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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Abschied von den Bayern Kalkutta wartet auf Kahn

27.05.2008 ·  120.000 Zuschauer werden im zweitgrößten Stadion der Welt in der indischen Metropole bei seinem letzten Spiel für die Bayern erwartet: Oliver Kahns Abschied auf der letzten Station der Bayern-Asientour ist ein Signal des Aufbruchs für Indiens Fußball.

Von Oliver Samson
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Das Bild von Swami Vivekananda hängt im etwas baufälligen Büro von Anjan Mitra direkt neben Joseph Blatter und Pelé. „Du wirst dem Himmel durch Fußball näher kommen als durch das Studium der Gita“, hatte der einflussreiche spirituelle Philosoph Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben. Mitra ist der Generalsekretär von Mohun Bagan, dem beliebtesten Fußballklub Indiens. Man kann davon ausgehen, dass bald auch Oliver Kahn diese kleine Galerie zieren wird - der Torwart wird am Dienstag gegen Mohun Bagan zum letzten Mal in einem offiziellen Spiel für den FC Bayern auflaufen.

Es ist kein Treppenwitz des globalisierten Fußballs, dass Kahns große Karriere ausgerechnet im 15-Millionen-Moloch Kalkutta endet. 120.000 Zuschauer werden zu Kahns Abschiedsspiel im Salt Lake Stadium erwartet, dem zweitgrößten der Welt. Wie in ganz Asien ist Kahn auch in Indien ein hochverehrter Star, und Kalkutta ist traditionell eine fußballverrückte Stadt. Mohun Bagan, von der indischen Regierung mit dem Ehrentitel „National Club of India“ geadelt, blickt auf eine glorreiche Geschichte von 120 Jahren zurück. „Älter als der FC Bayern“, sagt Martin Hägele, der als „Leiter internationale Beziehungen“ beim FC Bayern den Trip nach Kalkutta eingefädelt hat.

In der Weltrangliste steht Indien deutlich hinter Vanuatu

Trotz der beachtlichen Historie ist Indien ein Fußballentwicklungsland geblieben. Nach einer erfolgreichen Phase in den vierziger und fünfziger Jahren wurden „sehr viele Chancen verpasst“, sagt der Deutsch-Inder Arunava Chaudhuri, profunder Kenner des indischen Fußballs, der mit sehr viel Herzblut von Deutschland aus ein indisches Fußballportal im Internet betreibt.

Jugendprogramme, Trainerausbildung, Marketing, funktionierende Ligen - als der Sport sich auch in Asien professionalisierte, verlor Indien den Anschluss. International steht Indien nun auf dem demütigenden 150. Platz der Weltrangliste, noch deutlich hinter Vanuatu, nur knapp vor den Niederländischen Antillen. Und fast noch schlimmer: In Indien selbst ist der Fußball weit, weit hinter einen anderen Sport zurückgefallen: Kricket.

Milliardengeschäft Kricket

Indien, das Land mit seinen 1,1 Milliarden Einwohnern, 16 offiziellen Staatssprachen und Tausenden von Göttern, wird von dieser einen nationalen Obsession geeint. Das Kricket-Spiel, wie der Fußball einst von den Briten geerbt, besitzt in Indien einen außerordentlichen Stellenwert. Es ist ausgeschlossen, Kricket in den Medien und der Werbung zu entkommen - und nahezu unmöglich, einen Inder zu finden, dem Kricket gleichgültig wäre.

Gerade in den letzten Wochen ist das Fieber nochmals deutlich gestiegen: Mit der Indian Premier League wurde eine neue Liga nach amerikanischem Vorbild eingeführt, die Massen und Milliarden bewegt. Die internationalen Topstars des Sports wurden mit Geld geradezu überschüttet, um bei dieser Klubmeisterschaft mitzuspielen. Die Sony/World Sport Group ließ sich alleine die Fernsehrechte für zehn Jahre über eine Milliarde Dollar kosten. Die Rechte an der offiziellen Homepage gingen für 50 Millionen Dollar weg.

