08.03.2010 · Die Affäre um Manfred Amerell und Michael Kempter wird zu einer Schlammschlacht und bringt einige Verlierer hervor. Nun will der DFB das System umbauen. Vor dem Neubeginn müssen die Pfeifenmänner aber erst einmal weiter leiden.
Von Michael AshelmMarkus Merk weilte am Freitag in Barcelona. Ein Großunternehmen hatte den Rekordschiedsrichter der Bundesliga und dreimaligen „Weltschiedsrichter des Jahres“ für einen Vortrag eingeladen. Das Thema: Konflikt- und Kommunikationsmanagement. Irgendwie passte das sehr gut, aber vor allem für einen ganz anderen Ort. Während Merk in Spanien vor Mitarbeitern des Konzerns über seine Strategie referierte, spitzte sich in der Heimat die Lage unter den alten Kollegen zu. Aber keine Spur mehr von Konfliktlösung - die Konfrontation in der Affäre um Lügen, Intrigen und eine Männerbeziehung unter Fußball-Schiedsrichtern verschärft sich und könnte zu einer schmutzigen Schlammschlacht werden.
Nicht nur die direkt Beteiligten sowie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und sein Präsident Theo Zwanziger müssen sich auf schwere Turbulenzen einstellen. Eine weitere Eskalation würde auch die Gilde der besten deutschen Schiedsrichter hart treffen. „In diesem Fall wird es keine Sieger mehr geben“, sagt Merk. Für ihn ist die Entwicklung eine logische Konsequenz aus dem fehlerhaften Krisenmanagement aller Beteiligten, bei der nicht mehr eine sachliche Klärung, sondern die persönliche Abrechnung im Vordergrund stünde. „Deshalb kann mich nicht erstaunen, welchen Verlauf die Sache jetzt nimmt.“
Nach dem Vergleich zwischen dem DFB und Amerell ist eine neue Situation entstanden: Der Verband musste dem Beschuldigten die Identität und Eidesversicherung seiner vier Zeugen präsentieren, die Amerell der sexuellen Belästigung bezichtigen. Zwar müssen diese Namen anonym bleiben - doch kündigte Amerell nach Einsicht der Akten an, zu seiner eigenen Verteidigung gegen diese Personen prozessieren zu wollen. Spätestens damit würden die Namen weiterer Schiedsrichter öffentlich werden. Vielleicht kommen die Betroffenen Amerell auch zuvor und geben ihre Identität bald selbst preis. In beiden Fällen käme es zu einer neuen Runde gegenseitiger Beschuldigungen, in der weitere intime Details aus dem Beziehungsgeflecht eines dann erweiterten Schiedsrichter-Kreises bekannt würden.
Kempter bestreitet die Existenz der Bayern-E-Mails nicht
Wie schnell es in dieser unkontrollierbar erscheinenden Affäre plötzlich zu neuen, überraschenden Wendungen kommt, ist bei Michael Kempter zu sehen. Der 27 Jahre alte Schiedsrichter hatte mit Begleitschutz des DFB den Fall durch seine Vorwürfe gegen Amerell ins Rollen gebracht. Nun stellen E-Mails, die er an Amerell geschickt haben soll, seine Glaubwürdigkeit ein Stück in Frage. Aus dem Schriftverkehr lässt sich eine homosexuelle Beziehung ableiten, was Kempter bisher bestreitet.
Zum Verhängnis könnte ihm eine Botschaft an Amerell aus dem Jahr 2007 werden, als er an einem Champions-League-Abend im April das Ausscheiden des FC Bayern freudig erwartete und so formulierte. Kempter bestreitet die Existenz dieser E-Mails nicht, behauptet aber, sie müssten vor dem Hintergrund des psychischen Drucks durch seinen Peiniger beurteilt werden, der sozusagen mit Liebesbekundungen bei Laune gehalten werden musste.
Eigentlich stehen Schiedsrichter für Zuverlässigkeit, Regeltreue und absolute Unabhängigkeit. Kempters Rückkehr auf den Platz, die am Sonntag in der zweiten Liga bei Union Berlin gegen Duisburg stattfinden sollte, wurde verschoben. Der Fall hat eine neue Dimension bekommen. Der Kontrollausschuss des DFB ermittelt jetzt wegen seiner Bayern-E-Mail an Amerell. Plötzlich ist es sehr gut möglich, dass Kempters kurze, vielversprechende Karriere schon zu Ende ist.
„Offensichtlich soll jetzt alles vernichtet werden“
Für den DFB und seine besten Schiedsrichter, zu denen der junge Schwabe bislang gehört hat, wäre das ein herber Rückschlag. „Man kann jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen und so tun, als würde diese Mail nicht existieren“, sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß. Zudem kündigte Amerell an, Kempter auf Schadensersatz verklagen zu wollen. „Offensichtlich soll jetzt alles vernichtet werden“, sagt ein Bundesliga-Schiedsrichter in Bezug auf die Verteidigungstaktik des ehemaligen Schiedsrichterfunktionärs. Die Frage ist: Was kommt noch auf den Tisch?
