Nicolai Müller hat im engen Umfeld der Mannschaft von Mainz 05 einen schönen Spitznamen. „Heimspiel-Müller“ nennen sie den 25 Jahre alten Offensivspieler. So heißt Müller, weil er seit seinem Dienstantritt in Mainz alle seine Tore im Stadion der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt erzielte, seine besten Leistungen zeigte und auch den Großteil seiner Torvorlagen leistete.
Am Samstag beim 3:1-Sieg seines Teams gegen den VfB Stuttgart untermauerte er seinen Ruf mit seinem ersten Doppelpack in der Bundesliga. Müller sicherte mit seinen Treffern drei und vier der laufenden Spielzeit einen hochverdienten, aber dennoch nach dem Stuttgarter Führungstreffer durch - den übrigens ganz gegensätzlich in dieser Spielzeit nur auswärts erfolgreichen - Martin Harnik (48.) auch zwischenzeitlich gefährdeten Heimsieg vor 31.000 Zuschauern, der den Mainzern die Punkte 24 bis 26 und somit eine Weihnachtspause auf Rang sechs bescherte.
„Der Sieg ist besonders schön, weil die Tabelle jetzt auch in der Winterpause gut aussieht“, sagte der Mann des Tages nach dem Spiel. „In den vergangenen Wochen sind wir ja wegen der knappen Tabellenabstände immer mal von weit oben bis auf Platz zwölf gestürzt, Platz sechs gibt jetzt unsere Leistung in der Hinserie gut wieder.“
Auswärts mit Schwächen
Und die tabellarischen Schwankungen, die die Mainzer nun wieder ins obere Tabellendrittel beförderten, geben zugleich auch die Formkurve Müllers wieder. Denn Mainz 05 hat sechs seiner acht Hinrundensiege errungen, wenn Müller mit einem Tor oder einer Vorlage maßgeblich dazu beitrug, lediglich beim 2:0-Auswärtssieg in Wolfsburg stand er gar nicht auf dem Feld.
Während er im eigenen Stadion in allen acht Partien in der Startelf stand, kam er in der Fremde oftmals höchstens als Einwechselspieler zum Einsatz oder musste so traurige Erfahrungen sammeln wie vor einigen Wochen in Bremen, wo er nach 39 Minuten von seinem Trainer Thomas Tuchel vorzeitig vom Feld genommen wurde, „weil die Körpersprache nicht in Ordnung war“.
Müllers Probleme bei den Auswärtsauftritten seines Teams hängen freilich vor allem auch mit der im Vergleich zu den Heimspielen meist anderen Grundordnung zusammen. In den Stadien zwischen München und Hamburg agieren die Rheinhessen meist mit einer Mittelfeldraute und zwei Sturmspitzen.
Für Müller bietet dieses System nicht die Lieblingsposition auf der Außenbahn, die er als rechtes Glied der Dreier-Sturmreihe der 4-2-3-1-Grundordnung einnimmt, die die Mainzer im eigenen Stadion bevorzugen. Dort ist Müller nicht aus der Mannschaft wegzudenken, weil er „verinnerlicht hat, was für einen Fußball wir spielen wollen“, wie Tuchel es sagt.
Fleißiger Arbeiter
Gegen den VfB Stuttgart wirkt sich das derart aus, dass sich Nicolai Müller erst einmal vor allem auch im Defensivspiel einbringt. Dafür muss er seine Außenlinie immer wieder weit hinter sich lassen, wenn der VfB Stuttgart sein Spiel über die rechte Seite aufbaut. Dann arbeitet Müller nur 15 bis 20 Meter von der linken Außenlinie entfernt am Pressing mit. Sobald die Mainzer den Ball erobern, muss der nur 1,73 Meter kleine Flügelmann sofort den Turbo anschalten und den freien Raum suchen.
In seinen Angriffsaktionen ist Müller freilich zunächst noch glücklos. Der Mainzer Angriffswirbel, der zu Chancen fast im Minutentakt führt, läuft zunächst meist über die andere Spielfeldseite, weil Spielmacher Andreas Ivanschitz mit seinem linken Fuß eine Tendenz zum Abspiel auf Linksaußen hat. Zudem soll Müller offenkundig immer wieder ins Zentrum sprinten, um auf der Außenbahn für den nachrückenden Rechtsverteidiger Zdenek Pospech Räume zu schaffen.
Auch wegen dieser Läufe stehen am Ende 12,2 Kilometer und die zweitbeste Laufleistung im enorm fleißigen Mainzer Team zu Buche. Mit 17 Zweikämpfen gewinnt Müller die meisten direkten Duelle, allerdings handelt er sich unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff durch ein Foul an Artur Boka eine unnötige Gelbe Karte ein. Den Ball berührt Müller derweil nur unterdurchschnittliche 58 Mal.
Zweimal davon aber eben dort, wo es im Fußball am wertvollsten ist: Im Strafraum. In Minute 55 leitet er zunächst den Angriff mit einem Zauberpass auf Pospech ein, dessen Rückpass nutzt Müller per Direktschuss zum Ausgleich. In der 71. Minute sorgt er dann gewissermaßen selbst für die Torvorlage, weil er nach einer Kopfballverlängerung von Szalai den Ball über den VfB-Schlussmann Ulreich lupft, ehe er den Ball per Kopf über die Torlinie befördert. Müllers erster Bundesliga-Doppelpack ist perfekt. Während er seinem Team den Sieg gibt, beweist Müller zwischendurch einmal bemerkenswerte Nehmerqualitäten. Nach 62 Minuten wird er nach einem Befreiungsschlag von Boka aus kurzer Entfernung heftig am Kopf getroffen. Müller schüttelt sich kurz und macht weiter.
Mainzer Weiterentwicklung
Der Mann des Tages taugt derweil auch als Indikator für die Entwicklung seines Teams in der laufenden Saison. Mainz 05 war - auch aufgrund der nach wie vor vergleichbar bescheidenen finanziellen Mittel - ohne prominenten Neuzugang in die Spielzeit gegangen, weil der Klub auf die Weiterentwicklung eines eingespielten Teams sowie einzelner Akteure vertraute. Gerade bei dem gebürtigen Franken, der in der Jugend und im Profikader von Greuther Fürth das Fußballspielen gelernt hat, hofften die Mainzer auf eine erhebliche Steigerung, nachdem er in seinem ersten Bundesligajahr 2011/12 noch Schwierigkeiten bei der Umgewöhnung von Zweiter Liga auf Erstklassigkeit offenbarte.
Der Sieg gegen Stuttgart diente nun einmal mehr als Beleg, dass die Hoffnungen nach einem durchwachsenen Saisonstart erfüllt wurden. Als Ensemble haben sich die Mainzer derart fortentwickelt, dass sie in fast jedem der 17 Hinrundenspiele realistische Chancen auf Punktgewinne oder gar Siege hatten. Nicolai Müller spielte dabei in der Hinserie eine extrem wichtige Rolle, da er nach der Meniskusverletzung von Maxim Chupo-Moting zu Beginn der Saison der einzige Mainzer Tempodribbler für die Außenbahn war, der in guter Form agierte – zumindest im eigenen Stadion. Der nächste logische Entwicklungsschritt, der womöglich auch seinem Team den Weg weisen könnte, wäre nun die Wandlung vom „Heim-Müller“ zum „Heim-Auswärts-Müller“.