Die WM 2006 wurde begeistert verfolgt

Andere Sportarten wurden von der großen Vermarktungsmaschine in den letzten Jahren zunehmend marginalisiert. Hockey, mit acht olympischen Goldmedaillen einst Indiens großer Stolz, droht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Für die Olympischen Spiele in Peking konnte sich das Team noch nicht mal qualifizieren.

Fußball hat es da besser. In Kalkutta wird überall gekickt - und internationaler Fußball ist durchaus populär. Die englische Premier League gibt es zeitversetzt im Fernsehen, die Bundesliga neuerdings auf Pay-TV, und nicht zuletzt die Weltmeisterschaft 2006 wurde auch in Indien begeistert verfolgt. Und der Fußball hat solvente Freunde. Fifa-Präsident Sepp Blatter sprach bei seinem Indien-Besuch im letzten Jahr „vom schlafenden Riesen“ und versprach beim Wecken zu helfen.

Es gibt eine leidlich funktionierende Liga

„Das Geld dafür ist da. Es darf nur nicht versickern“, sagt Amitabha Das Sharma, Fußballexperte der indischen Zeitung „The Hindu“. Es bedarf anscheinend mehr als der Hilfe des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) und Finanzkraft, um im indischen Fußball strukturelle Rückständigkeit, Missmanagement, Funktionärseitelkeiten und Korruption zu besiegen.

Immerhin, erste Schritte sind getan. Seit 2007 gibt es mit der I-League eine leidlich funktionierende Liga, private Jugendakademien werden gegründet, die indische U-16-Nationalmannschaft ließ durch Erfolge aufhorchen. Englische Topklubs haben längst Späher in Indien installiert, um sich das Geschäft mit einem eventuellen indischen Beckham nicht durch die Lappen gehen zu lassen. Wie viel Geld mit indischem Fußball einmal zu verdienen sein könnte, wird nicht zuletzt durch das Beispiel Kricket deutlich.

Kahns Abschied als Signal für den Aufbruch

Auch der FC Bayern sieht seinen Trip nach Indien durchaus als Erweckungshilfe. Man wolle auf jeden Fall vorfühlen, ob es mit einer längerfristigen Kooperation mit Mohun Bagan klappen könnte, meint Hägele mit aller Vorsicht. Man kann sich jedenfalls schlechtere Aufbruchssignale für den indischen Fußball vorstellen als das Abschiedsspiel für Oliver Kahn. Schließlich nährte sich Kahns Ruhm nicht zuletzt aus seiner Fähigkeit, gerade dann zu Großtaten aufzurütteln, wenn die Lage aussichtslos schien.

Und wer weiß, vielleicht findet Kahn ja auch eine neue Aufgabe, die ihn auch wieder nach Indien führen könnte. Immerhin hat er in Interviews mehrfach anklingen lassen, dass er sich durchaus vorstellen könne, in Zukunft in Asien Projekte zu verfolgen. Wenn dieses letzte Spiel dann mal gespielt ist - in Kalkutta vor 125.000 Zuschauern.

Oliver Kahn war das erste Mal überhaupt in Indien und wurde doch verabschiedet, als habe er nie woanders gespielt. Das Salt-Lake-Stadion war zum ersten Mal seit elf Jahren ausverkauft, 125.000 Zuschauer wollten den früheren „Welttorhüter“ sehen. Kalkuttas Kicker erstarrten in Ehrfurcht vor Kahn, „the legend“, wie der Stadionsprecher in der Halbzeitpause aufgeregt schwärmte. Nach viereinhalb Minuten, als die Legende das erste Mal den Ball aufnahm, einen harmlosen Roller, tobte die Arena. Der lässige Abwurf zwei Kaubewegungen später blieb seine einzige Spielhandlung für eine lange Zeit. Am Ende siegte Bayern 3:0, Kahn war schon längst nicht mehr auf dem Feld. Eines aber steht nun fest: Ein Tor hat Oliver Kahn selbst nie geschossen. Trotzdem beschenkt ihn Indien wie einen Maharadscha. Vor dem Spiel bekam Kahn eine goldene Trophähe aus 8640 Diamanten überreicht. „Das ist ein großer Augenblick in meiner Karriere“, sagte Kahn. Seinen Kaugummi nahm er dabei nicht aus dem Mund. (stah)

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