Es ist kaum möglich, in diesen Tagen öffentliche Aussagen von aktiven Schiedsrichtern über den Fall zu bekommen. Selbst bei allgemeinen Einschätzungen halten sich die meisten lieber zurück und schweigen. Es herrscht Unsicherheit unter den Unparteiischen, niemand will seine Karriere durch Äußerungen in der Öffentlichkeit gefährden, zumal das Revirement in der eigenen Organisation noch bevorsteht und die alten Seilschaften, welche in dieser Krise schwer in die Kritik geraten sind, weiterhin ihren Einfluss ausspielen. Ligapräsident Rauball hatte das Schiedsrichterwesen als „Geheimbund“ bezeichnet.
„Das ist schlecht für unsere Schiedsrichter, aber auch für den DFB“
„Wir brauchen wieder positive Meldungen“, sagte der in seiner letzten Saison aktive Bundesliga-Schiedsrichter Lutz Wagner diese Woche in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch Merk, der 2008 seine Karriere als Unparteiischer beendete und seither ein gefragter Mann auf Seminaren in der Wirtschaft ist, glaubt, dass die Affäre vor allem negative Auswirkungen auf die Basis haben könnte. Rund 80.000 Fußball-Schiedsrichter gibt es in Deutschland, es ist schon so nicht einfach, neue Leute für den Spielbetrieb zu rekrutieren. Zudem stellte er bei seinen Auslandsbesuchen in den vergangenen Wochen fest, wie der Fall auch dort immer mehr zum Thema wird. „Das ist schlecht für unsere Schiedsrichter, aber auch für den DFB“, sagt Merk.
Etwas Aufhellung erhoffen sich der Verband und seine Eliteschiedsrichter vom nächsten Freitag, wenn bei der Präsidiumssitzung die eilig zusammengeschusterte Reform für das Schiedsrichterwesen auf den Weg gebracht werden soll. Eine kleine Arbeitsgruppe unter Vorsitz des Unparteiischen Herbert Fandel arbeitet an einer Neuordnung. Der 68 Jahre alte Schiedsrichterobmann Volker Roth ist nicht beteiligt. Trotz seiner Versäumnisse hat sich der DFB entschieden, ihm planmäßig im Oktober auf dem Bundestag einen würdigen Abschied zu bereiten, was intern Widerspruch auslöst. Über Jahre bildete Roth zusammen mit Amerell und Schiedsrichter-Lehrwart Eugen Strigel ein allmächtiges, unantastbares Triumvirat, das nach Belieben herrschte.
„Es wird ein frischer Wind wehen. Wir stellen um auf Teamarbeit“
Kempter und andere behaupten, dass Amerell seine Position schamlos ausgenutzt hat. „Es wird ein frischer Wind wehen. Wir stellen um auf Teamarbeit“, kündigt Fandel nun an. Das heißt: mehr Transparenz, weniger Abhängigkeiten. Womöglich wird das Benotungssystem abgeschafft und durch langfristige Stärke-/Schwächen-Profile ersetzt. Ein Beobachter soll nicht mehr so oft in einer Saison einen bestimmten Schiedsrichter beurteilen. Und vielleicht wird die Einsatzprämie von derzeit 3800 Euro pro Bundesligaspiel (2000 Euro zweite Liga) reduziert und dafür ein Grundgehalt eingeführt. Diese Honorierungsart würde die Schiedsrichter nicht mehr so abhängig von einzelnen Spieltagsnominierungen machen.
Vor dem Neubeginn müssen die Pfeifenmänner aber erst einmal weiter leiden. Es ist keine leichte Zeit für sie. Zwei von ihnen sind im Zuge der Ermittlungen im Wettskandal noch immer aus dem Verkehr gezogen.
Stoff für Gespräche
Wir Kleidungsstücke haben alle eine spezielle Geschichte, und meine - Sie sehen mich oben auf dem Foto - geht so: Vor vielen Jahren, als es der Deutsche Fußball-Bund schon einmal für nötig gehalten hat, das Image seiner Schiedsrichter aufzupolieren, wurden ich und meinesgleichen an Journalisten verteilt. Heute bin ich ziemlich alt, ziemlich grau und ziemlich verwaschen, wie man auf dem Foto sieht, und ähnele somit dem Menschen, an den ich damals geraten bin und dem ich bis heute gehöre.
Die meiste Zeit liege ich in einem dunklen Frankfurter Kleiderschrank, nur dann und wann, wenn sich mein Besitzer bequemt, ins Fitnessstudio zu gehen, werde ich hervorgekramt. So wie in dieser Woche, als mein Sportsmann mich allzu sorglos überstreifte und zum Trimmen ging. Er hatte keine Freude an mir, weil ich plötzlich zum Gesprächsstoff wurde.
„Das ist aber gewagt“, sagt der Erste, der uns im Fitnessstudio über den Weg lief. Der Zweite wird auf dem Crosstrainer merklich langsamer, als er mich sieht. „Das ist doch nicht dein Ernst!“, japst er meinem Besitzer ins Gesicht: „Pass auf, dass dich der Amerell nicht erwischt!“ Weil mein Sportsmann etwas begriffsstutzig dreinschaut, lässt der andere nicht locker. „Echt peinlich, dein T-Shirt.“
Der Mensch, der mich trägt, tut mir seitdem leid: Denn wer das falsche Stoffstück trägt, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ich befürchte, dass ich jetzt wieder für unbestimmte Zeit im Schrank verschwinde. Vielleicht sogar für immer. Wer ist heute noch gerne Schiedsrichter? (Thomas Klemm)
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |