich im Aufbauspiel immer öfter seine strategische Begabung: In der 37. Minute steckt er beispielsweise mit bemerkenswerter Handlungsschnelligkeit und perfekter Technik einen Ball in die Schnittstelle auf Julian Draxler durch, der von der Mainzer Hintermannschaft nur mit Mühe am Torschuss gehindert werden kann.

Diese Zuspiele sind es, die einen „Sechser“ wie Neustädter im modernen Fußball zum begehrten „Quarterback“ und immerhin schon einmal für die DFB-Auswahl nominierten Nationalspieler machen. Diese Position verlangt auch die Fähigkeit zum öffnenden Pass aus der hintersten Reihe auf die Außen. Diese Qualität weist Neustädter kurz vor der Pause nach, als er einen Flugball auf Höger so genau spielt, dass der Außenverteidiger den Ball bei nahezu vollem Tempo mitnehmen kann.

In Halbzeit zwei wird es für Neustädter etwas einfacher durch eine leicht veränderte Aufgabenstellung: Jermaine Jones, im Antritt deutlich dynamischer als sein Kollege in der Doppel-Sechs, nimmt sich nun vermehrt dem wieselflinken Nicolai Müller und dessen Tempoläufen mit Ball an, wodurch Neustädter die demütigenden Niederlagen in Laufduellen erspart bleiben.

Entscheidender Passgeber

Dafür hat er nun die Luft für manch gefährlichen Pass in die Spitze: In der 71. Minute profitiert er einmal mehr von seiner Übersicht. Einen Fehlpass von Bo Svensson, mit dem Neustädter einst noch zusammengespielt hatte, lässt er direkt in den Lauf von Farfan prallen, der von der Mitttellinie aus allein aufs Mainzer Tor stürmen kann. Der in den Vortagen von einem grippalen Infekt geschwächte Peruaner verstolpert indes.

Neustädters Statistik wird derweil immer besser: Am Ende stehen für den lauffreudigsten Schalker 11,89 Kilometer und somit ein paar Meter mehr als bei seinem Pendant Jones zu Buche.  Aber die Unterschiede zwischen den beiden werden durch andere Werte belegt: Jones ist bei den Sprints (21), den längeren Läufen (72) und auch bei den Zweikämpfen (14) jeweils ganz vorne in der Schalke Rangliste, Neustädter (14/54/10) reiht sich jeweils mit deutlichem Abstand im Mittelfeld ein. Während sich Jones also seine 55 Ballkontakte eher mühsam erkämpfen und erlaufen muss, bekommt Neustädter das Spielgerät meist in einer Lauerstellung im Zentrum des Spielfelds zugespielt. Mit 66 Ballkontakten ist er hinter Linksverteidiger Christian Fuchs der am meisten beschäftigte Akteur.

Diese „Ehre“ wird ihm zuteil, da der Ball beim technisch sehr gut ausgebildeten und auch deshalb am Ball extrem ruhigen Neustädter gut aufgehoben ist. Dank seiner klugen Übersicht findet er fast immer wieder den eigenen Mann. Nur neun Fehlpässe stehen den 37 gelungenen Zuspielen gegenüber, obwohl Neustädter nur ganz selten den sicheren Quer- oder gar Rückpass sucht. So auch in der 82. Minute: Er steckt den Ball wieder einmal handlungsschnell zu Farfan durch, über Debütant Maximilian Meyer kommt Bastos in Schussposition und nutzt die Gelegenheit zu seinem zweiten Treffer, der Schalke Ausgleich und Punktgewinn beschert.

Trikottausch als Herzensangelegenheit

Neustädter holt sich in der Schlussphase noch eine Gelbe Karte ab, als er im Laufduell mit Ivanschitz wieder einmal den entscheidenden Tick zu langsam und zum Foul gezwungen ist. Kurz vor Schluss wagt er dann noch einen Torschuss, der allerdings geblockt wird. „Ein Siegtreffer wäre aber auch des Guten zu viel gewesen“, sagt Neustädter später fair und überlegt. „Mainz hätte den Sieg sicher mehr verdient gehabt, aber wir haben Moral gezeigt.“

Und so bleibt nur noch eine Herzensanglegenheit nach dem Schlusspfiff: Neustädter geht zu seinem ehemaligen Mainzer Teamkameraden und heutigen Gegenspieler Elkin Soto und tauscht mit dem Kolumbianer die Trikots. „Elkin ist ein Super-Spieler, von dem ich mir viel abschauen konnte“, sagt er. Vermutlich war es vor allem die Handlungsschnelligkeit seines Lehrmeisters, die Neustädter heute trotz Antrittsschwäche zu einem begehrten Spieler macht.

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Jahrgang 1973, Sportredakteur.

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