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SV Darmstadt 98 : Ben-Hatira wittert Verleumdung

  • -Aktualisiert am

„Ich lasse mich nicht einschüchtern“: Änis Ben-Hatira. Bild: dpa

Der Darmstädter Fußballprofi reagiert auf die Kritik der Fans an seinem Engagement für einen als salafistisch eingestuften Verein und spricht von Sabotage. Auch der Kapitän äußert sich.

          Der Fall Ben-Hatira wird zu einem Problem für den SV Darmstadt 98. Nach dem Protest der Fans gegen den Profi aus den eigenen Reihen am Samstag hat dieser nun auf die Vorwürfe reagiert. In einem langen Beitrag auf seiner Facebook-Seite bezeichnete der tunesische Nationalspieler die Kritik an seinem Engagement für den vom Verfassungsschutz als salafistisch eingestuften Verein „Ansaar International“ als „Verleumdungskampagne“. Er sei „bekannt als jemand, der sich nicht einschüchtern oder manipulieren lässt“, schreibt er weiter.

          In seinem offenen Brief – verbunden mit einem skurril wirkenden Foto, auf dem er in einer Küche das Flugblatt in die Kamera hält – äußert Ben-Hatira sein Unverständnis über die Fan-Aktion und bekennt sich deutlich zu der muslimischen Hilfsorganisation und deren sozialen Projekten, für die er Geld spendet. Konkret habe er einen Wassertank im Gaza-Streifen gestiftet und sich in Ghana am Bau eines Brunnens und Bau eines Waisenhauses beteiligt.

          Dies seien Projekte, die sich explizit an Bedürftige verschiedener Glaubensrichtungen richteten, so Ben-Hatira. „Von irgendwelchen radikalen Aktivitäten war nie etwas zu sehen, alles absoluter Quatsch.“ Im nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzbericht (2014) wird die Organisation mit Sitz in Düsseldorf dagegen als „fest mit der deutschen Salafisten-Szene verwoben“ beschrieben.

          Am Montagabend äußerte sich Kapitän Aytac Sulu zurückhaltend. Er will den Fall des Fußballprofis Änis Ben-Hatira beim SV Darmstadt 98 nicht beurteilen. „Es ist nicht so, dass wir in der Kabine über solche Geschichten reden“, sagte der Abwehrchef des Bundesliga-Schlusslichts in der Fernsehsendung „Heimspiel!“ des Hessischen Rundfunks über seinen Kollegen. Ins Privatleben seiner Mitspieler mische er sich als Spielführer grundsätzlich nicht ein: „Änis weiß, was gut ist und was schlecht ist.“

          Der Verein reagiert via Twitter

          Durch die überregionale Berichterstattung über den Profi, der im Verdacht steht, mit extremistisch-salafistischem Gedankengut zu sympathisieren, ist durchaus schon Schaden für den Bundesligaklub verursacht worden. Die Vereinsführung belässt es aber weiterhin bei der kurzen Stellungnahme vom Wochenende. In der über den vereinseigenen Twitter-Kanal verbreiteten Nachricht sagte Präsident Rüdiger Fritsch, dass der SV 98 dem Spieler von dieser Art sozialem Engagement abgeraten habe, es sich aber um „private Aktivitäten außerhalb des Machtbereichs des Vereins“ handele.

          Auch die Agentur Rogon des Spielerberaters Roger Wittmann, der Ben-Hatira unter Vertrag hat, reagierte auf Anfrage am Montag nicht. Die Anhänger des SV Darmstadt 98 hatten den 28-Jährigen am Samstag am Rande des Heimspiels gegen Borussia Mönchengladbach (0:0) aufgefordert, sich von „Ansaar International“ zu distanzieren. Andernfalls stelle er sich gegen die Werte der „Lilien“.

          Trennung schon in der laufenden Transferperiode?

          Auch der SVD solle stärker vom sozialen Engagement Ben-Hatiras abrücken, hieß es auf dem Flugblatt der Vereinigung „Lilienfans gegen Rechts“. Diese ist ein loser Zusammenschluss verschiedener Fangruppierungen, die sich unregelmäßig wie anlassbezogen politisch äußert. Der Zettel soll indes nicht die Mehrheit der Zuschauer der Partie gegen Gladbach erreicht haben, weil er wohl nur im Umfeld der Haupttribüne verteilt worden ist. Darauf fordert das Fan-Bündnis des Weiteren, dass der SV 98 ein Interview mit Ben-Hatira von seiner Homepage entfernen solle, weil dieses Werbung für „Ansaar International“ darstelle.

          Dem ist der Verein bislang nicht nachgekommen. Als die Vorwürfe gegen Ben-Hatira im November laut wurden, hatte der Klub seinem Profi so die Gelegenheit gegeben, persönlich Stellung zu beziehen. In der Winterpause hatte der Offensivspieler das von ihm unterstützte Brunnenbauprojekt in Ghana persönlich inspiziert. Dass von veröffentlichten Bildern der Reise der Leiter von „Ansaar International“, der einstige Rapper und Konvertit Joel Kayser, an der Seite Ben-Hatiras im „Lilien“-Trikot zu sehen ist, erregte ebenfalls den Unmut der Fans.

          Änis Ben-Hatira ist zeit seiner Profikarriere abseits des Fußballplatzes auf Abwege geraten. Bei Hertha BSC Berlin hatte er in der vergangenen Saison nach einer tätlichen Auseinandersetzung mit einem Mitspieler keine Zukunft mehr, bei der Frankfurter Eintracht überzeugte er in der Rückrunde sportlich nur sporadisch und fiel mit einem veröffentlichten Foto von auf der Dopingliste stehenden Präparaten negativ auf. Dem Tabellenletzten Darmstadt 98 ist er in dieser Spielzeit (ein Saisontor) auch noch keine echte Hilfe gewesen.

          Ben-Hatiras Vertrag läuft Ende Juni aus. Nicht ausgeschlossen, dass die „Lilien“ bestrebt sind, ihn schon in dieser Wintertransferperiode abzugeben. Ein neuer Arbeitgeber würde freilich auch die problematische Bindung des Spielers an „Ansaar International“ erben. Der Deutschtunesier ließ in seinem Schreiben jedenfalls keinen Zweifel daran, dass er sein Engagement fortsetzen wolle. „Dass nun versucht wird, mir meine sportliche Karriere in Deutschland zu sabotieren“, so Ben-Hatira, „empfinde ich als den eigentlichen Skandal.“

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