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Aggressionsforscher Jens Weidner „Bei Bayern gilt das Schrotgewehrprinzip“

 ·  Es ist Zeit für Fußball-Ballyhoo vor dem Spitzenspiel der Bundesliga an diesem Mittwoch (20.00 Uhr). Im F.A.Z.-Interview spricht Aggressionsforscher Jens Weidner über Münchner Attacken und Dortmunder Abwehrstrategien.

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© Thilo Rothacker „Wenn wir in Dortmund gewinnen, werden wir Meister“: Uli Hoeneß

Jens Weidner ist Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie und schrieb zuletzt das Buch „Die Peperoni-Strategie“. Vor dem Bundesliga-Spitzenspiel zwischen Borussen und den Bayern an diesem Mittwoch (20.00 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) spricht er über Münchner Attacken und Dortmunder Abwehrstrategien.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat kurz vor dem Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund wieder begonnen zu sticheln und behauptet: „Wenn wir in Dortmund gewinnen, werden wir Meister.“ Ist sein Verhalten nur unterhaltsam oder ein wirksamer, aggressiver Zermürbungskampf?

Man spricht in so einem Falle von konstruktiver Aggressivität, und die ist wirksam. Man nimmt dabei einen unangenehmen Zustand seines Mitbewerbers, in diesem Falle Borussia Dortmund, billigend in Kauf und spielt mit subtilen Aggressionsformen und Drohszenarien, die den anderen irritieren und verunsichern sollen. Solche Machtspiele strategisch einzusetzen und den Konkurrenten unter Druck zu setzen, das kann man lernen. Aber Hoeneß hat etwas, was man nicht lernen kann - das Gespür für den richtigen Zeitpunkt.

Woran zeigt sich dieses Talent?

Hoeneß hat das Gespür, den Mund zu halten, solange nichts machbar ist. Ich kann mir vorstellen, dass ihm schon seit Januar das Fell gejuckt hatte, etwas zu sagen. Aber er verhält sich erst dann aggressiv, wenn die Mannschaft des FC Bayern Leistung gebracht hat. Dass er sich zurücknehmen kann, bis die Leistung der Mannschaft stimmt, ist der Unterschied zwischen einfach aggressiv Agierenden und denjenigen wie Hoeneß, die selbst darüber bestimmen, wann sie platzen. In dem Moment, wenn die Haut des Gegenübers dünner wird, und das ist bei Dortmund der Fall, da kommt Hoeneß und piekst elegant hinein, so dass beim Gegner die Luft rausgehen kann. Diesen Moment des Zuschlagens zu erkennen, darin ist er eine Klasse für sich. Und die Tatsache, dass er eine Fleischfabrik besitzt, macht seine Attacken einen Tick makabrer. Wenn er eine Friseursalonkette hätte, wäre das in einer Machoszene des Fußballs nicht so der Renner.

Es bringt also nichts, ständig zu sticheln, sondern die Kunst besteht darin, im rechten Augenblick aggressiv zu werden?

Wenn jemand immer wieder stichelt, gilt er bald als cholerischer Typus und muss sich oft im Nachhinein entschuldigen. Dann heißt es: Der Mann hat sich nicht im Griff. Wenn Hoeneß durchdreht, weiß man, dass es sich um eine Inszenierung handelt. Ich würde einen Hunderter darauf setzen, dass er solche Auftritte auch früher geübt hat. Seine Art von Grenzüberschreitung schüchtert ein. Auf jeden Fall müssen sich die Dortmunder dazu positionieren, ob sie wollen oder nicht.

Nach den ersten Attacken hat BVB-Geschäftsführer Watzke gesagt: „Dieser ganze Psychoquatsch ist Kindergarten und bringt nichts.“ Kann das sein?

Das muss Watzke ja behaupten. Entweder man hält dagegen, oder man verweist sein Gegenüber in den Bereich der Infantilität. Allerdings assoziiert niemand in Deutschland Hoeneß mit Kindergartenquatsch, denn sein Vorgehen war zu häufig zu erfolgreich. In seiner Strategie, die er ja kultiviert und die sein Markenzeichen geworden ist, kann er nie zu weit gehen. Selbst wenn er an einem Freitag zu weit geht, dann lässt er seine Worte übers Wochenende erblühen, entschuldigt sich dann am Montag und macht am Dienstag eine Pressekonferenz zu sozialer Förderung. Im gröbsten Fall hilft er dann einem Underdog wie dem FC St. Pauli.

Was wäre gute Dortmunder Strategie? Mit gleicher Münze zurückzahlen und aggressiv reagieren?

