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Arbeitsprotokoll Bo Svensson Auch ohne Bikini gut

Bo Svensson misstraut Statistiken. Dennoch zeigt der Däne eine gute Leistung, die man bei einem Innenverteidiger besonders beim Taktikduell zwischen Mainz 05 und SC Freiburg nur bei genauem Hinschauen feststellen kann. Wir haben das 90 Minuten getan.

© dapd Vergrößern Mit Auge und ohne Bikini: Bo Svensson ist Aberharbeiter bei Mainz 05

Bo Svensson hat in dieser Woche im Interview einige interessante Sätze gesagt. Zum einen wunderte er sich im Scherz, weshalb die Bayern sich nicht für ihn, aber für seinen in der Mainzer Innenverteidigerhierarchie derzeit hinter ihm rangierenden Mannschaftskollegen Jan Kirchhof interessieren. Zum anderen zitierte der 33 Jahre alte Routinier einen legendären Satz eines Politikers aus seiner dänischem Heimat: „Statistik ist wie ein Bikini: Sie zeigt viel, versteckt aber das Wichtigste.“ Die Aussage war Anlass genug, beim 0:0 von Svensson und seinen Mainzern gegen den SC Freiburg mal genauer hinzuschauen.

Der Abwehrspieler, der in dieser Spielzeit ein herausragendes Comeback nach einer neunmonatigen Verletzungspause nach einem Kreuzbandriss hinlegt und im Ranking des Fachblatts „Kicker“ einen beachtlichen neunten Platz unter den Innenverteidigern der Bundesliga einnimmt, lief bei 9,86 Kilometern so wenig wie kein anderer über 90 Minuten eingesetzter Mainzer Feldspieler. Auch bei den Läufen war er am zurückhaltendsten, Torschuss und Flanke fehlen ebenfalls gänzlich. All diese Werte sind freilich nicht außergewöhnlich für einen Innenverteidiger.

Dank gutem Stellungsspiel muss Svensson bemerkenswert selten in Zweikämpfe, von seinen 15 Duellen gewann er akzeptable neun. Bei den Ballkontakten lag er mit 61 Berührungen des Spielgeräts in der Spitzengruppe, die hohe Zahl an erfolgreichen Pässen (40) bei acht Fehlpässen führen zu einer guten Quote erfolgreicher Pässe (83 Prozent). Mit 27,1 Stundenkilometern Spitzengeschwindigkeit hängte er auf dem Feld lediglich die Torhüter beider Teams ab.

159715910 © AFP Vergrößern Sein Element: Der Mainzer Innenverteidiger Bo Svensson klärt gegen Freiburgs Max Kruse

Aber wie gesagt: Ein Bikini versteckt das Wichtigste. Beim Lüften des knappen Textils erkennen wir, dass Svensson immer wieder versuchte, die Mainzer „Sechser“, Julian Baumgartlinger und Eugen Polanski, in Szene zu setzen und somit das Mainzer Aufbauspiel in die Gänge zu bringen. Der klassische erste Pass aus der Abwehr heraus ist die eigentliche kreative Aufgabe von Svensson. Gegen die kompakten Freiburger machte das freilich nicht allzu viel Spaß: Entweder war Svensson schon vor dem Anspiel auf ihn selbst zugestellt von Max Kruse, oder Svensson sah bei Ballbesitz meist schon im Rücken seiner Spielpartner die Bedrohung durch die im Trio lauernden Gegner erahnen kann.

So griff auch der Innenverteidiger zum eigentlich wenig geliebten Mittel des langen Balles. Dies vor allem nach zwei eher unglücklichen Aktionen in der 26. und 29. Minute. Zunächst ließ Svensson nach einer flachen Hereingabe von Jonathan Schmid Guedé zum Abschlusss kommen, dann unterlief ihm gar reiner seiner seltenen Fehlpässe im Spielaufbau, als er dem Gegner ohne jede Bedrängnis den Ball in die Füße spielte. „Solche Aktionen hatten keine Folgen, haben uns aber die Sicherheit und Überzeugung im eigenen Spiel etwas genommen“, analysierte sein Trainer Thomas Tuchel später.