Jeder ist gut beraten, das zu tun, was er meisterlich kann. Klopp könnte also sagen, er hätte so viel Leidenschaft in sich, dass er gar nicht mitbekommen hätte, was die Münchner gesagt haben. Denn nichts nervt einen Provokateur so sehr, als wenn er ignoriert wird. Aber Hoeneß’ Attacken zielen ja nicht auf Klopp und Watzke, die diesen Angriffen cool begegnen. Die Wirkung zielt ja auf die Dortmunder Spieler - und die zählen jeden Punktverlust mit.

Vor einigen Wochen hatte Bayern-Sportdirektor Christian Nerlinger die deutsche Meisterschaft abgeschrieben. Nachdem es zuletzt aufwärtsging, kam Hoeneß mit starken Sprüchen Richtung Dortmund. Ist das Arbeitsteilung?

Nerlinger wird nie ein Attacken-Mann, und er sollte es auch nie versuchen. Er könnte der kultivierteste Liga-Diplomat werden, das würde der exzellent machen. Diejenigen, die sich den Biss nicht antrainieren können, sollten sich sogenannte Leutnants schaffen; also Leute, die für sie die aggressive Drecksarbeit erledigen. Ich würde mich nicht wundern, wenn Nerlinger und Hoeneß sich unter vier Augen darüber abstimmen, dass der eine sich zurückhält und der andere richtig einen abschießt. Hoeneß wird so ernst genommen, weil er sich Reputation erarbeitet hat.

Sein gewachsenes Gespür für den richtigen Zeitpunkt einer Attacke zeugt von großer Selbstbeherrschung und Souveränität.

Wenn Hoeneß diese Souveränität nicht hätte, könnte man ihn in jedem Interview mit drei, vier Sätzen provozieren. Zum Beispiel könnte man ihn damit versuchen zu reizen, dass er letztlich ein primitiver Schlachter wäre, der mit blutigen Händen versucht, in die schickere Gesellschaft zu kommen.

Wie würde Hoeneß da reagieren?

Er würde wohl einen Spendenfonds für Veganer aufmachen.

Haben Hoeneß’ Attacken nicht zwei Ziele: neben der Abkanzelung von Dortmund auch die Integration nach innen?

Hoeneß hält der eigenen Mannschaft wie ein fürsorglicher, strenger Vater den Rücken frei. Er wird jede Debatte, die die Mannschaft beunruhigen könnte, abwenden und alles auf sich ziehen. Er macht sich aus Fürsorge zum Prügelknaben - allein dafür bewundere ich ihn. Hoeneß ist kein Narzisst, der meint, es wieder mal krachen lassen zu müssen, sondern er stellt seine Potenzen in den Dienst eines Plans. Er hat immer das Wohl des Vereins vor Augen. Man kann ihn natürlich auch negativ interpretieren, aber er befolgt immer eine ethische Norm der konstruktiv Aggressiven: Hau nicht auf Kleinere, sondern kämpfe auf deiner Ebene oder auf der Ebene darüber!

In der Vergangenheit haben viele Adressaten seiner Attacken reagiert, indem sie nervös geworden sind: Assauer, Toppmöller, Daum. Wirken die Angriffe bei einem bestimmten Typus besonders?

Die Leute, die authentisch und spontan reagieren, sind gefährdeter. Die kann man vorführen wie ein Duracell-Männchen. Und in der Erregung erzählt man Unfug.

Besteht die Gefahr bei Klopp, der ja auch authentisch wirkt?

Klopp ist zwar ein authentischer Typ, er klopft Sprüche und produziert Lacher, zeigt aber wenig von sich und lässt nicht in sich hineinblicken. Der hat eine innerliche Teflon-Beschichtung. Ich glaube, dass Klopp auch zocken kann. Wenn er auf Hoeneß’ Attacken erwidern würde, „der Uli wirkt auf mich in letzter Zeit etwas erregt“, dann wäre das eine gute Antwort.

Der Dortmunder Trainer könnte sich Hoeneß’ Angriffe auch zunutze machen - als zusätzliche Motivation für die eigenen Spieler.

Die Profis sind durch die vielen Spiele erschöpft, darum muss man an ihre Psyche rangehen. Dazu kann der Aufbau eines Feindbildes dienen. Es ist am Mittwoch ein Sechs-Punkte-Spiel, da wird Hoeneß auf die Dinge setzen, die zwanzig Jahre Erfolg gebracht haben. Letztlich gilt bei den Bayern das Schrotgewehr-Prinzip: Hoeneß, Nerlinger, Rummenigge und manchmal Beckenbauer schießen, und der Salve, die trifft, bedienen sie sich dann zu viert weiter.

Das Gespräch führte Thomas Klemm.

Quelle: F.A.S.
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