Souverän in der Defensive

Die Defensivaufgaben erledigte Svensson derweil abgeklärt: Nach kaum zehn Sekunden Spielzeit musste er schon sein erstes Duell mit dem flinken und starken Max Kruse bestehen. Svensson rückte in dieser, wie in vielen anderen Situationen immer wieder aufmerksam aus der Viererkette heraus, um Freiburger Aktionen vornehmlich durch Kruse schon im Ansatz an der Mittellinie zu unterbinden.

Nach neun Minuten begegneten sich die beiden wieder: Kruse, deutlich schneller im Antritt als Svensson, kam mit Tempo auf den Dänen zu, der Verteidiger hatte jedoch das gute Auge eines Routiniers, mit dem er das Geschwindisgkeitsdefizit ausglich. Sicher grätschte er den Ball zum Einwurf. Noch mehr Svensson gab es eine Minute später zu sehen. Mit resolutem Körpereinsatz trennte er zunächst Karim Guedé vom Ball, dann leitete er mit einem scharfen Flachpass auf Nicolai Müller den Mainzer Gegenangriff ein. Wegen dieser schnellen, schnörkellosen und fast fehlerlosen Spieleröffnung genießt Svensson hohes Ansehen bei seinem Trainer Thomas Tuchel, auch wenn der folgende Angriff nichts einbrachte.

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Eine bemerkenswerte Aufgabe kam dem Abwehrrecken bei eigenen Standards zu: Da er nicht gerade für seinen Offensivkopfball berüchtigt ist, war Svensson als Störenfried im gegnerischen Strafraum eingeteilt. Also lief er in den Sekunden vor der Freistoßfanke von Teamkollege Andreas Ivanschitz in der 40. Minute vermeintlich planlos durch das Getümmel vor dem Tor rempelte den ein oder anderen Gegenspieler an und irritierte somit die gegnerische Ordnung.

Das Unternehmen Gegnerverwirrung endete für Svensson zwar nach einem Zusammenstoß mit Fallou Diagne mit einem Sturz auf den Boden, aber immerhin trug er dazu bei, dass Innenverteidigerkollege Noveski die beste Einschusschance im ersten Abschnitt erhielt. Er scheiterte allerdings aus sechs Metern an Gästekeeper Baumann.

Gutes Auge, aber kein Bayern-Anruf

In Halbzeit zwei gewannt Svensson defensiv wieder seine Sicherheit zurück, die Stärke im Zweikampf bezahlte er allerdings schmerzhaft. Bei einem Kopfballduell mit Guedé bekam er nach 55 Minuten den Ellbogen des Gegners ins Gesicht. 20 Minuten später kam Svensson hingegen ausnahmsweise einmal einen Tick zu spät. Das Foul an Daniel Caligiuri bestrafte Schiedsrichter Felix Zwayer mit der Gelben Karte. Vielleicht ging Svensson auch deshalb in der 84. Minute etwas zu vorsichtig zu Werke, als er Caliguiri recht unbedrängt von der Torauslinie  gefährlich, aber letztlich folgenlos in den Mainzer Fünf-Meter-Raum passen ließ.

Vielleicht war es aber auch die Müdigkeit des Alters. Denn wie sagte Svensson, bei 33 Jahren der zweitjüngste in der Mainzer Methusalem-Abwehr und zugleich der drittälteste im Team mit dem höchsten Durchschnittsalter aller 18 Bundesligaklubs, schön mit einem Augenzwinkern: „Die anderen drei in der Viererkette laufen unglaublich viel. Ich muss da mehr mit dem Auge machen.“ Als Fazit bleibt festzuhalten: Nur selten ließ ihn das Auge im Stich, Bayern München wird aber vermutlich dann doch nicht mehr anrufen.

Quelle: FAZ.NET

 
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